Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen Arm, doch nach dem ersten Schritt blieb sie schon wieder stehen. Was sollte er von ihr denken, wenn sie ihm nach ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklärendes Wort sagte? Er würde sie mindestens für recht albern halten. Sie fühlte, daß seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja, sie mußte ihr rätselhaftes Benehmen entschuldigen.
Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die ernst und teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle Seele, ein feines Zartgefühl verrieten. Sie hätte sehr bedauert, von dem ihr so sympathischen jungen Manne falsch beurteilt zu werden, was sie nach diesem Zwischenfall ja gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie sprechen, so schwer es ihr auch fiel. „Bitte, Herr Doktor,“ sagte sie leise, „wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, ich muß Ihnen etwas sagen.“
Er erfüllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung an. Eine kleine Pause entstand, denn Ilse konnte sich nicht entschließen, Leos Namen über die Lippen zu bringen, den sie in der letzten Zeit gar nicht mehr ausgesprochen hatte, [pg 129]den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen trug. „Sie halten mich gewiß für recht kindisch,“ begann sie endlich, „und wissen nicht, was Sie von mir denken sollen. Ja, es ist wahr, Assessor Gontrau ist mein Bräutigam. Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen das nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre Überraschung sehen, wenn Sie es dann von mir erfuhren, und da – da ärgerte ich mich so, daß Herr Lüders mir den Spaß verdarb.“
Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben, und sie wunderte sich jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen hatte, dieselbe auszusprechen. Hinterher schämte sie sich ihrer Lüge und blickte verlegen vor sich nieder. Sie hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine große Tugend von ihr. Daher kam sie sich verächtlich vor und schwankte, ob sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen solle, denn er hatte sie doch sicher ohnedies schon durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht blickte, in dem sie keinerlei Zweifel über ihre Worte entdeckte, als sie in seine unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich streckte er ihr die Hand entgegen und rief vergnügt:
„Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau kennen gelernt zu haben! Von Herzen wünsche ich Ihnen zu solchem Manne alles Glück. Aber bitte, Fräulein, nun erzählen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut und treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben.“
Andres glaubte wirklich an Ilses Erzählung, und daß ihre Aufregung nur aus dem Ärger über den verdorbenen Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er mit aller Unbefangenheit weiter und merkte nicht wie peinlich die junge Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berührten. Sie saß wie auf Kohlen und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber auf die Dauer wurde es ihr äußerst schwer, die Diplomatin [pg 130]zu spielen, zu der sie nicht geboren war. Sie wurde immer verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor sie fragte, ob sie und Leo sich täglich schrieben, und bat, sie möchte ihn in ihrem nächsten Briefe von ihm grüßen, da brachte sie es nicht mehr über das Herz, sich noch weiter zu verstellen.
„Ich – ich,“ stammelte sie, „schreibe meinem Bräutigam nicht und kann ihn deshalb auch nicht von Ihnen grüßen.“
Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm denn überhaupt niemals schriebe.
Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.
„Nein,“ wiederholte sie erregt, „überhaupt nicht! Ach, ich bitte, schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklären, jetzt nicht sagen –“