„Gute Nacht!“ sagte Ilse und reichte Andres freundlich die Hand, während sie Lüders eine förmliche Verbeugung machte, ohne seine ihr entgegengestreckte Hand zu beachten; sie hätte sich nicht entschließen können, sie zu berühren, einen solchen Widerwillen flößte ihr dieser Mensch ein.
Noch lange saß sie in ihrem Stübchen und dachte nicht daran, sich auszuziehen. Die Vorgänge des Abends erregten sie noch zu sehr, als daß sie hätte schlafen können, wenn sie sich auch zur Ruhe gelegt haben würde. Von Nellie hatte sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere Aufklärung [pg 133]zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der Geschichte sprechen. Desto mehr beschäftigte dieselbe ihre Gedanken. Sie konnte sich nicht beruhigen, daß sie sich so dumm benommen hatte.
Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten angefangen hätte, die ihr doch unmöglich gleichgültig sein konnten. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, ob Leo wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte, bevor er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufällig, daß er ein flotter Kurmacher gewesen war und daß ihn die jungen Mädchen sehr umschwärmt hatten. Zum zweiten Male ertappte sie sich heute abend auf einem eifersüchtigen Gefühle, das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen; auf der andern Seite aber berührte sie es doch nicht unangenehm, daß Leo so begehrenswert erschien. Nur die schöne Amerikanerin wollte ihr nicht aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in ihr auf: warum hat er dir nie etwas davon erzählt? Warum hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewiß ist ihm die Erinnerung an das schöne Mädchen schmerzlich, die wohl so viel schöner und klüger war, als du.
Unwillkürlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend. Es war ihr nie eingefallen, daran zu denken, ob sie wohl für Leo hübsch genug wäre; nie hatte sie Wert darauf gelegt, sich für ihn besonders zu schmücken, wie das andre Bräute für den Bräutigam tun. Aber heute prüfte sie ihr Gesicht Zug für Zug, und verglich sich im geheimen mit der reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie ihr so lebhaft vorführte, als hätte sie dieselbe schon in Wirklichkeit gesehen. Sie fand sich grundhäßlich gegen ihre Phantasiegebilde, welches sie mit einem überlegenen Lächeln anzublicken schien. Sicher hatte Leo eine Photographie seiner Angebeteten, die er immer bei sich trug, womöglich auf dem Herzen. Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wären geradezu ‚phänomenal‘ gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel [pg 134]die ihrigen damit, und wieder fiel der Vergleich zur größten Unzufriedenheit aus.
Ein leises Klopfen an der Tür hatte Ilse in der eifrigen Betrachtung ihres Spiegelbildes ganz überhört. Nellies Stimme ließ sie zusammenfahren.
„Warum siehst du dich denn so in den Spiegel, darling, mit so böse Augen, daß ich mir fürchten muß?“
Ilse war betroffen zurückgetreten in größter Verlegenheit, die aber von Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an ganz etwas anderes dachte.
„Es ist gut, daß du nicht schon schläfst und ich dein süßes Schlummer stören muß,“ sagte sie, „denn Ilschen, ich habe eine große Neuigkeit, die ich nicht bis morgen früh bei mich behalten konnte, ohne daß du ihr weißt. Lies hier dieses Brief!“
Ilse zitterte. „Eine große Neuigkeit,“ so sagte Nellie und brachte einen Brief. Von wem war er, was für eine Neuigkeit mochte er enthalten? Dann schalt sie sich töricht, daß sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo dachte, als ob jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen müßte. Er dachte gewiß nicht daran, ihr zu schreiben, ja vielleicht hatte er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen Gedanken fühlte sich Ilse so weich werden, daß sie sich abwandte, damit Nellie ihr Gesicht nicht sähe.