Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen und entfaltet.

„Du ratst nicht, von wem er kommt, darling. Denke dich nur, er ist von unsre Orla!“

„Von Orla?“ fragte Ilse erstaunt.

„Ja, von ihr. Aber hier lies.“

Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen Blätter mit den energischen, fast männlichen Schriftzügen.

„Lies laut vor,“ bat Nellie, „ich habe ihn so in der Flucht gelesen, weil neugieriges Fred ihn haben wollte.“

Ilse las wie folgt:

Liebste Nellie!

Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick [pg 136]an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.

Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.