Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben aufzunehmen.

Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.

Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.

Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir nichts ferner als das!

Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend [pg 138]oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn dir mitteile.

Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.

Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen suche.

Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden [pg 139]Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr, notabene, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stets

St. Petersburg 17/29. 10. 18 ..

deine treue
Orla Sassuwitsch.