„Arme Orla,“ sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu Ende gelesen hatte, „ich hatte ihr stets so gern.“
„O, ich auch!“ rief Ilse. „Aber weißt du, Nellie, ich hatte immer ein bißchen Angst vor ihr; sie ist so klug und sieht einen so durchdringend und scharf an, als könnte sie die geheimsten Gedanken erraten. Zur Studentin paßt sie famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein Mann dazu, daß sie studieren will, ist er damit einverstanden?“
„O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint nur, es wäre ein großer Schritt von einer Frau, zu studieren, und will ihr das auch vorstellen. Doch ich sage ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das tut sie, du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr gleich, sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf. Und nun, gute Nacht, darling, ich bin müde von die langweilige Flora-Gesellschaft und auch du hast schlafrige Augen.“
Die Freundin war schon längst fort, und Ilse hatte sich gleichfalls zur Ruhe begeben, lag aber noch wachend im Bette; die Erinnerung an den ereignisreichen Abend raubte [pg 140]ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschäftigte sie lebhaft. Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was wird Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende und energische Russin niemals verstanden hatte, sie wird über diese Emanzipation gewiß außer sich sein.
Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine Arme schloß, träumte sie lauter wunderliches Zeug. Orla stand in Männerkleidern vor ihr und hatte das Cereviskäppchen flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen Spazierstöckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und blies aus einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die Luft. Dann wieder erschien Leo in Ilses Träumen. Er lag zu den Füßen der schönen Amerikanerin, die ihn mit ihren schwarzen Augen verführerisch anblickte. Ilse wurde bei diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen, sie wollte dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und konnte sich nicht vom Flecke rühren. –
Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in aller Frühe geschrieben; die Antwort war sofort in einem kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte enthielt: „Ich werde Montag abend 8½ Uhr dort eintreffen.
Orla.“
Nach einer Wohnung für dieselbe hatte sich Nellie nicht umgesehen, denn selbstverständlich würde sie die Freundin nicht ausquartieren; sie sollte vielmehr das Fremdenstübchen mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft Orlas war jetzt ein lebhafter Gesprächsgegenstand. Flora fand die Idee, daß Orla studieren wollte, ‚einfach genial‘ und war so begeistert darüber, daß sie behauptete: wenn sie nicht ‚Hymens Fesseln‘ bänden, wie sie sich, stets poetisch, ausdrückte, würde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch nicht gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium wählen möchte, die nach ihrer Meinung nun einmal alles Ideale in der menschlichen Brust ersticke.
„Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind sozusagen ‚geistig verwandt‘,“ sagte sie zu Nellie und Ilse, „ich freue mich deshalb schrecklich, sie wiederzusehen.“
Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in einem Blumenstrauß versteckt zum Empfange überreichen wollte und in dem sie in überschwenglichster Weise eine Heldin der Zukunft besang.