Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt war und Flora ihn mit überschwenglichen Gedichten überschüttete, die er nur flüchtig las, daß er einst unter dieser poetischen Ader zu leiden haben würde. Er sah es für eine Spielerei an, die ein Ende nehmen würde, wenn erst ernste Pflichten an die junge Frau heranträten. Wie bitter wurde er enttäuscht! Aus der sanften, hingebenden Braut, die ihn schwärmerisch anzubeten schien, in der er eine treue Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter für sein Kind zu [pg 144]finden hoffte, wurde eine unfügsame, selbstsüchtige Frau, welche Mann und Kind vernachlässigte und sich obenein noch gekränkt fühlte, daß er ihrer dichterischen Beanlagung so wenig Interesse schenkte und so geringes Verständnis entgegenbrachte. „Sie mit ihrer idealen Natur passe nun einmal nicht in diese profane Welt,“ so tröstete sie sich schließlich. Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung, nachdem seine Liebe und Güte, dann seine Strenge, ja selbst sein Zorn nichts gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden Berufe nach und sagte nichts mehr; Flora war froh, daß sie keine Vorwürfe mehr hören mußte und Ruhe hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal klagte und wie hart es sei, von dem eigenen Manne verkannt zu werden.

„Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der ich lebe,“ sagte sie zu Lüders, „denn wer versteht mich? Außer Ihnen niemand,“ fügte sie mit einem gefühlvollen Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer gewissen Geringschätzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung wenigstens, vollständig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen auf.

Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert: „Tut nix, von schöne Gedichte und Romans kann mein Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein prosaisches Frau, liebe Dichterin.“

„Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang bei Nellie finden,“ dachte Flora im stillen und meinte, es wäre eigentlich besser, Orla wohne bei ihr. Sie beneidete Althoffs grenzenlos um ihren interessanten Besuch und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren. Ihrem Freunde, dem Referendar Lüders und ihren Bekannten erzählte sie mit großer Wichtigkeit und Ausführlichkeit von der bevorstehenden Ankunft der jungen Russin, die eine [pg 145]intime Freundin von ihr sei, da sie beide sozusagen ‚geistesverwandt‘ wären, daß sie zusammen in der Pension gewesen seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende Begabung ausgezeichnet hätte. Sie umgab deren Persönlichkeit mit einem Nimbus, der darauf berechnet war, seinen glänzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst zurückzuwerfen. Da war es denn bald stadtkundig geworden, welchen Besuch Althoffs erwarteten, und man sah demselben mit Spannung und Neugierde entgegen, ja sogar die Männer waren begierig, die junge Dame kennen zu lernen!

* * *

Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden, und da sie sich müde und abgespannt von der Reise fühlte, ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos, wie sehnsüchtig man im Städtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte. Flora kam fast jeden Tag; sie war natürlich auch auf dem Bahnhof gewesen, als Orla ankam, hatte diese überschwenglich umarmt und ihr den Strauß mit dem bewußten Gedicht in die Hand gedrückt. Orla nahm diese Begrüßung etwas kühl und verwundert auf, war sie doch gerade mit Flora nie vertraut gewesen, deren Natur ihr vollkommen unverständlich und unsympathisch war. Dagegen freute sie sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.

„Nellie,“ hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, „bitte, erzähle Orla nur gleich alles –, du weißt schon, die Geschichte mit der Flucht. Wenn sie mich nach Leo fragte, das wäre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenüber schäme ich mich doppelt, sie kann gewiß nicht begreifen, daß ich eines lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt so erhaben über alles Kleinliche.“

Nellie hörte mit heimlicher Genugtuung und Freude die Freundin an und sagte zu ihrem Manne: „Du Fred, [pg 146]Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt den Streit mit ihre Schatz schon ‚lumpig‘ und meint eine solche ‚Kleinigkeit‘ könne Orla nicht begreifen.“

Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzählen, und manche Stunde wurde mit alten Erinnerungen verplaudert. Waren diese im Grunde doch noch so frisch und neu; nur zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon verwischen können. Die kurze Spanne Zeit hatte aber manche Veränderungen hervorgebracht, namentlich wollten Orla die drei würdigen Hausfrauen unter den Pensionsschwestern nicht recht in den Sinn.

„Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen – Ilse rechne ich mit – wie ein Wickelkind vor,“ sagte sie scherzend.