„Na Orla,“ neckte Ilse, „wie lange wird es dauern, und du bist auch verlobt und verheiratet, du bist so hübsch und klug –“

„Um Gottes willen, Ilse,“ fiel ihr Orla in die Rede, „du willst mir doch nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind! Du weißt doch, daß ich sie hasse.“

Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu wollen. Aus ihren Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung und sie war viel zu offen, jemand etwas Angenehmes zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt, denn sie fand sie jetzt noch viel hübscher, als in der Pension. Sie war größer und voller geworden, dabei schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut gefiel Ilse Orlas ‚interessante Blässe‘, und in der Tat bot der matte, aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen Augen, dem kurzen, leichtgelockten Haar ein unendlich anziehendes und reizvolles Bild. Ihr Profil war scharf geschnitten, ein keckes Stumpfnäschen verlieh ihrem Gesicht etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den stolz geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension [pg 147]als ‚vollendet klassisch‘ besungen. Trotz einer gewissen Schroffheit in Orlas Wesen konnte sie hinreißend liebenswürdig sein und jedermann bezaubern.

Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden alles erzählt, was sie Trauriges betroffen hatte, und mit ihnen ihre Zukunftspläne beraten. Doktor Althoff machte sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres Entschlusses aufmerksam, und Orla war ihm für seine Aufrichtigkeit sehr dankbar, aber – so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er ihr auch an ihrem zukünftigen Beruf gezeigt hätte, sie wäre trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu werden.

„Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt davon, eine Optimistin zu sein,“ sprach sie, „ich weiß ganz genau und habe mir das auch reiflich überlegt, daß ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir habe, bis ich mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurück.“

Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht, das wußte er, denn schon in der Schule hatte er seine Freude an ihr gehabt und war oft überrascht gewesen, wie sie bei einem schnellen Fassungsvermögen für eine Frau auffallend klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen oberflächlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die Dinge bis auf den Grund. Daß es ihr aber heiliger Ernst mit dem Studium war, daß kein Gedanke der Eitelkeit, noch die Sucht nach Außergewöhnlichem sie dazu bestimmt hatten, das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit Althoff sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der Folge über seine eifrige und fleißige Schülerin nicht zu beklagen. Mit dem Unterricht wurde gleich am übernächsten Tage ihres Eintreffens begonnen.

„Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?“ hatte Nellie gefragt, „du bist von die vielen Aufregungen in der letzte Zeit doch gewiß sehr angespannt?“

„Nein, nein, Nellie,“ gab sie zur Antwort, „ich darf keine Minute Zeit verlieren, außerdem ist gegen elegische Gedanken, wie sie jetzt manchmal in mir auftauchen wollen, Arbeit das beste Mittel.“

Sie hatte sich entschieden gesträubt, bei Althoffs zu wohnen, indem sie behauptete, das ginge nicht, es wäre ihr peinlich. Sie würde sich daher in den nächsten Tagen selbst nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt Nellie, daß sie es nicht vorher schon getan hätte. Vorläufig bewohnte sie mit Ilse das Fremdenstübchen, und wenn diese abends schon längst im Bette lag, saß Orla noch auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.

„Aber Orla,“ sagte Ilse oft, „du darfst nicht so lange aufbleiben, du wirst sonst krank; komm und lege dich schlafen.“