Nellie nannte seinen Namen.
„Eine sympathische Erscheinung,“ bemerkte Orla noch. [pg 150]„Übrigens, Nellie, werden alle Leute, die neu hierherkommen, so angestarrt wie ich? Sie staunen mich ja an wie ein Wundertier. Sieh nur da drüben die Dame, wie sie dir zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, daß du stehen bleiben sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und kommt über die Straße zu uns.“
Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht bemeistern konnte und unbedingt den fremden Gast von Althoffs kennen lernen wollte.
„Liebe Frau Doktor,“ redete sie Nellie an, „ich habe Sie ja so lange nicht gesehen, es geht Ihnen doch gut, [pg 151]kleine Frau? Und Sie, liebes Bräutchen,“ wandte sie sich an Ilse, „ist die Sehnsucht nach dem Schätzchen nicht zu groß, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefällt es ihm denn in Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht wahr? Ja? Dann habe ich mich nicht geirrt, als ich neulich zufällig durch einen Bekannten meines Sohnes, einen Referendar, erfuhr, daß Assessor Gontrau sich einen längeren Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da wird er Ihnen jetzt gewiß viel Interessantes erzählen.“
Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen und unterbrach die redsame Dame deshalb schnell.
„Frau Direktor,“ sagte sie, „darf ich Ihnen unsere Freundin Fräulein Orla Sassuwitsch vorstellen?“
Und nun ergoß sich über diese ein gleicher Redestrom; Orla verstand es jedoch geschickt, mit kühler, aber ausgesuchter Höflichkeit ihren Fragen auszuweichen, so daß die aufgeregte Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie schon wußte. Die vornehme Zurückhaltung der jungen Dame imponierte ihr gewaltig, und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.
„Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit einer Handarbeit zu einer Tasse Kaffee,“ sagte sie, Orla die Hand schüttelnd, und verabschiedete sich.
„Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen,“ meinte Ilse offenherzig, „wie unverschämt sie jeden ausfragt! Ich könnte ihr kein Wort erwidern, so furchtbar ärgere ich mich über sie.“