„Aber, beste Ilse,“ lachte sie Orla aus, „wenn man sich über solche Lappalien im Leben schon ‚furchtbar ärgern‘ will, dann könnte man ja nie froh sein. Die gute Dame hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen scheint ihr Lebensbedürfnis zu sein. Du lieber Gott, ‚jedes Tierchen hat sein Pläsierchen‘, also: lassen wir ihr das Vergnügen.“
„Nein,“ sagte Ilse erregt, „ich könnte mit dieser Frau nicht verkehren, und warum soll man denn auch jemand [pg 152]besuchen, den man nicht ausstehen kann? Nellie mag sie auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr.“
„Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mädchen, Ilse, und hast noch sehr naive Ansichten, nimm mir das nicht übel! Von der ‚konventionellen Lüge‘ hast du wohl noch nie etwas gehört? Weißt nicht, daß man den Personen, die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen kann: geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm. Man könnte leider beinahe sagen: je besser man lügen kann, desto weiter kommt man in der Welt. Man nennt das ‚weltklug‘ sein.“
„Siehst du, Ilschen,“ warf Nellie ein, „Orla spricht so, wie ich dich schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das neugierige Direktorsfrau, aber sie darf mich das nicht anmerken.“
Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den Freundinnen her.
Am Abend, als die beiden jungen Mädchen sich zur Ruhe begaben, fragte Ilse plötzlich:
„Orla, würdest du mit deinem Manne alle Besuche machen, die er wünscht?“
„Närrchen, warum nicht? Natürlich! Man braucht ja deshalb noch nicht mit denen, die einem mißfallen, zu verkehren. Wie kommst du überhaupt zu dieser Frage?“
„Ach, ich dachte eben nur so zufällig daran,“ antwortete Ilse ausweichend und schwieg dann.
Orla schlief schon längst, als Ilse noch wachend in ihrem Bette lag. Leo in Paris, daran mußte sie immer denken. Was wollte er dort, warum reiste er dahin? Um sich zu amüsieren, natürlich nur deshalb. Sie hatte Nellie gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr mitgeteilt hatte, und ob sie auch wüßte, daß Leo in Paris sei. Nellie bestätigte es; sie wußte es ja schon länger, hatte ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich verschwiegen. Ilse [pg 153]fragte nichts weiter, sondern hatte das Gespräch schnell abgebrochen und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie sollte nicht etwa denken, daß sie sich ärgerte oder grämte. Aber ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend mit dieser Reise und raubten ihr selbst den Schlaf. Sie warf sich unruhig von einer Seite zur andern. War es denn nicht der beste Beweis, daß er sie nicht mehr liebte, daß er keinen Kummer empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergnügen nach Paris zu reisen? Paris – er hatte ihr schon so oft davon vorgeschwärmt und dabei gesagt, wenn wir erst verheiratet sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges Versprechen und unterhielt sich gewiß herrlich. Ihr Interesse für diese Stadt wurde plötzlich wach, sie hätte gar zu gern etwas näheres über Paris gewußt. Ob Orla wohl schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Großvater weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt gesehen; gewiß war sie auch in dieser Weltstadt gewesen und konnte ihr davon erzählen. Die Neugierde ließ ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas Namen.