Abb. 12. Fabrikgebäude eines Ingenio.
Neger und Weiße.
Ein arbeitslustiges und aus eigenem Antriebe wirtschaftlich rühriges oder geistig vorwärts strebendes Bevölkerungselement ist das farbige auf Cuba so wenig gewesen wie anderweit, und ein schweres Hemmnis der allgemeinen Kulturentwickelung der Insel hat darin immer gelegen, ganz ähnlich wie in den nordamerikanischen Südstaaten. Daß das Wirtschaftsleben Cubas ein so überaus einseitiges geblieben ist und sich heute im wesentlichen nur auf zwei Stapelerzeugnisse erstreckt, ist vor allen Dingen hieraus zu begreifen. Der Rohrzuckerbau würde trotz der hohen Gunst des Klimas und der Bodenart schwerlich zu dem angegebenen großartigen Umfange gediehen sein, wenn die Pflanzer in den Zeiten, wo sie sich zu der schrittweisen Freigebung ihrer Sklaven verstehen mußten, nicht darauf bedacht gewesen wären, die schwarzen Arbeiter gutenteils durch eingeführte chinesische Kulis und durch gemietete weiße Arbeiter sowie durch Maschinen zu ersetzen; und die Tabakkultur erhielt sich auf der alten Höhe lediglich dadurch, daß sie jederzeit ganz vorwiegend in den Händen von weißen und halbindianischen Kleinbauern (Guajiros) gewesen ist. Zucker- und Tabakdistrikte sind auf Cuba im allgemeinen keine Negerdistrikte. Die bis zum Jahre 1840 auf das höchste blühende, von der Negerarbeit aber schwer unabhängig zu haltende Kaffeekultur geriet in argen Verfall und vermochte in den letzten Jahrzehnten nicht mehr den Eigenbedarf der Inselbevölkerung zu decken, und der Kakaobau, der Baumwollenbau, der Indigobau sowie zahlreiche andere tropische Landwirtschaftszweige, die durch die Naturverhältnisse recht wohl möglich wären, gelangten über ein schwaches Anfangsstadium ihrer Entwickelung niemals hinaus. Desgleichen hielt sich auch der bereits bei der indianischen Urbevölkerung betriebene Maisbau ebenso wie der Reisbau und der Anbau anderer Nährfrüchte hauptsächlich der schwer entbehrlichen Negerarbeit halber in sehr bescheidenem, für die Versorgung der Bevölkerung unzureichendem Umfange, obgleich Mais, Reis, Bataten, Kartoffeln und dergleichen auf Cuba alljährlich zwei bis drei Ernten von demselben Boden gewähren.
Abb. 13. Cubanische Negerin.
Daß Neger und Mulatten auf Cuba bei der ihnen eigenen Arbeitsscheu nur ausnahmsweise zu wirklichem Wohlstande kamen, und daß sie nach ihrer, mit gutem Grunde von der spanischen Regierung nur zögernd und schrittweise vollzogenen Befreiung ein besitzloses städtisches und ländliches Proletariat ([Abb. 13]) darstellen, kann hiernach nicht befremden. Ebenso ist es aber auch nicht zu verwundern, daß die farbige Bevölkerung allezeit ein ganz besonders williges und eifriges Instrument jeder auf Unordnung und auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse abzielenden Bewegung gewesen ist, und daß sie auch in den Revolutionskriegen der Jahre 1868 bis 1878 und 1895–1898 sowohl eine verhältnismäßig große Zahl der Anführer — einen Antonio und José Maceo, einen Quintin Bandera, einen Clotilde Garcia, einen Villanueva, einen Castillo — als auch die entschiedene Mehrzahl der wirklichen Kämpfer und des Trosses in dem Insurgentenheere gestellt hat. Der große und erfolgreiche Brenn- und Sengzug durch die Zuckerrohr- und Tabakfelder, den die Insurgenten im Winter 1895 zu 1896 in der ganzen gewaltigen Längserstreckung der Insel ausführten — von der äußersten Ostspitze (Kap Maisi) bis zur Westspitze (Kap San Antonio) ist es weiter als von der deutsch-russischen bis zu der deutsch-französischen Grenze (gegen 1200 Kilometer) —, kommt beinahe ausschließlich auf die Rechnung der Mulatten und Neger.
Volksleben.
Die weiße Bevölkerung Cubas entströmte im bemerkenswerten Gegensatze zu derjenigen der Nordamerikanischen Union in dem gegenwärtigen Jahrhunderte ebenso wie in allen voraufgegangenen in der Hauptsache einem einzigen europäischen Lande — Spanien —, und soweit sich der Stammesgegensatz zwischen Castiliern, Catalanen, Basken, Andalusiern u. s. w. von dem spanischen Boden auf den Boden der großen Antilleninsel verpflanzte, so schwand er daselbst immer sehr rasch. Es läßt sich demnach kaum eine vollkommenere Einheitlichkeit in Sprache, Sitte und Lebensart, sowie zugleich im Religionsbekenntnisse denken, als er unter den cubanischen Weißen herrscht, und ebensowenig auch eine vollkommenere ethnologische Übereinstimmung zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande. Man rühmt den Cubanern nach, daß sie fast durchgängig ein sehr reines Castilisch sprechen. Ebenso erfreuen sie sich an dem grausamen Spiele des Stiergefechtes mit seinen buntgekleideten Toreros und Toreras, Banderilleros und Banderilleras ([Abb. 14] und [15]), sowie an dem des Hahnenkampfes mit den damit verbundenen Wetten, an den Glücksspielen des Monte und der Lotterie, an der Musik der Guitarre, an den Volkstänzen des Fandango und Zapateado ([Abb. 16]), und vielfach entfalten sie bei alledem eine noch größere Leidenschaftlichkeit, als ihre daheim gebliebenen Stammesbrüder, so daß man behaupten könnte, der heißblütige spanische Nationalcharakter habe sich in ihnen nur noch weiter gesteigert. Die Männer tragen breitrandige Sombreros wie in Spanien und die Frauen schwarze Spitzenmantillas ([Abb. 17]). Die Häuser von Habana und Santiago sind von derselben massigen und festungsartigen Bauart wie die von Toledo und Sevilla, und besseren darunter fehlt nie der blumen- und palmengeschmückte innere Hof (Patio) sowie die Söllerausstattung der oberen Stockwerke, nur sind ihre Fenster weiter und statt mit Glasscheiben mit schwerem Eisengitterwerk verschlossen ([Abb. 18], [19] und [20]), weil der Luftbedarf darin in dem Tropenklima naturgemäß ein viel größerer ist. Die Getränke kühlt man in den wohlbekannten spanischen Alcarrazas (porösen Thonkrügen), während sich im übrigen in den Trinkgefäßen zum Teil der auch nach dem Mutterlande hinüberwirkende indianische Einfluß geltend macht ([Abb. 21]). Die Herrschaft über die Geister endlich führen in Cuba wie in Spanien Priester und geistliche Orden, und nur unter den Männern herrscht hier wie dort eine gewisse Neigung zu Gleichgültigkeit in religiösen Dingen oder zu ausgesprochenem Freidenkertume.
Abb. 14. Ein Stiergefecht.