Abb. 10. Die Königspalmenallee des Botanischen Gartens zu Habana.
Abb. 11. Ein Ingenio.
Die Ursachen des Niederganges.
Ungeachtet dieser Ziffern, die von der Bedeutung und dem Werte der „Perle der Antillen“ kein weniger glänzendes Zeugnis ablegen als das Tagebuch des Kolumbus, wurde die Lage in Cuba aber in wirtschaftlicher ebenso wie in politischer und allgemein kultureller Beziehung während der letzten Jahrzehnte allgemach eine überaus üble, und man durfte sich seit geraumer Zeit mit Fug und Recht fragen, ob sie wohl in irgend einem Lande der Erde eine traurigere sein könne. In Irland war sie höchstens eine ähnlich traurige.
Der Ursachen, die diese Wendung zum Schlechteren herbeigeführt haben und die es zugleich auch bewirkt haben, daß die Herrschaft über die Insel vor unseren Augen den Händen der Spanier entglitten ist, — dieser Ursachen gab es mancherlei, und mit dem bloßen Hinweise auf das spanische Mißregiment sind dieselben in jedem Falle nicht erschöpft.
Die berührte starke Bevölkerungszunahme in dem letzten Viertel des vergangenen und in der ersten Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts war, da es sich bei Cuba selbstverständlich immer in erster Linie um eine tropische Pflanzungskolonie handelte, in ganz hervorragender Weise durch die in jener Zeit sehr schwungreich betriebene Negersklaveneinfuhr aus Afrika bedingt, und mehr und mehr gewann dabei das schwarze Element in dem cubanischen Volkskörper das entschiedene Übergewicht. So waren im Jahre 1774 nicht ganz 44 Prozent von der Bevölkerung Neger und Mulatten, im Jahre 1841 aber mehr als 62 Prozent, und erst als die Sklaveneinfuhr aufhörte — die Schmuggeleinfuhr nicht früher als in den fünfziger Jahren —, da trat in diesem Verhältnisse wieder ein Umschwung zu Gunsten des weißen Elementes ein dergestalt, daß das letztere bei der Volkszählung 1887 62 Prozent, das Element der Neger und Mulatten aber nur 35 Prozent von der Gesamtbevölkerung ausmachte.
Volksverhältnisse.
Von einer so hochgradigen Verschwarzung und Afrikanisierung wie auf Haiti oder Jamaica war also auf Cuba zu keiner Zeit die Rede, immerhin schritt der Prozeß aber vorübergehend ebensoweit fort wie in den nordamerikanischen Südstaaten Südkarolina, Georgia, Alabama, Mississippi und Louisiana, und gewisse schlimme Mißstände konnten auch hierbei nicht ausbleiben. Die Behandlung der Schwarzen durch die Weißen war unter der heißen Sonne Cubas im allgemeinen eine viel mildere und menschenwürdigere oder doch eine viel lässigere und weniger straffe als in Nordamerika, und im Zusammenhange damit war die Zahl der Freigelassenen früh eine verhältnismäßig große (1811: 114000 und 1867: 249000), sowie auch die sociale Scheidewand zwischen den beiden Elementen nirgends eine sehr strenge und schroffe und vielfache Vermischungen und Übergänge zwischen ihnen Platz griffen. Dabei wurde die farbige Rasse natürlich nicht zu einem unterwürfigen Sinne gegenüber der weißen erzogen, sondern viel eher zu Unabhängigkeitsgefühl und zu hochfahrendem und unbändigem Wesen. Zugleich gab es auch jederzeit eine beträchtliche Zahl Entlaufener — sogenannter Cimarronneger, weil die hellfarbigen Mulatten unter ihnen die Hauptrolle spielten —, und diese scharten sich in den schwer zugänglichen Gebirgs- und Sumpfwildnissen allerwärts, namentlich aber in dem östlichen Teile der Insel, zu mehr oder minder starken Banden zusammen, teils nach afrikanischer Art ein harmloses und bedürfnisloses Naturmenschenleben fristend, teils aber auch Weg und Steg bedrohend, einsame Pflanzergehöfte überfallend, raubend, mordend und brennend, und eine allgemeine Unsicherheit des Lebens und Eigentums schaffend. Wiederholt, vor allem in den Jahren 1812, 1829 und 1844, wurden in dieser freien Negerbevölkerung Cubas auch ähnliche politische Gelüste und Bestrebungen wach, wie seiner Zeit auf Haiti, und mindestens ein Aponte ging mit seinem Aufstande (1812) zweifellos darauf aus, nach dem Vorbilde von Toussaint l’Ouverture und Dessalines eine Mulattenrepublik oder ein Mulattenkaisertum in Ostcuba zu errichten.