Wirtschaftliche Verhältnisse der Bevölkerung.

Neben der einfachen geographischen Differenzierung, die in solcher Weise zwischen den Spaniern und den Creolen — den „Peninsulares“ und den „Cubanos“ — eintritt, geht aber noch eine volkswirtschaftliche Differenzierung einher. In dieser Beziehung befinden sich die Creolen im Zusammenhange mit ihrem Volkscharakter großenteils in keiner günstigen Lebenslage, und die Mehrzahl von ihnen stellt ein ähnliches Proletariat dar wie die große Masse der Farbigen, mit der es in beständiger Verschmelzung begriffen ist — nichts sein eigen nennend als eine Machete (ein Haumesser zum Zuckerrohrschneiden und Dickichtlichten) und eine Hängematte, und je nach der gebotenen Arbeitsgelegenheit oder nach sonstigen Lockungen bald hier, bald da, aus der Hand in den Mund lebend, nicht gerade selten auch von denselben Desperado- und Banditenneigungen beseelt, wie ein Teil der Farbigen. Die Besitzer von großen Pflanzungen unter ihnen sowie auch die Besitzer von kleineren Landgütern irgend welcher Art sind aber vielfach tief in Schulden und sehen ihre Liegenheiten infolgedessen oft genug in die Hände neuer Ankömmlinge, seien dies Spanier oder seien es Amerikaner, Engländer, Deutsche u. s. w., übergehen. Die eingewanderten Spanier dagegen gelangen, auch wenn sie ohne eine Peseta (80 Pfennige Nennwert) in Habana angekommen sind, für die Regel rasch zu einem kleineren oder größeren Vermögen, und unlautere Mittel haben sie dabei durchaus nicht unbedingt nötig, wenn sie auch nicht völlig ausgeschlossen sein mögen. Da der bessere Landbesitz in Cuba seit lange in fester Hand war — dank vor allem den großen Schenkungen (mercedes) der spanischen Krone an ihre Günstlinge —, so wandten sich die neuen Einwanderer übrigens immer beinahe ausschließlich in die Städte, und es vollzog oder erhielt sich in dieser Weise noch eine weitere Sonderung zwischen ihnen und den Creolen, sowie zugleich auch eine weitere Vereinheitlichung der beiden Elemente innerhalb ihrer selbst. In den Städten, und namentlich in Habana, hatten die Spanier die Oberhand, das Land mit seinen Estancias (Farmhäusern), Bohios (Palmstrohhütten) und seinen Petreros (Viehzuchtgehöften) war aber rein creolisch ([Abb. 22] und [23]) — ein Umstand, in dem jederzeit die größte Stärke der Insurrektionsbewegungen gelegen hat.

Abb. 17. Cubanisches Mädchen im Patio.

Spanische Politik.

Daß sich Creolen und Spanier auf Cuba seit geraumer Zeit wie zwei feindliche Lager gegenüber gestanden haben und gegeneinander von bitterem Hasse erfüllt gewesen sind, und daß sich der Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ an ihnen schlecht genug bewährt hat, darf nach diesen Ausführungen nicht wunder nehmen, und die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der beiden Elemente in sich mußte eher dazu beitragen, die Schroffheit des Gegensatzes zu steigern, als sie zu mildern. Mindestens wurde es der spanischen Regierung dadurch schwer gemacht, den Creolen gegenüber den alten Herrschergrundsatz des „Divide et impera“ in Anwendung zu bringen, und zweifellos würden sich Nativisten und Einwanderer in der Nordamerikanischen Union auch in viel bedenklicherer Weise gegenüber stehen, wenn sie statt aus einer bunten Vielheit von Nationalitäten aus einer einzigen beständen.

Abb. 18. Typisches spanisches Haus.

Nationalcharakter und Aufstand.

Die Gefährlichkeit des Zwiespaltes wurde aber auf Cuba noch sehr bedeutend erhöht dadurch, daß die spanische Regierung sich bei ihrer Politik immer rückhaltslos auf den Einwanderernachschub aus dem Mutterlande gestützt und die höheren Verwaltungsämter vorwiegend mit Spaniern von Geburt besetzt hat. Dabei mußte den Creolen wohl oder übel viel schweres Unrecht geschehen, auch wenn die Beamten jederzeit wirklich fähige und moralisch fleckenlose Männer gewesen wären, was nicht behauptet werden kann. Das ganze Hispaniertum aber mußte den Creolen als eine wohlorganisierte Macht erscheinen, die in erster Linie darauf ausging, sie zu bedrücken, und das schöne Land, das sie kraft ihrer Geburt als das ihrige ansahen, in jeder Weise auszusaugen. Naturgemäß strebten sie also gleichfalls danach, sich zu organisieren, und in den Geheimbünden der „Soles de Bolivar“ (1823) und der „Aguila Negra“ (1829) zielte dieses Streben bereits auf die Beseitigung der spanischen Herrschaft ab, während es in der von Narciso Lopez geleiteten Erhebung von 1848–1851 für diese Herrschaft zum erstenmale wirklich bedrohlich wurde. Die spanische Regierung hat demgegenüber ihr Heil darin gesucht, daß sie den Generalstatthalter von Cuba mit diktatorischer Gewalt bekleidete, daß sie das Versammlungs- und Vereinsrecht, sowie das Recht der Presse in engen Schranken hielt, daß sie eine starke militärische Besatzung auf die Insel warf (in Friedenszeiten bis 30000 und in Kriegszeiten bis 200000 Mann), daß sie die vorwiegend aus Einwanderern zusammengesetzte Truppe der sogenannten Freiwilligen („Voluntarios“) schuf, daß sie zahlreiche Verschwörer und politischer Umtriebe Verdächtige aus dem Lande verwies und daß sie in den Zeiten des Aufruhrs unbedenklich zu Masseneinkerkerungen und Massenhinrichtungen schritt. Wir erinnern in letzterer Hinsicht namentlich an das Erschießen der acht Studenten von der Universität Habana (1871) und der 53 Leute von dem amerikanischen Dampfer Virginius (1873). Der Erfolg, den die Regierung mit diesen Maßregeln gehabt hat, ist aber ein sehr schlechter gewesen, und zu Zeiten sind ihr die Zügel dabei völlig aus der Hand geraten, um von dem „Casino Español“ (dem „Spanischen Vereine“), sowie von den „Voluntarios“, also von den Einwanderern selbst, ergriffen zu werden. Wurde doch sowohl ein General Dulce (1870) als auch ein Marschall Campos (1896) von ihnen zum Rücktritt und zur Rückkehr nach Spanien gezwungen, als sie ihnen nicht scharf und rücksichtslos genug gegen die Insurgenten vorzugehen schienen, und feuerten doch die Voluntarios ohne jeden Befehl auf die Besucher des Villanueva-Theaters. Als der große Aufstand von 1868–1878 durch den Vertrag von Zanjon beigelegt war, suchte die Regierung zu Madrid den inneren Frieden und die Ordnung auf Cuba dadurch zu befestigen, daß sie die Insel für eine spanische Provinz erklärte und ihr als solcher „alle Freiheiten Spaniens“ zugestand, und seit dieser Zeit haben 16 cubanische Senatoren und 30 Abgeordnete in den spanischen Cortes Sitz und Stimme gehabt. Den Wünschen und Ansprüchen der Creolen ist aber auch damit keine Genüge geschehen, denn trotz der viel geringeren Zahl der Peninsulares, die zu derjenigen der Creolen etwa wie 1 : 4 stehen dürfte, haben diese bei den Wahlen in der Regel den Sieg davongetragen, und überdies haben die Vertreter Cubas natürlich in den Cortes niemals etwas anderes darstellen können, als eine kleine Minorität, die einen entscheidenden Einfluß betreffs des Schicksals der Insel unmöglich geltend machen konnte. Es kam daher im Februar des Jahres 1895 zu einer neuen großen Erhebung, und der Katastrophe, die dadurch herbeigeführt worden ist, hat die Bewilligung einer weitgehenden Autonomie — nach Art der canadischen —, zu der sich die spanische Regierung endlich entschloß, nicht mehr begegnen können. Daß die hervorragendsten und energischsten Führer in diesem letzten Kampfe meist keine cubanischen Creolen waren, sondern Mulatten und Ausländer — Maximo Gomez Dominganer, Suarez Mexicaner, Roloff Pole, Vargasa Chilene, Castello Colombaner u. s. f. —, ist bekannt. Das steht in vollkommenem Einklange mit dem geschilderten Nationalcharakter und war in den vorausgegangenen Insurrektionskämpfen auch nicht anders, denn Narciso Lopez war Venezuelaner, und Maximo Gomez bewährte sich auch schon in den Jahren 1873 bis 1878 als der scharf blickende, verwegene und rücksichtslose, mit seinen eigenen Kampfmitteln, sowie mit der Gefechtsart seiner Gegner und mit der tropischen Landesnatur wohlvertraute Obergeneral. Echte cubanische Creolen waren dagegen die Häupter der republikanischen Regierung des „Freien Cuba“ („Cuba Libre“) — S. Cisneros und B. Masso —, die sich während des Kampfes schattenhaft im Hintergrunde gehalten haben, sowie die überaus rührigen Vertreter dieser Regierung in Washington und New York — Estra da Palma und Gonzalez de Quesada —, und die große Masse der Creolen ließ den Aufständischen allenthalben, wo sie konnte, gern jede geheime Förderung und Unterstützung zu teil werden, dadurch der aufgebotenen Militärmacht der Spanier ohne Zweifel ungleich gefährlicher, als wenn sie ihr im offenen Felde gegenüber gestanden hätte.