Abb. 23. Ein Bohio und seine Bewohner.

Schwächen der Verwaltung.

Daß die üble Finanz- und Wirtschaftslage auch überaus nachteilig auf den Charakter der Verwaltung einwirken mußte, ist selbstredend. Die spanische Beamtenschaft auf Cuba wurde schlecht und unregelmäßig bezahlt und war deswegen auch großenteils von zweifelhafter moralischer und intellektueller Beschaffenheit — ein wenig geeignetes Instrument des Kolonialregiments bei der ihm obliegenden schweren Aufgabe. An zahllosen Orten suchte persönliche Schurkerei im Trüben zu fischen, und Bestechlichkeit der schlimmsten Art machte sich nicht bloß breit in den Zollhäusern, sondern auch in dem Polizeiwesen und in den Gerichtssälen. Eine wahre Pest des Landes waren vor allen Dingen die allenthalben umherschleichenden Winkeladvokaten, die das Recht nach jeder beliebigen Richtung beugten. Auch selbst an oberster Stelle — auf dem Posten des Generalstatthalters — hielt man sich nicht immer frei von dem Vorwurfe selbstsüchtiger Bereicherung, und außerdem waltete an dieser Stelle in vielen Fällen offenkundige Unfähigkeit. Es spielte in dieser Beziehung namentlich die Günstlingswirtschaft einer Isabella II. unheilvoll in die cubanischen Verhältnisse hinein. Die Verbitterung der ohnedies schon unzufriedenen Volksklassen gegenüber Spanien stieg hierdurch aber auf das höchste, und die große Mehrzahl erblickte in dem korrupten Beamtentum die Wurzel aller Übel.

Ganz undenkbar war endlich unter den obwaltenden Verhältnissen auch ein rüstiges Fortschreiten der wissenschaftlichen Durchforschung der Insel im Geiste der neuen Zeit, und was in dieser Richtung von seiten der Verwaltung geschah, war im allgemeinen nur dazu angethan, zu hemmen und zu hindern. Selbst eine genaue Arealvermessung und eine einigermaßen zuverlässige topographische Kartierung unterblieb, und ebenso unterblieb auch die Vervollständigung der in besseren Zeiten rühmlich begonnenen Küstenaufnahme. In Bezug auf den geologischen Bau stellten Pedro Salterain und F. de Castro Anfang der achtziger Jahre verschiedene wichtige Thatsachen fest, die darauf begründete geologische Karte hat aber nur den Wert einer vorläufigen flüchtigen Skizze. Nicht hoch genug können ferner die sorgfältigen Beobachtungen angeschlagen werden, welche der Jesuitenpater Benito Viñes von dem Belen-Kolleg Habanas durch eine lange Jahresreihe betreffs der meteorologischen Erscheinungen angestellt hat: außerhalb Habanas geschah aber auch in dieser Richtung seit den vierziger Jahren nicht das Geringste, und unsere Kenntnis von der Insel hatte daher in Bezug auf das Klima im wesentlichen auf der Stufe zu verharren, auf der es bereits in Zeiten des Humboldtschen „Essai politique“ (1824) angelangt war.[2]

Abb. 24. Chinesischer Straßenverkäufer.

Verwaltungspolitik.


Auf die Handhabung der cubanischen Probleme ganz im allgemeinen — der verwaltungspolitischen ebenso wie der militärischen — mußte der üble Stand der cubanischen Landeskunde gleichfalls überaus nachteilig zurückwirken, und man darf in dieser Hinsicht das alte gute Wort anwenden: „Wen der Herr verderben will, den schlägt er mit Blindheit.“ Wie hätten die Regierenden im Mittelalter — die Cortes und die Ratgeber der spanischen Krone — die zweckentsprechenden Entschließungen in Bezug auf ihren kostbaren Kolonialbesitz fassen sollen, da sie so schlecht über ihn unterrichtet waren! Und wie hätten ihre Beauftragten in Habana und in den anderen Hauptstädten Cubas den Bedürfnissen der Bevölkerung bei ihren Maßregeln genügend Rechnung tragen sollen! Regierende sollen eben vor allen Dingen Wissende sein, und wenn sie das nicht sind, so begehen sie, auch wenn sie von den besten Absichten und der stärksten Willenskraft beseelt sind, Irrtum auf Irrtum und Mißgriff auf Mißgriff, bis das ganze ihnen anvertraute Räderwerk ins Stocken gerät oder zerbricht. Des Schandregimentes einer Isabella II. und der Schwächen und Schwankungen aller nach ihrem Sturze folgenden spanischen Regierungen — die gegenwärtige eingeschlossen — hätte es also gar nicht bedurft, um die cubanischen Angelegenheiten in jeder Beziehung im argen zu lassen. Was die Verwaltungspolitik anlangt, so wurzelte in der herrschenden Unkenntnis insbesondere auch das zähe Festhalten an gewissen Grundsätzen des alten Kolonialsystems. Man suchte dem Mutterlande das Handelsmonopol früherer Zeiten so viel als möglich zu erhalten, indem man Schiffahrtsgesetze erließ, nach denen die in den cubanischen Häfen verkehrenden spanischen Schiffe im Gegensatze zu den Schiffen anderer Völker als Küstenfahrer galten, und indem man zugleich ein überaus lästiges und den Handelsinteressen der Cubaner zuwiderlaufendes Differential-Schutzzollsystem aufrichtete. Und ein Teil der oben angegebenen gemeinnützigen Werke — namentlich ein Teil der Straßenbauten — hätte wohl trotz der Finanznot ausgeführt werden können, wenn betreffs derselben nicht zugleich ein hoher Betrag von Gleichgültigkeit und Stumpfsinn, — den unmittelbaren Äußerungen jener Unkenntnis — obgewaltet hätte. Was aber die militärischen Probleme angeht, mit denen man es zu thun hatte, so befanden sich die spanischen Heerführer bei dem Mangel an einer guten topographischen Karte und an anderweiten eingehenden Informationen über Land und Leute in einer sehr üblen Lage, und wenn ihre Operationen gegenüber den über einen ausgezeichneten ortskundigen Ausspäherdienst verfügenden Insurgenten den Eindruck eines vorsichtigen Tappens und Tastens im Dunklen machten, so brauchte man sich darüber eigentlich nicht zu wundern. Die wilde Zerklüftung und der Höhlenreichtum der cubanischen Gebirge, der dichte Buschwuchs der sogenannten „Manigua“ und die zahlreichen Waldsümpfe mit den sich darin bietenden Schlupfwinkeln machten ein sorgfältiges militärgeographisches Studium doppelt unentbehrlich. Und ebendasselbe wie von dem Inneren gilt auch von der Küste. Durch die lange Ausgezogenheit derselben (auf 3500 km im allgemeinen Umriß) und durch das verwickelte System der sie begleitenden Nebeninseln und Bänke und Riffe, sowie der sie umflutenden Strömungen lagen auch dort die Verhältnisse ungemein schwierig. Während die Aufständischen aber daselbst in der creolischen und farbigen Fischerbevölkerung allenthalben dienstbereite und mit dem Fahrwasser wohlvertraute Piloten fanden, so tasteten die Befehlshaber der spanischen Kanonenboote auch dort vielerorten in einem unbekannten und dunklen Labyrinthe umher, und die bekannten Flibustierexpeditionen aus den Häfen der Vereinigten Staaten, sowie alle anderen Parteigänger der Insurrektion hatten auf diese Weise in den allermeisten Fällen völlig unbehinderten Aus- und Eingang. Alles in allem aber darf man behaupten, daß bei besserer Landeskenntnis der spanischen Offiziere das Aufgebot einer viel geringeren Truppenzahl ausgereicht haben würde, die Aufstände niederzuwerfen, und daß also das Dahinsterben von vielen Tausenden durch klimatische Krankheiten hätte vermieden werden können. Zugleich hätte die Kriegsleitung es dann aber auch nicht nötig gehabt, zu der harten Maßregel der sogenannten „Rekonzentration“ zu greifen, wodurch ein großer Teil der Landbevölkerung dazu gezwungen wurde, sich ohne genügende Subsistenzmittel in den von den spanischen Befestigungen beherrschten Außenteilen der Städte anzusiedeln ([Abb. 25]), und wodurch bei dem weiteren unglücklichen Verlaufe des Kampfes Tausende dem Hungertode preisgegeben wurden.