Abb. 25. Reconcentrados-Dörfchen am Montserrat von Matanzas.
Abb. 26. Königspalmen.
Einfluß der Vereinigten Staaten.
Und hätten die spanischen Staatslenker zu Madrid, wenn sie die cubanischen Angelegenheiten besser verstanden und beurteilt hätten, nicht auch den Zusammenstoß mit dem äußeren Feinde, der sie auf Cuba bedrohte, vermeiden können? Oder ihm doch wirksamer begegnen? Auch wie die Dinge hinsichtlich der cubanischen Rassen- und Wirtschaftsverhältnisse, sowie hinsichtlich seiner Militär- und Civilverwaltung thatsächlich lagen, hätte ja der Aufstand von 1895–1898 schwerlich zu einer vollkommenen Vernichtung der spanischen Herrschaft über Cuba geführt, wenn die Insurgenten nicht in der Nordamerikanischen Union einen Verbündeten gehabt hätten, und wenn die spanische Regierung nicht auch der Union gegenüber alle ihre Schwächen und alle ihre Blindheit an den Tag gelegt hätte.
Daß zwischen Cuba und den Vereinigten Staaten von Nordamerika enge Verkehrs- und Kulturbeziehungen entstehen mußten, sobald die beiden Länder auf einer höheren Stufe ihrer Entwickelung angelangt waren, erhellt bei der flüchtigsten Betrachtung ihrer geographischen Lage zu einander, und ebenso erhellt daraus auch, daß unter Umständen eine gewisse Gefahr für die spanische Kolonialherrschaft von der Union her drohen konnte. Den von verschiedenen Seiten gepredigten Glaubenssatz, als ob es ein unabwendbares Verhängnis — oder, um mit dem amerikanischen Schlagworte zu reden: „a manifest destiny“ — gewesen sei, wonach Cuba der politischen Machtsphäre der Vereinigten Staaten verfallen mußte, können wir aber nicht gelten lassen. Freilich ist wohl auch bei der Gebietsentwickelung der staatlichen Gemeinwesen jederzeit eine Art Gesetz von der Anziehung der Massen wirksam gewesen, aber so streng mathematisch und einfach wie bei den Himmelskörpern ist es dabei nie und nirgends zugegangen, und in zahlreichen Fällen hat im politischen Leben eine kräftige Fernewirkung eine nicht minder kräftige Nähewirkung gänzlich aufgehoben. Würde sonst wohl der Organismus des britischen Weltreiches Bestand haben können, und sollte man es sonst nicht viel eher für ein „manifest destiny“ erklären, daß das durch das Geäder des Rheinstromes mit Deutschland verbundene und auch sonst in jeder Weise verwachsene Holland dem deutschen Reichsgebiete eingefügt werden müsse? Der Meeresraum, welcher Cuba von der Nordamerikanischen Union trennt, ist immerhin noch wesentlich breiter als der Ostseeraum zwischen Stralsund und den südschwedischen Küstenplätzen, und wenn der letztere eine sogenannte Naturgrenze zwischen verschiedenen Kulturkreisen und Staatsgebieten bildet, so sollte man es wohl auch von dem ersteren erwarten dürfen. Wenn Schweden die fragliche europäische Naturgrenze eben seinerzeit außer Augen gesetzt und Stralsund nebst anderen Teilen Pommerns unter seiner Herrschaft gehalten hat, so konnte dies nur durch einen Gewaltakt geschehen, dem von Deutschland aus kein wohlorganisierter und wohlgeleiteter begegnete; und daß dies in dem Falle von Cuba ebenso war, ließe sich leicht im einzelnen nachweisen.
Gegen außen aggressiv und annexionslustig ist die Nordamerikanische Union von ihren ersten Anfängen an gewesen — nicht weniger als die verschiedenen Monarchien Europas —, und hinsichtlich Cubas hat vor allen Dingen schon Thomas Jefferson, der geistreichste und schärfstblickende unter den amerikanischen Präsidenten, erklärt, daß die Erwerbung der Insel seitens der Union der Abrundung und Sicherung ihrer Grenzen, sowie ihrer ganzen zukünftigen Entwickelung halber außerordentlich wünschenswert sei. Nach ihm aber ist der Wunsch, des Nachbars Weinberg zu besitzen, in der Union ganz besonders lebendig gewesen, als die südliche Sklavenhalterpartei darauf bedacht sein mußte, sich ihren nördlichen Anfechtern gegenüber so viel als immer möglich zu verstärken. Präsident Polk, der auch den bekannten Eroberungskrieg gegen Mexico führte, machte damals Spanien das Anerbieten, die Insel für 100 Millionen Dollars kaufen zu wollen, und als dasselbe stolz zurückgewiesen worden war, da brauchte James Buchanan in amtlicher Botschaft zum erstenmale das Wort von der „manifest destiny“ Cubas, der Kongreß zu Washington aber faßte den ausdrücklichen Beschluß, die Insel mit Waffengewalt zu erobern, falls ihre gütliche Abtretung gegen eine Entschädigungssumme des weiteren verweigert werde. Und dies alles geschah zu einer Zeit, wo Cuba unter dem spanischen Regiment wirtschaftlich auf das höchste prosperierte, und wo daselbst außer dem Rassenzwiespalt keinerlei erhebliche Schwierigkeit für die spanische Verwaltung bestand.
In der Folge hat sich die Exekutive der Unionsregierung eine größere Zurückhaltung in der cubanischen Frage auferlegt, und namentlich hat sie während des ganzen zehnjährigen Aufstandes von 1868–1878, sowie auch während der ersten Jahre des soeben beendeten Aufstandes die Pflichten der Neutralität in gewisser Weise zu erfüllen gesucht. Da die Fähigkeiten und Befugnisse des Präsidenten in dieser Beziehung sehr beschränkte sind, so war damit aber für Spanien wenig gewonnen, und in den gesetzgebenden Körperschaften, sowie in der Presse und in den Volksversammlungen jeder Art war von der Einverleibung Cubas in die Union oder doch von der Notwendigkeit, die Insel von der spanischen Herrschaft zu befreien, nach wie vor sehr laut die Rede — unter stetem Hinweis auf die Monroedoktrin, nach der Amerika die ausschließliche Domäne der „Amerikaner“ sein soll. Thatsächliche Hilfe leisteten die Unionsbürger den Insurgenten nicht bloß in der Gestalt von Geldsammlungen, sondern auch in Gestalt von wohlausgerüsteten Flibustierexpeditionen, und wenn die letzteren, in denen die Insurrektion ihren eigentlichen Lebensnerv hatte, gelegentlich von der Regierung ergriffen wurden oder in spanische Hände gerieten, so wurde amtlich immer dafür gesorgt, daß den Mitgliedern kein ernster Schaden daraus erwuchs. Die cubanische Junta aber, der die oberste Leitung der Aufstände oblag, erfreute sich in New York und Washington der weitgehendsten Duldung und der sorgsamsten amtlichen und außeramtlichen Pflege. Nur so war es möglich, daß der Aufstand von 1868 sich über die ganze Insel verbreitete und zum Unheile für das Wirtschaftsleben und die Finanzen Cubas zehn volle Jahre währte, und nur so nahm auch der neueste Aufstand den für Spanien und für die cubanischen Reconcentrados verhängnisvollen Charakter an. Spanien hatte dem ganzen Treiben gegenüber, bei dem auch das ehrlichste Bemühen von seiner Seite nichts fruchten konnte, nur schwachmütige Proteste und Vorstellungen, und der letzte entscheidende Schlag, den seine Gegner nach der bekannten, durch das amerikanische Gutachten in keiner Weise genügend aufgeklärten Maineexplosion ausführte, traf es gänzlich unvorbereitet. Was wunder, daß die Streitkräfte der Union bei Manila und Santiago ihre raschen und leichten Siege errangen, und daß diese Siege hinreichten, den Amerikanern ganz Cuba und dazu auch den übrigen spanischen Kolonialbesitz auf Gnade und Ungnade zu überantworten!
Cubas Verlust für Spanien.
In welcher Weise die Cubanerkolonien zu New York und Key West, in denen von Anfang an politische Flüchtlinge und Vertriebene (Creolen ebenso wie Mulatten) den Hauptbestandteil ausmachten, mithalfen, die „manifest destiny“ Cubas herbeizuführen, bedarf keiner weiteren Ausführung. Dagegen ist es vielleicht nicht überflüssig, zu betonen, daß auch die Mißgriffe der spanischen Zollgesetzgebung viel dazu beigetragen haben, die spanische Position auf Cuba mehr und mehr zu einer schwer haltbaren zu machen. Vor allen Dingen würdigten die spanischen Staatsmänner in dieser Beziehung nicht die hohe handelspolitische Bedeutung der sogenannten Rimessen, und während sie die cubanische Einfuhr dem Mutterlande so viel als möglich zu erhalten suchten, so lenkten sie die Ausfuhr des Zuckers, des Tabaks, der Erze und der Früchte mit Rücksicht auf die unmittelbaren Vorteile systematisch nach den Unionshäfen, dabei nicht bedenkend, daß sie ihre Kolonie auf diese Weise mehr und mehr in wirtschaftliche Abhängigkeit von der Union brachten. Es gingen so Anfang der neunziger Jahre 80 bis 90 Prozent des cubanischen Zuckers nach New York, Philadelphia, Baltimore u. s. w., und dazu auch mehr als 60 Prozent des Blättertabaks und gegen 50 Prozent der Cigarren. Einerseits gewannen dadurch aber die amerikanischen Zucker- und Tabakspekulanten einen tiefgreifenden Einfluß in den cubanischen Angelegenheiten, um gleich den gewissenlosen spanischen Beamten „im Trüben zu fischen“, und andererseits erlangte dadurch die Unionsregierung auch einen Schein des Rechtes für ihre Einmischungspolitik. Präsident McKinley durfte so, als er infolge der Mainekatastrophe dem amerikanischen Volkswillen hinsichtlich Cubas die Zügel schießen lassen mußte, aller Welt verkünden, daß er nicht bloß im Interesse der Humanität — um den von seinem Lande her fünfzig Jahre lang geschürten furchtbaren Brand auf Cuba zu dämpfen —, sondern auch im Interesse des geschädigten Handels der Union die Waffen gegen Spanien ergreife.