Abb. 27. Königspalmenallee.

Wenn Cuba in der angedeuteten Weise durch eine Verkettung historischer Verhältnisse und durch einen von langer Hand vorbereiteten Gewaltakt in seine augenblickliche Lage gelangt und für Spanien verloren gegangen ist, so versteht es sich von selbst, daß es einer weiteren Verkettung historischer Verhältnisse und wahrscheinlich auch weiterer Gewaltakte bedürfen wird, sein ferneres Schicksal zu gestalten. Die der Insel zu stellende Prognose ist in dieser Hinsicht eine sehr schwierige. Zur Zeit sind nicht die Creolen die Herren der Situation auf Cuba, sondern die Amerikaner von der Union, und angesichts des Rassenzwiespaltes, der auf der Insel vorhanden ist, muß man dies als ein Glück bezeichnen. Eine Reihe weiterer blutiger Auseinandersetzungen und eine Fortdauer der Verwüstungen würde sonst kaum zu vermeiden sein. Im übrigen wird es aber sehr darauf ankommen, welches die Hauptfaktoren sein werden, die nunmehr von der Union her gestaltend in das cubanische Wirtschafts- und Kulturleben eingreifen; ob die großen Zucker- und Tabakspekulanten und Professionspolitiker, denen Gewissen und Anstand in keinem geringeren Maße abgeht als den schlechtesten spanischen Verwaltungsbeamten, und denen es so wenig als diesen darauf ankommen würde, die in ihre Hände geratene goldene Gans zu würgen und zu mißhandeln, um eins von ihren goldenen Eiern zu erlangen; oder die Klasse der rechtschaffenen Leute und Idealisten, die an eine höhere Kulturmission ihrer großen Republik glauben, und denen es allen Ernstes darum zu thun ist, allerorten, wo das Sternenbanner weht und wo der amerikanische Adler seine Fittiche ausbreitet, so viel als auf Erden eben möglich, Gefilde der Glücklichen zu schaffen und Freiheit, Recht und Menschenwürde zur Anerkennung zu bringen.

Soweit die geographischen Verhältnisse die zukünftige Entwickelung Cubas mitbestimmen werden, sparen wir uns die Schlüsse der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf für die nachfolgenden Abschnitte, in denen wir an der Hand unserer eigenen Anschauungen, sowie an der Hand der besten vorhandenen Informationsquellen im Geiste eine Umsegelung der Insel, sowie eine Reihe von Streifzügen quer durch sie hindurch unternehmen wollen.

[2] Das meiste thaten in neuerer Zeit zur Förderung der wissenschaftlichen Landeskunde Ausländer, Deutsche und Amerikaner: J. Gundlach, der die Insel 54 Jahre lang in den verschiedensten Teilen und Richtungen durchstreifte, um vor allem ihre tiergeographischen Verhältnisse in umfassender Weise klar zu legen, A. Grisebach, der auf Grund der von dem Amerikaner C. Wright gemachten Sammlungen seinen „Catalogus plantarum Cubensium“ (1866) zusammenstellte, und Alexander Agassiz, R. T. Hill und J. W. Spencer, die die Grundzüge der geologischen Entwickelungsgeschichte der Insel und den Anteil der Korallentierchen an ihrem Aufbau festzustellen suchten.

IV.

Dampferlinien nach Cuba.

Unter den großen Weltverkehrsbahnen, die nach Cuba streben, waren bis auf den heutigen Tag vor allen Dingen zwei bedeutsam: die, welche von Cadiz ihren Ausgang nimmt — nicht weit von der denkwürdigen Bucht von Huelva, von der Kolumbus zu seiner ersten Entdeckerfahrt aufbrach —, und die, welche ihren Anfangspunkt in New York hat. Auf ihnen vollzog sich bislang der weitaus größte Teil der Güter- und Personenbewegung, die zwischen der westindischen Hauptinsel und den anderen Erdgegenden hin und her flutete. Die erstere, gegen 3800 Seemeilen lange Bahn entspricht den althergebrachten Beziehungen zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande, die durch die geschichtliche Großthat des Kolumbus eingeleitet wurden und durch sie wohl genug legitimiert waren. Diese Linie berührt bei San Juan Puertorico, die kleinste der Großen Antillen, um sodann der Küste von Haiti entlang und durch den Alten Bahamakanal nach Habana oder durch die Monadurchfahrt (zwischen Puertorico und Haiti) oder Windwarddurchfahrt (zwischen Haiti und Cuba) nach Santiago zu führen. Die letztere Bahn aber, die nur etwa 1200 Meilen lang ist, erklärt sich zur Genüge daraus, daß die Nordamerikanische Union unter den großen wirtschaftlichen und politischen Gemeinwesen der Erde das Cuba am nächsten benachbarte ist, und daß die beiden Länder sich hinsichtlich ihrer Produktionsverhältnisse in gewisser Weise wechselseitig ergänzen; und sie erscheint von Anfang als eine Doppelbahn, bezugsweise als ein Doppelgeleis, indem der Schnellverkehr der Personen und Nachrichten sich vorwiegend von New York über Land nach Tampa in Florida und fernerweit über Key West nach Habana bewegt, der Güterverkehr aber durch die Floridastraße nach Habana, Matanzas, Cardenas, Sagua und Remedios oder durch die Durchfahrten des Bahamaarchipels (besonders die Crookedpassage) nach den nordöstlichen und südlichen Häfen Cubas. Alle anderen Verkehrsbahnen nach Cuba, und besonders auch die von Hamburg, Bremen, Liverpool, Bordeaux und New Orleans, sowie von den westindischen Nachbarinseln ausgehenden, können nur als Nebenbahnen gelten. Die wichtigste und belebteste davon ist aber die von Hamburg über St. Thomas nach Habana.

Abb. 28. Kokospalmenallee.