Umgebung von Baracoa.
Dem Reisenden, der sich Cuba auf der zuerst bezeichneten Bahn nähert, zeigt die Insel ein überaus eindrucksvolles und typisches erstes Bild. Ein stattlicher Tafelberg taucht vor seinen Blicken aus den Fluten auf — der Yunque (Amboß) von Baracoa, der den Schiffern weithin als unverkennbares Wahrzeichen dient. Und indem der Kurs sich auf den kleinen Hafenplatz Baracoa zu lenkt, erscheinen dahinter in der Ferne scharfgeschnittene andere Bergzacken — die Cuchillas de Baracoa —, die gegen die Ostspitze der Insel, das Kap Maisi, niedriger und niedriger werden. Allmählich hebt sich dann auch das Vorland jener Berge deutlicher heraus, und das Auge unterscheidet drei merkwürdig regelmäßige Terrassenstufen, aus denen sich dasselbe aufbaut. Die ganze Landschaft aber prangt in dem Schmucke einer reichen Tropenvegetation, und vor allen Dingen winkt von allen Berghängen die ebenso anmutige als majestätische Königspalme (Oreodoxa regia) herab — der eigentliche Charakterbaum Cubas, den der palmenkundige Alexander von Humboldt einen der schönsten seines Geschlechtes nennt ([Abb. 26] und [27]). Brächten die üppige Vegetation und der Stufenbau des Landes nicht fremdartige Momente in das Bild, so könnte es wohl an die südeuropäischen Küstenbilder gemahnen.
Abb. 29. Ein Ananasfeld.
Bucht von Baracoa.
Die unterste Terrassenstufe erhebt sich im allgemeinen als eine gegen 10 m hohe, steile Klippenwand aus der See und erweist sich bei näherer Betrachtung als ein reiner Korallenbau. Ungezählte Millionen von Astraeen, Maeandrinen, Poriten, Madreporen, Colpophyllien, Orbicellen u. s. w. von derselben Art, wie sie heute noch um die Bahamainseln, um Südflorida und um Cuba herum ihr wunderbares Wesen treiben, haben daran gearbeitet, ihn zustande zu bringen. Die von dem herrschenden Nordostpassatwinde, noch mehr aber von dem öfters einbrechenden starken Nordwestwinde („Norte“) gepeitschten Wogen schäumen in wilder Brandung an der Klippenwand hoch auf. Das zierliche Gefüge der Korallenzellen bewährt sich dabei aber als ein viel festeres und widerstandsfähigeres, als man glauben sollte, und das Zerstörungswerk, das die Brandung daran treibt, erscheint dem Auge als geringfügig. Verwettert genug sieht die Seefront allerdings aus, und eine einsame Felsenbank am Eingange in die Bucht von Baracoa, der sogenannte Buren, bekundet, daß die Klippe einst weiter vorsprang und daß ein Teil des natürlichen Wogenbrechers aus Korallenkalk, der die Bucht vor dem Seegange schützte, zusammengebrochen und weggewaschen ist. Heute ist die Öffnung der Bucht infolgedessen eine weitere, als den Schiffern, die darin zu verkehren haben, lieb sein kann, und die beiden angegebenen Hauptwinde der Gegend treiben häufig eine schwere See in sie hinein. Das von den Wellen zerriebene Trümmermaterial nebst den vom Lande herabgespülten Sedimentmassen aber ist an den Rändern der Bucht in der Gestalt eines sandigen Strandes zur Ablagerung gekommen, und der in sie mündende Macaguaniguafluß wird durch das so entstandene, von Mangrovegebüsch (Manglar) bewachsene Schwemmland auf einer beträchtlichen Strecke abgedämmt, so daß er in weitem Bogen hart an ihr entlang fließt, ehe er in ihrem geschütztesten östlichen Winkel seinen Ausgang findet. Vor der Flußmündung schwimmen gravitätisch graue Pelikane hin und her, am Ufer stehen ihrer Beute harrend kleine weiße und bläuliche Reiher (Ardea occidentalis und Ardea coerulea), und aus dem Gebüsch heraus ertönt der Gesang des Canario de Manglar (Dendroica petechia) und des westindisch-nordamerikanischen Spottvogels (Mimus polyglottus), dessen Stimme Kolumbus für Nachtigallengesang nahm.
Abb. 30. Bananenstock.
An der Oberfläche ist die unterste Terrassenstufe mit einer dünnen Schicht von Roterde (tierra colorada) bedeckt, zum Teil überstreuen Korallenfelsbruchstücke nach Art deutscher Feldsteine den Boden, und das hier und da zu Tage stehende Grundgestein erscheint allenthalben bienenwabenähnlich zerlöchert und zerfressen — unverkennbare Zeugnisse davon, daß die mächtigen cubanischen Regengüsse so wenig ohne Wirkung auf sie geblieben sind wie die Meeresbrandung.