Die höheren Stufen, die nur eine kleine Strecke weiter landein liegen, bestehen aus weißem, gelbem und rötlichem Kalkstein jung- und mitteltertiären Alters, in dem korallines Gefüge nur stellenweise sichtbar wird, und ebenso ist es auch mit den darüber aufragenden Bergstöcken und Bergketten, vor allem mit dem Yunque, den bisher nur wenige Reisende erklommen haben. Zwar ist die Erhebung des letzteren über den Meeresspiegel nur eine mäßige (556 m), gleich zahlreichen anderen cubanischen Bergen stürzt derselbe aber ringsum mit jähen, teils von dichtem Waldwuchse bekleideten, teils völlig kahlen Wänden und Hängen zur Tiefe, und sein flacher Gipfel ist nur auf einem einzigen schwierigen Pfade erreichbar. Daß die Wettergeister der Tropen auch an der Zerstörung des Yunque rastlos thätig sind, verraten einesteils die weithin leuchtenden kahlen Wände, die ihren Ursprung samt und sonders unlängst stattgehabten Bergstürzen verdanken, anderenteils aber auch die mächtigen Trümmermassen, die den Fuß umlagern, und man kann sich angesichts dieser Wände und Trümmer und angesichts einer einzigen Regenflut, die auf sie niedergeht, des Gedankens nicht erwehren, daß der schöne Bergstock nichts anderes ist, als die zur Zeit noch stehen gebliebene Ruine einer viel ausgedehnteren Kalksteintafel, bezugsweise der Überrest einer höchsten Terrassenstufe, die die übrigen Stufen weit überragte. Die niedrigen Berge der Gegend, wie der Monte de Santa Teresa (210 m) und der Monte Majayara (160 m), östlich von Baracoa, ergeben sich dann als die Reste von Zwischenstufen. Betreffs der Bildungsgeschichte von Cuba aber scheint das ganze Landschaftsbild von Baracoa lehren zu wollen, daß die Insel seit der mittleren Tertiärzeit ruckweise und mit langen Ruhepausen höher und höher aus dem Meere emporgetaucht oder daß der Meeresspiegel an ihrem Gestade in solcher Weise gesunken ist. Das letztere für das Wahrscheinlichere zu halten, könnte man namentlich im Hinblick auf den vollkommen horizontalen Verlauf der korallinen Küstenwand geneigt sein.
Abb. 31. Ländliche Fuhrwerke.
Kulturen bei Baracoa.
In allen Einsenkungen und Thalungen auf den höheren Terrassen und zwischen den Bergen lagert eine mehr oder minder mächtige Schicht von Roterde, die als das schließliche Verwitterungsprodukt des Kalksteins dahin geschwemmt worden ist, und vor allen Dingen: diese Roterdestrecken tragen eine artenreiche und hochstämmige tropische Vegetation. Insbesondere sind dieselben die Stätten, wo die Hauptkulturen der Gegend gedeihen: die schattigen Kokospalmenhaine ([Abb. 28]), die sonnigen Ananasfelder ([Abb. 29]), die üppigen Bananenpflanzungen (Platanales, [Abb. 30]) und die Kakao-, Orangen- und Mangogärten, aus denen hier und da eine leicht gebaute, von Negern oder Creolen bewohnt, Palmpfahl- und Palmstrohhütte (Bohio) hervorblickt.
Die Stadt Baracoa (6000 Einw.), die am östlichen Winkel ihrer Bucht auf der untersten Terrassenstufe steht, während der den Hafeneingang bewachende alte Festungsbau die zweite Terrasse krönt, verdient als die älteste Stadt Cubas und als eine der ältesten und ehrwürdigsten Städte der gesamten Neuen Welt Beachtung. Schon Christoph Kolumbus, der den Hafen Puerto Santo nannte, weilte hier länger als an anderen Punkten der cubanischen Nordostküste, und er knüpfte hier seine ersten engeren Beziehungen zu den Eingeborenen; Diego Velasquez aber gründete hier die erste spanische Niederlassung im Jahre 1512. Wegen seiner gegen die Bahamas und gegen Haiti, sowie gegen Europa vorgeschobenen Lage und wegen seiner daraus sich ergebenden leichten Verbindung mit dem Mutterlande und mit dem übrigen westindischen Kolonialbesitze schien der Ort den Spaniern eben als Stützpunkt ihrer Herrschaft über die Insel ganz besonders geeignet, und eine gewisse strategische Bedeutung könnte man im Hinblick auf die Windwarddurchfahrt, auf die Hauptdurchfahrten des Bahama-Archipels (die Caicos-, Mariguana- und Crookedpassage) und auf den Alten Bahamakanal füglich auch heute noch geltend machen. Als Eingangspforte in das Innere von Cuba konnte Baracoa aber immer nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil die steilhängigen, wild zerklüfteten Gebirge wenige Meilen süd- und westwärts nur unter großen Mühsalen übersteiglich und ihre Thäler der Kultur in sehr beschränktem Umfange zu gewinnen sind. Velasquez selbst wandte sich daher auch bald wieder von ihm weg und verlegte den Regierungssitz nach Santiago, und die Rolle, welche Baracoa als Handelsplatz gespielt hat, ist immer eine bescheidene geblieben. Belangreich ist in der Gegenwart nur seine Ausfuhr von Ananas und Bananen, sowie von Kokosnüssen und Kokosöl, und die kleinen Dampfer und Schoner, die in dem Hafen Ladung nehmen, verkehren beinahe ausschließlich nach der großen nordamerikanischen Welthandelsmetropole New York. Um höheren Bedürfnissen zu genügen, würde der Hafen sehr der künstlichen Verbesserung bedürfen, sowohl weil der in ihn hineinwirkende Seegang den vor Anker liegenden Schiffen unmittelbar verderblich werden kann, als auch, weil er durch das Spiel der Wellen und den einmündenden Strom in fortschreitender Versandung begriffen ist.
Baracoasche Küstenlandschaft.
Von Baracoa westwärts geht die Seefahrt einer überaus malerischen Küste entlang, und auch größere Schiffe können sich in naher Sicht derselben halten, weil das Meer — es handelt sich um den Eingang zu dem Alten Bahamakanale — bis auf eine oder zwei Seemeilen Abstand eine beträchtliche Tiefe besitzt und gefahrdrohende Korallenriffe nur hier und da unmittelbar am Lande liegen. Die aus fossilen Korallenbauten zusammengesetzte Küstenwand ist auch hier allerwärts deutlich erkennbar, und nicht minder der weiße Schaum der unter dem Einfluß des Passatwindes dagegen donnernden Brandung. Die höheren Terrassenstufen aber sucht das Auge im allgemeinen vergebens, und statt ihrer folgen wieder in bunter Reihe bald höhere und bald niedrigere Tafelberge (mesas und yunques), Sattelberge (sillas), zugespitzte oder abgestumpfte Kegelberge (picos und pans) und abgerundete Kuppen (arcos und tetas) — Bergformen, für deren Benennung die spanische Sprache einen so beneidenswert reichen Wortschatz zur Verfügung hat. Man kann schon aus der Ferne wahrnehmen, daß die tropischen Regengüsse und die von ihnen geschwellten Gebirgsbäche und Ströme hier in noch rüstigerer Weise als bei Baracoa an der Zerfeilung und Ausgestaltung der Landschaft gearbeitet haben. Und wem es gelingt, eine Strecke in das Innere einzudringen — im kleinen Ruderboot auf dem Rio de Tanamo oder Rio de Mayari oder auf dem Rücken eines Maultieres an anderem Orte —, dem wird dies besonders in den Monaten Mai bis November, wenn hier an den meisten Tagen ein schwerer Gewitterschauer und Wolkenbruch schnell auf den anderen folgt, noch nachdrücklicher zum Bewußtsein gebracht. Der Erosionseffekt der fließenden Gewässer ist in dieser Zeit allerwärts ein gewaltiger, es erfolgen Uferzerreißungen und größere und kleinere Bergrutsche an tausend Orten, und die Schluchten, in denen die Bäche und Ströme dahinrasen, werden sozusagen vor den Augen des Beschauers und von einem Tage zum anderen tiefer und weiter zugleich. Nicht bloß am Tageslichte thun aber die cubanischen Atmosphärilien solchergestalt ihr physikalisch-geographisches Werk, sondern in sehr bedeutendem Maßstabe geschieht dies auch unterirdisch, und die Gegend ist infolgedessen voll von mehr oder minder ausgedehnten Höhlengängen und Hohlräumen, von denen viele in einem prächtigen Stalaktiten- und Stalagmitenschmuck prangen, manche auch interessante vorgeschichtliche Reste bergen. Wir weisen besonders auf die Höhlen hin, aus denen der Rio Moa, der Abfluß der Sierra de Moa, hervorbricht, um sich alsbald in der Gestalt eines etwa 100 m hohen Wasserfalles in die Schlucht hinabzustürzen, durch welche er dem Meere zueilt; sowie daneben auf die Höhlen der Sierra de Frijol, etwas weiter südlich, und auf die berühmten Yumurihöhlen in der Nähe von Baracoa.
Baracoasche Berglandschaft.
Die Berge in der unmittelbaren Nachbarschaft der Küste halten sich im allgemeinen in der Höhe von 200–300 m, die Silla de Jaragua, welche nördlich von der Mündung des wilden Rio de Toar die Hauptlandmarke für die Seefahrer bildet, ist aber auf 420 m bestimmt worden, und die Bergketten tiefer im Binnenlande — die Sierra de Toar, die sich dem Nordufer des gleichbenannten Stromes entlang zieht und von der die genannte Silla den östlichen Abbruch bezeichnet, die Sierra de Moa, die ihren nordwestlichen Parallelzug bildet, die Sierra de Cristal an der Nordseite des oberen Rio de Mayari und die Sierra de Catalina und Sierra de Frijol am oberen Rio de Tanamo — mögen gegen 600 m oder annähernd zu derselben Höhe wie der Yunque von Baracoa emporragen. Wahrscheinlich waren alle diese Ketten einst mit dem Yunque zu derselben großen Kalksteintafel verwachsen, und es ist einzig und allein die ober- und unterirdische Erosion gewesen, die sie getrennt und in sich zerklüftet hat.