Abb. 72. Maultierkarren auf der Plaza de San Francisco von Habana.

Ansegelung von Habana.


Indem unser Dampfer seinen Kurs weiter verfolgt und ziemlich genau auf die Stelle zusteuert, wo die Niederstufe der Vuelta-Abajo-Treppe sich an das Hügelland von Guanabacoa anlehnt, unterscheiden wir allgemach freundliche grüne Gelände, die den Eindruck einer wohlangebauten Kulturlandschaft machen, die wir aber in keiner Weise großartig nennen können und die füglich auch einer ganz anderen, außertropischen Erdgegend angehören könnten. Da war das Bild von Santiago und seiner Umgebung von der See aus zweifellos viel bedeutender. An dem Fuße des Gehänges und dicht an dem Wasserrande, auf niedriger, brandungbespülter Klippenwand, hebt sich aber eine stattliche Front von Häusern und Türmen ab — Habana nebst seinen Vorstädten Vedado und Carmelo, die sich an die 5 km weit dem Meeresstrande entlang ausdehnen —, und wir können dabei keinen Augenblick im Zweifel darüber sein, daß wir es hier mit dem weitaus hervorragendsten städtischen Gemeinwesen zu thun haben, das in Cuba sowie in dem gesamten Westindien erwachsen ist. Dann tritt auf etwas höherer, wetter- und wogenzerfressener Korallenklippe, die ziemlich weit gegen Nordwest herausspringt, und die auf diese Weise zugleich einen wirksamen Schutz gegen den Seegang aus Nordost bietet, ein ähnliches altertümliches, von einem hohen Leuchtturme überragtes Festungswerk aus der Häusermasse hervor, wie an dem Eingange in die Santiagobucht und ebenso wie dort Morro geheißen, und zwischen diesem Morro und der ihm gegenüber liegenden Hilfsbefestigung der sogenannten Punta, geht es durch eine enge (nur 340 m breite) und ziemlich lange, aber verhältnismäßig gefahrenfreie und gerade Einfahrt ([Abb. 62]) in die gewaltige Habanabai (vgl. das Übersichtskärtchen, [Abb. 61]), die Schiffe aller Größen in jeder denkbaren Zahl aufzunehmen vermag und die unter den vielen guten Naturhäfen Cubas der beste genannt zu werden verdient. In ihrer Gestalt und Gliederung den allgemeinen Typus der handförmig in das Land eingreifenden nordcubanischen Buchten auf das treueste darstellend, verzweigt sie sich in ihrem Innern in die drei Teilbuchten von Marimelena oder Regla (im Osten), von Guasabacoa (im Südosten) und von Atares oder Tallapiedra (im Südwesten), und es wird dadurch sowohl für die Handels- und Verkehrs- und Wohnanlagen als auch für die Verteidigungswerke eine große Mannigfaltigkeit günstiger Positionen geschaffen. Abgesehen von einem kleinen Manglar an der Guasabacoabucht, ist ja der Baugrund in der Umgebung der Bai allerwärts ein guter, und während der durch die Marimelenabucht ausgeschnittene halb halbinselartige Landvorsprung im Nordosten eine ziemlich hohe (ungefähr 40 m), gegen Regla hin stufenförmig abfallende Kalksteinmesa ([Abb. 62]) darstellt, die als Trägerin der stärksten Bollwerke „gegen inn- und äußeren Feind“ — des Morro, der Cabañacitadelle und des Sandiegoforts — in vorzüglichster Weise geeignet erscheint, so bildet die ihr gegenüber liegende Halbinsel, nördlich von der Tallapiedrabucht, eine nur schwach (5–6 m) über den Wasserspiegel der Bai erhobene Seborucofläche, die für die Bauten der Stadt sowie für die Entwickelung ihrer Hafenfront ([Abb. 63] und [64]), und ihrer Landungs- und Ladevorrichtungen hinlänglichen Raum und jeden denkbaren Vorteil sowie jede mögliche Bequemlichkeit gewährte. Südlich und westlich von dieser ebenen Fläche aber erheben sich 30–50 m hoch eine Anzahl gerundete Hügel und Kuppen, die ebenso gut zur Vervollständigung der kriegerischen Wehr der Stadt — zur Errichtung des Atares- und Principekastelles und der Santa-Clara-Batterie — wie zum Aufbau freundlicher und gesunder Landhäuser und Vororte des Cerro u. s. w. ([Abb. 66]) benutzt werden konnten. Die Frage, ob die Bai in irgend einem Winkel vollkommen sturmsicher sei, ist freilich zu verneinen, und die Orkane der Jahre 1768, 1810, 1844 und 1845 richteten unter den im Hafen vor Anker liegenden Schiffen furchtbare Verheerungen an. Das ist aber in anderen westindischen Häfen auch nicht anders, und wer in denselben handelt und verkehrt, der hat mit solchen Katastrophen allenthalben zu rechnen.

Erste Eindrücke beim Anblick von Habana.

In dem Anblicke, den Habana und seine Bai dem Beschauer auf dem Schiffe gewährt, überwiegt das kulturhistorische, bezugsweise das militär- und wirtschaftsgeographische Moment das naturästhetische Moment bei weitem — ganz anders als bei der Santiagobai. Die Hügel- und Terrassenumrahmung der Bai nennt man freundlich und anziehend, die hellblaue Wasserfläche wie jede andere große Wasserfläche schön und herzerquickend, nach der von Cuba erwarteten üppigen tropischen Pflanzenpracht sieht man sich aber vergebens um, und Königspalmen erblickt man nur, wenn man sein Auge anstrengt, in weiter Ferne, so daß man sie als Zierde des Bildes nicht zu würdigen vermag. Wieder und wieder haftet das Auge aber an dem weit ausgedehnten grauen Gemäuer, das von der Höhe im Osten herunterdroht und das dem, der seine stumme Sprache versteht, so viel zu erzählen weiß — von den alten französischen Boucanieren, von dem englischen Korsaren Franz Drake und von einer langen Reihe holländischer und englischer Admirale und Flotten, die länger als anderthalb Jahrhunderte vergeblich bedrohten; wie dann die Engländer sich 1762 von der Landseite her nach hartem Kampfe mit starker Truppenmacht (14000 Mann) in ihm festsetzten, bis ein großes Sterben über sie kam und sie wieder von dannen zogen; und von zahllosen Gefangenen und standrechtlich erschossenen Insurgenten endlich. Wie merkwürdig, daß diese gewaltigen Festungswerke, die zu einem beträchtlichen Teile auch dem Strategen der Neuzeit als starke und widerstandsfähige gelten müssen, den Spaniern ohne einen Schwertstreich haben entwunden werden können, und daß sie nicht einmal dazu benutzt worden sind, die Amerikaner zur Milderung ihrer Friedensbedingungen zu veranlassen! Daß die strategische Bedeutung von Habana in dem spanisch-amerikanischen Kriege überhaupt nicht in Frage gekommen sei, wird derjenige, der den Zusammenhang der Dinge überblickt, allerdings schwerlich behaupten, und im Grunde genommen war es doch in viel hervorragenderer Weise die unblutige Blockade der Habanabai und die dadurch verursachte Aushungerung des Hauptteiles der Insel, welche die Entscheidung herbeiführte, als der blutige Kampf am Westfuße der Gran Piedra. Wie eine Insel von der Ausdehnung des süddeutschen Staatenkomplexes — 118833 qkm, die alljährlich zwei oder drei Maisernten und ebensoviele Bataten-, Kartoffel- und Bohnenernten von demselben Boden gewährt, ausgehungert werden konnte, bleibt dabei freilich eine offene Frage.

Doch nicht weniger Aufmerksamkeit als der Cabañafestung und dem durch gedeckte Gänge damit verbundenen Morro wenden wir dem Stadtbilde auf der Westseite der Bai sowie dem bunten Wasserleben rund um uns herum zu — dem alten Zollhause, das ursprünglich eine Kirche war, das aber nach seiner Entweihung durch die Engländer (1762) seiner gegenwärtigen unheiligen Bestimmung übergeben wurde, dem Hafenhauptmannsgebäude, dem Statthalterpalaste, den Türmen der Kathedrale, den weitläufigen Zeughausbauten, den Landungs- und Lagerhallen, den Gast- und Kaufhäusern, den Schiffen, die mit dem unsrigen im Hafen vor Anker liegen und unter denen auch ein paar spanische Kriegsschiffe nicht fehlen, und den Scharen der kleinen blauen, gegen Sonnenbrand und Regenguß ([Abb. 67]) mit niedrigem Zeltdach versehenen Leichterbooten, die uns und sie umspielen. Und auch angesichts dieses Bildes können wir uns gewisse kulturgeographische Reflexionen nicht ersparen. Wie ist es zugegangen, daß ein solches Zusammenstehen und Zusammenspielen der Dinge gerade an dieser Stelle statt hat und sonst an keiner anderen in Cuba oder Westindien? Warum hat Santiago seine Rolle als Hauptstadt Cubas schließlich ebenso an Habana abtreten müssen, wie Baracoa die seinige vorher an Santiago? Die alte Stadt San Cristobal de la Habana, die der cubanische Städteerbauer Velasquez als die erste von Westcuba im Jahre 1515 in der Gegend des heutigen Batabano, also an der Südküste der Insel, anlegte, wollte ja in keiner Weise vorwärts kommen. Wie glänzend ist aber ihr Aufschwung gewesen, nachdem man sie im Jahre 1519 an ihren heutigen Ort — an das Ufer des Puerto de Carenas Ocampos — verlegt hat!

Abb. 73. Der Prado von Habana mit Ausblick auf das Meer.