Abb. 74. Die Plaza de Armas von Habana.
Wichtigkeit der Lage Habanas.
Die angegebene Beschaffenheit der Habanabucht ist für das Aufblühen der Stadt selbstverständlich von höchster Wichtigkeit gewesen. Füglich sind die Vorzüge, welche dieselbe vor der Santiagobucht und einigen anderen voraus hat, aber keine so gewaltigen, und die Überlegenheit der Befähigung Habanas, als Regierungssitz und Hauptstützpunkt der spanischen Herrschaft zu dienen, sowie den Hauptvereinigungspunkt aller inneren und äußeren Handels- und Verkehrsbeziehungen Cubas zu bilden, kann damit in jedem Falle nicht vollkommen erklärt werden. Ist doch die Lage der Bucht auf der Insel auch kaum weniger excentrisch, als bei der Santiagobucht, und würde doch namentlich die Cienfuegosbucht in dieser Hinsicht vor der einen wie vor der anderen vorzuziehen sein.
Abb. 75. Ärmere Vorstadt-Straße.
Strategische Lage Habanas.
Sehr bedeutsam ist es aber für Habana gewesen, daß die Bucht gerade dort in den Inselkörper einschneidet, wo die beiden verschiedenartig gebildeten Landschaften der Vuelta Arriba und Vuelta Abajo, die sich als die kulturfähigsten von ganz Cuba erwiesen haben und die auf einem Vierteile der Inselfläche die größere Hälfte der Inselbevölkerung beherbergen und ernähren, in der beschriebenen Weise aneinander stoßen. Die Produktionskraft und der Reichtum beider Landschaften hatte Habana solchergestalt einen gewissen Tribut zu zollen, und es mußte dies in einem um so höheren Maße der Fall sein, als es sonst um die seeseitigen Verkehrspforten im Westen Cubas nicht in jeder Beziehung wohlbestellt war. Ein noch größerer Vorteil war es aber, daß der schöne Naturhafen Habanas zugleich auch an der stärksten Verschmälerung Cubas — wo der Fisch- oder Eidechsenschweif der Insel sich dem langgestreckten Rumpfe anfügt — und daß es auf der Südseite des betreffenden Isthmus bei Batabano eine brauchbare Reede für größere Küstenfahrer sowie für kleinere Hochseeschiffe gibt. Der Isthmus ist zwischen der Habanabai und der Küste von Batabano nur 42 km breit, zwischen der Bucht von Mariel und der Bucht von Majana aber sogar nur 27 km, und derselbe entspricht ebenso wie der mehrfach erwähnte Isthmus von Moron einer starken allgemeinen Verflachung und Erniedrigung des Inselbodens, so daß seine höchste Höhe über dem Meeresspiegel (bei Bejucal, [Abb. 68]) bloß 92 m beträgt. Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts konnte man auf diese Weise das Projekt einer Kanaldurchstechung an den Isthmus knüpfen, und während es seiner Zeit der Volante und dem Reit- oder Lasttiere nicht mehr als eine kleine Tagereise nahm, auf der Landstraße von einem Meere zum anderen zu gelangen, so ist dies heute dem Eisenbahnzuge in einer oder in ein paar Stunden möglich. Standen die beiden Landschaften östlich und westlich von der Habanabucht nun schon zu Lande in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse von der daselbst begründeten Stadt, so wurde dieses Verhältnis ein noch viel strengeres dadurch, daß sie auch auf ihrer ganzen Seeseite von deren Verkehrsfäden umsponnen wurden. Sehr bezeichnend werden die beiden Landschaften daher auch einfach nach ihrem Verhältnisse zu Habana benannt — die Vuelta Arriba als die Seite, von welcher der Wind (der Passat) für die Habanesen kommt, und die Vuelta Abajo als die, nach welcher er von ihnen aus weht. Was aber die ferner liegenden cubanischen Landschaften angeht, so gilt das über Santiago Gesagte natürlich auch von Habana: bei dem gesamten interprovinzialen Verkehr der Insel — bei dem Verkehre der Verwaltung und der Truppenkörper ebenso wie bei dem Verkehr der Handelsgüter und Reisenden — stand immer in erster Linie der Seeverkehr entlang der Küste in Frage, und dadurch, daß Habana besser als Santiago und besser als jede andere cubanische Stadt in der Lage war, die Nord- und Südküste gleichzeitig mit seinen Beziehungen zu umspannen, war es sozusagen die prädestinierte Hauptstadt der Insel in politischer ebenso wie in wirtschaftlicher und allgemein kulturgeographischer Hinsicht. Übrigens ist es hierbei sehr selbstverständlich, daß von einer strengen Centralisation der cubanischen Angelegenheiten in einem Punkte bei der weiten Auseinandergezogenheit der Insel niemals die Rede sein konnte, und die Rolle einer Nebenhauptstadt hat Santiago daher recht wohl weiter fortspielen können, wie es ja bis zu einem gewissen Grade auch mit Puerto Principe und Santa Clara der Fall war. Endlich liegt aber die Habanabai auch in der Gegend der stärksten Annäherung Cubas an das Gebiet der Nordamerikanischen Union und an deren Schnellverkehrsplätze Key West und Tampa, sowie in der Konvergenz dreier wichtiger Meerstraßen — die Floridastraße, des Bahamakanales (hier Nicolaskanal genannt) und der Yucatanstraße —, und hieraus hat sich die hohe Bedeutung ergeben, die Habana als „Llave del Nuevo Mundo“ sowie als ein Hauptzielpunkt des europäischen und nordamerikanischen Dampfschiffverkehrs gehabt hat. Darüber haben wir uns aber bereits ausgesprochen, und wir betonen daher hier nur noch, daß die strategische Wichtigkeit von Habana in dieser Beziehung leicht überschätzt werden kann. In dem Sinne, in welchem Gibraltar den Eingang in das Mittelländische Meer oder Aden-Perim den Eingang in das Rote Meer beherrscht, kann Habana die bezeichneten Eingänge in den Mexicanischen Golf und in das Karibische Meer unmöglich beherrschen. Denn einmal sind dieselben ungleich weiter — die Floridastraße zwischen dem cubanischen Hicacoskap und dem floridanischen Kap Sable 195 km, der Nicolaskanal zwischen dem Bahia-Cadiz-Key und dem Salt Key der Bahamas 46 km, und die Yucatanstraße zwischen Kap San Antonio und Mugeres 185 km —, und sodann lassen sie sich in der Richtung auf das Karibische Meer und den daselbst zu eröffnenden interoceanischen Kanal auch leicht umgehen.