Abb. 76. Im Botanischen Garten von Habana.

Abb. 77. Im Botanischen Garten von Habana.

Die Straßen Habanas.

Doch wir können uns mit dem allgemeinen Übersichtsbilde, das uns Habana vom Hafen aus darbietet, nicht begnügen, sondern wir haben uns in einem der kleinen blauen Boote ans Land zu begeben und unsere kulturgeographischen Betrachtungen bei unseren Streifzügen in der Stadt und ihrer näheren und ferneren Umgebung weiter fortzusetzen und auf allerlei Einzelheiten zu erstrecken. Dem Stadtteile in der Nachbarschaft des Hafens sind durchgängig sehr enge Straßen mit kaum anderthalb Fuß breiten Bürgersteigen eigentümlich ([Abb. 69]), und es ist weder den Fuhrwerken noch den Fußgängern darin möglich, ohne vielfache Zusammenstöße aneinander vorüber zu kommen, während sie im übrigen die Luftzirkulation behindern, üble Dünste festhalten und zum Teil dadurch wahre Pestherde bilden — Brutstätten des Gelb- und Malariafiebers sowie der Blattern- und Typhusepidemien. Eine gewisse Annehmlichkeit bieten sie nur insofern, als sie ein Wesentliches dazu beitragen, ihren Bewohnern lange Wanderungen in der Tropensonne zu ersparen, als sie die in sie einfallende Strahlenmenge auf ein Mindestmaß beschränken, und als sie es einem möglich machen, sie mit ein paar Schritten oder Sprüngen zu queren, wenn sie sich durch die Güsse der Regenzeit alltäglich zu wiederholtenmalen in fußtiefe Bäche verwandeln. Alles in allem hat man sie aber als ein Erbe aus alten Zeiten oder sozusagen als ein historisches Überlebsel zu betrachten, das für andere Bedürfnisse als die heutigen berechnet war, und das man nicht ohne weiteres beseitigen kann. Als diese Straßen und die sie einrahmenden festungsartigen Häuser mit ihren eisenvergitterten glaslosen Fenstern und ihren schwer beschlagenen starken Holzthüren entstanden, drohten noch die Einfälle der Korsaren und Boucaniere sowie der Holländer und Engländer, und es war nötig, das ganze Gemeinwesen in eine Ringmauer einzuschließen. Dabei galt es aber Raum zu sparen, und da in den Straßen beinahe ausschließlich Lasttiere und Reiter sowie Fußgänger verkehrten und selbst Ochsenkarren Ausnahmserscheinungen waren, während sich die Sanierung in der noch kleinen Stadt von selbst bewirkte, — wie in mancher europäischen Kleinstadt wohl auch — durfte man diese Rücksicht ohne weiteres walten lassen. Heute ist der Verkehr der Wagen und Personen in einzelnen von diesen Straßen, wie namentlich in der Calle Obispo und Calle O’Reilly, sowohl in den Morgen- als auch in den späten Nachmittagsstunden ein sehr starker, und der nicht an das Schauspiel Gewöhnte kann sich dabei nicht enthalten, das Geschick zu bewundern, mit dem die Rosselenker ebenso wie die Wanderer auf den Bürgersteigen die vorhandenen großen Schwierigkeiten zu überwinden wissen. Übrigens begegnet man natürlich auch unter den Formen des Verkehres manchem historischen Überlebsel, das vor zwei- oder dreihundert Jahren von Spanien nach Cuba verpflanzt worden ist und das heute in seiner ursprünglichen Heimat kaum noch zu erblicken sein dürfte, das aber hier unter der Tropensonne noch kräftig weiter blüht. Die alte Volante zwar sucht man heute vergebens in Habana, und statt ihrer jagen Wagen von derselben Art wie in den europäischen Hauptstädten hin und her, und dazu auch Omnibusse, Pferdebahnwagen und Dampfstraßenbahnzüge. Ein guter Teil der Verkaufsgegenstände, die für den täglichen Gebrauch der Stadtbevölkerung vom Lande her nötig sind, wird aber immer noch auf den Rücken von Pferden, Eseln und Maultieren herbei gebracht und in den Straßen oder auf dem großen und wohleingerichteten Taconmarkte feilgeboten ([Abb. 70] und [71]). Größere und schwerere Transporte vom Lande in die Stadt vollziehen sich aber vorwiegend in roh gebauten, zelttuchüberspannten und nach dem Tandemprincip von Maultieren gezogenen Karren ([Abb. 72]), denn die Landstraßen sind auch in der Nähe der Hauptstadt der Mehrzahl nach schlecht — wenigstens in der Zeit der Regen —, und nicht weniger schlecht ist auch das Steinpflaster in der Stadt selbst. Wird die neue Ära, die über Cuba hereingebrochen ist, dies alles von Grund aus ändern? Und werden die Amerikaner, die sich anschicken, die Führung in dieser Ära zu übernehmen, den Stumpfsinn und den Schlendergeist zu bannen verstehen, der bei diesen Zuständen zweifellos mit im Spiele ist? Im eigenen Lande haben dieselben sich als Straßenbauer bisher nicht sonderlich bewährt, und ihre Stadtverwaltungen erfreuen sich ebenfalls beinahe durchgängig nicht eines sehr guten Rufes. Füglich fegt aber mancher Besen in der Welt weitaus am besten und wirksamsten vor der Thür des Nachbarn. Daß sowohl der Landstraßenbau als auch das Imstandehalten des Straßenpflasters in dem Tropenklima Cubas noch erheblich größere Anstrengungen erforderlich machen wird, als in dem Klima Nordamerikas, ist wohl sicher.

Abb. 78. Die Kathedrale von Habana.

Das neuzeitliche Habana liegt außerhalb der alten Ringmauern, und hier bieten die breiten, von westindischen Lorbeerbäumen beschatteten und von stattlichen Häusern und Bogengängen begleiteten Straßen ([Abb. 73]) zahlreiche Bilder vornehmen Glanzes, und in einem noch höheren Grade die mit Palmen, Hibiscus und Rosen sowie mit Bildsäulen und Springbrunnen schön geschmückten und von Kaffee-, Gast-, Schauspiel- und Klubhäusern umrahmten Plazas ([Abb. 74]) — die letzteren vor allem am Abende, wenn sie von elektrischen Lichtern erhellt und von Scharen von Lustwandelnden sowie von den Klängen von Musikbanden belebt sind. Noch weiter draußen stoßen wir freilich zum Teil wieder auf sehr ärmliche Straßen, in denen das Elend daheim ist ([Abb. 75]), und die große Zahl zerlumpter Bettler bringt auch einen schlimmen Mißton in das heitere Leben der Plazas. Übrigens sondern sich aber Arme und Reiche, Schwarze, Weiße und Gelbe in Habana keineswegs nach derselben strengen Regel wie in den Städten der Union in besonderen Stadtvierteln voneinander ab, sondern es herrscht in dieser Beziehung ein ziemlich buntes und regelloses Durcheinander, und unmittelbar neben dem Palaste oder der Quinta eines Großkaufmanns oder Granden, an dem Marmorsäulen und sonstiger Zierat nicht gespart worden sind, stoßen wir vielfach auf recht bescheidene Häuschen oder Hütten.

Abb. 79. Guanabacoa.