Cuba.
I.
Die schönste Insel, welche Menschenaugen geschaut haben — isla la mas hermosa que ojos hayan visto — nannte Christoph Kolumbus Cuba, als er, von den landschaftlich unbedeutenden Bahamas heransegelnd, das Nordostgestade der großen Antille in der Gegend des heutigen Puerto Nipe am 28. Oktober des Jahres 1492 zum erstenmale betrat, und bei seinem lebhaften Natursinne wird der berühmte Entdecker während des ferneren Verlaufes seiner ersten Amerikafahrt nicht müde, die Reize der Insel in seinem Tagebuche wieder und wieder im einzelnen zu preisen: die prächtigen Buchten und tiefen Ströme, die dem Schiffer Zugang und Schutz gewähren, die jäh aufstrebenden Küstenberge, die an die Berge Siciliens erinnern, die in frischem Grün prangenden weiten Ebenen, die stolzen Palmen, den Duft der Blüten und Gewürze, den Vogelgesang (den er für Nachtigallenschlag hielt), und das sanft geartete blaue Meer, welches das glücklich gefundene Wunderland umflutet — siempre mansa como el rio de Sevilla. Und eine ähnlich hohe Bewunderung wie ihrer Schönheit ([Abb. 1] und [4]) zollt er dem Reichtume und den wirtschaftlichen Hilfsquellen der cubanischen Landschaft.
Schwerlich wird auch ein neuerer Reisender, der Cuba besucht und näher kennen gelernt hat, es unternehmen wollen, die Lobpreisungen des Kolumbus in irgend einem wesentlichen Stücke Lügen zu strafen. Der von ihm gehegte Glaube, als ob Cuba Marco Polos vielberufenes Cipangu (Japan) oder ein Teil des asiatischen Festlandes sei, war allerdings gleich manchem anderen Glauben des Mittelalters ein irriger, im großen Ganzen bleibt aber die kolumbische Charakteristik davon bis auf den heutigen Tag zu Recht bestehen, und was an ihr zu ändern ist, bezieht sich in jedem Falle nur auf Einzelheiten. Das durch natürliche Wogenbrecher aus Korallenkalk gebändigte und für die Regel thatsächlich flußartig ruhige Meer rings um Cuba herum hat nicht selten Momente der furchtbarsten Aufregung, in denen es Hunderte von Fahrzeugen an den Küstenklippen zerschellt — was Kolumbus in der Folge durch eigene schlimme Erfahrung noch wohl genug beurteilen lernte —, und während der Goldreichtum der Insel sich bei genauerem Zusehen als ein sehr beschränkter erwiesen hat, so finden sich Eisenerze, die Kolumbus gänzlich vermißte, auf ihr in großer Menge und von hoher Güte.
Cuba im XVI. Jahrhundert.
Anderweit in der von Kolumbus entschleierten Neuen Welt ([Abb. 2] und [3]), und vor allen Dingen auch auf der Nachbarinsel Haiti, die nicht ganz sechs Wochen später aufgefunden wurde, stießen die Spanier auf ausgiebigere Lagerstätten des edlen Metalles, während die Pracht und Zeugungskraft der tropischen Natur daselbst eine der cubanischen nahe verwandte war; und dies war der hauptsächlichste Grund, warum jene anderen Länder sich bald einer höheren Wertschätzung von ihrer Seite erfreuten, indes Cuba — oder wie Kolumbus es ursprünglich nannte: Juana — auf Jahrhunderte hinaus einer verhältnismäßigen Nichtachtung und Vernachlässigung anheimfiel. Zwar wurde im Jahre 1508 Sebastian de Ocampo entsandt, die Insel zu umsegeln und näher zu erforschen, und zwar wurde 1511 durch den ehrgeizigen und rührigen Diego Velasquez die spanische Herrschaft in aller Form darauf errichtet, die an ihren Küsten begründeten Niederlassungen entwickelten sich aber nur langsam, und zur Füllung des spanischen Staatssäckels trug Cuba im Gegensatze zu Haiti sowie zu Mexico und Peru lange Zeit nur ein Geringes ein (an Geld 1515 bis 1534 260000 Pesos). Der Hauptsitz der spanischen Macht über Westindien befand sich demgemäß auch von vornherein nicht auf Cuba, sondern in Santo Domingo, auf Haiti, welch letzteres seinen Ehrennamen Hispaniola — Kleinspanien — nicht umsonst führte.