Abb. 2. Das Grabmal des Kolumbus in der Kathedrale
von Habana.

In einer Beziehung konnte Cuba freilich nicht verfehlen, seine kulturgeographische Bedeutung schon in den ersten Jahrzehnten der spanischen Herrschaft geltend zu machen: es diente sowohl den welthistorischen Unternehmungen eines Ferdinand von Cordova und Juan Grijalva (1518), sowie eines Ferdinand Cortez (1519) gegen Mexico und Mittelamerika, als auch denjenigen eines Ferdinand de Soto (1539) und eines Aviles de Menendez (1566) gegen Florida und das Mississippigebiet als Basis und Ausgangspunkt, und als ein Hauptschlüssel zu der Neuen Welt — „Llave del Nuevo Mundo“ — bewährte sich insbesondere die Position von Habana schon sehr frühe. Der von spanischen Ansiedlern betriebene Landbau beschränkte sich aber lange auf die Erzeugung der zu ihrem eigenen Lebensunterhalt nötigen Nährgewächse, und auch die Zucht der aus Europa eingeführten Nutztiere, die auf den tropischen Savannen ohne weiteres wohl gedieh, gestattete nur eine vergleichsweise unbeträchtliche Ausfuhr von Häuten und Fellen, sowie später von Honig und Wachs. Für die Erzeugnisse, durch welche die Insel nachmals so reich und berühmt geworden ist, gab es in den Zeiten, die unmittelbar auf ihre Entdeckung folgten, noch keinen genügenden Markt, und als die Nachfrage nach ihnen allgemach eine lebhaftere wurde, da hatten Haiti und Mexico betreffs ihres Anbaues und Absatzes vor Cuba lange Zeit einen weiten Vorsprung. Was insbesondere das cubanische Rauchkraut anbetrifft, so lernten die spanischen Ansiedler und Seefahrer den Genuß desselben allerdings von den Eingeborenen sehr rasch würdigen und von diesen wieder — entgegen allen Verboten, welche Könige, Kaiser und Sultane zur Bekämpfung der bedenklichen Neuerung erließen — die christlichen und mohammedanischen Völker der Alten Welt; der Anbau des Tabaks ([Abb. 5]) zu Handelszwecken begann aber auf Cuba erst gegen Ende des XVI. Jahrhunderts, und einen bedeutenderen Umfang gewann derselbe unter steten Kämpfen mit beengenden Monopolen und Regierungsmaßregeln sogar erst im Laufe des XVIII. Jahrhunderts. Die Kulturen des Zuckerrohres und des Kaffeebaumes aber, welche auf Haiti bereits in den ersten Jahrzehnten der Besiedelung in hohen Schwung kamen, wurden auf Cuba erst nach der Mitte des XVIII. Jahrhunderts nennenswert. Die cubanische Tabakausfuhr betrug um das Jahr 1700 kaum mehr als 1000 Centner jährlich, um das Jahr 1750 aber ungefähr 20000 Centner.

Urbevölkerung und Negersklaven.

Daß die dem indianischen Arawakstamme zugehörige Urbevölkerung Cubas gerade so wie diejenige Haitis weder willig noch fähig war, den Spaniern bei ihrem Kultivationswerke die rücksichtslos geforderten Frondienste zu leisten, ist bekannt, und bei ihrer Niedermetzelung im Namen der europäischen Civilisation und des christlichen Glaubens ging es sicherlich blutig genug zu, immerhin war ihre Ausrottung aber im Zusammenhange mit den angegebenen Verhältnissen eine weniger rasche und gründliche als auf Haiti, und im allgemeinen kann man sich dabei eher an die Ausrottung der neuseeländischen Maori durch die Engländer — in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts — oder oder an die Seminolenkriege der Nordamerikaner — 1835 bis 1842 — erinnert fühlen. Einige dürftige Reste der unvermischten Urbevölkerung, deren Zahl die zeitgenössischen Berichterstatter des Kolumbus offenbar weit überschätzten, fristeten ja in den östlichen Gebirgsgegenden Cubas ihr Dasein bis auf unsere Tage, und in der cubanischen Landbevölkerung, den sogenannten Guajiros, ist ein durch seinen Gesichtsschnitt und sein straffes schwarzes Haar kenntliches halbindianisches Mischungselement über die ganze Insel verbreitet, wie denn auch einer der Hauptanführer in dem eben beendigten Kampfe gegen die Spanier — General Rabi — als Sprosse einer alten indianischen Häuptlingsfamilie bezeichnet wird.

Abb. 3. Der Kolumbus-Gedächtnistempel zu Habana.

Die Einführung von Negersklaven begann auf Cuba neunzehn Jahre später als auf Haiti (1524), und bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts fand dieselbe auch immer in einem viel geringeren Umfange statt als dort — ein Hauptgrund, warum Cuba nicht in dem gleichen Maße wie die Nachbarinsel von dem schwarzen Bevölkerungselemente überflutet worden ist. Die freiwillige weiße Einwanderung aus Spanien und von den Kanarischen Inseln war aber in den ersten Jahrhunderten nach der Entdeckung ebenfalls eine geringfügige, und nur als Jamaica an England verloren ging (1655), Tortuga nebst dem westlichen Teile von Haiti aber an Frankreich (1697), und als Spanien sich dadurch genötigt sah, seine kolonisatorische Kraft in Westindien mehr zu konzentrieren, da erhielt das weiße Element von jenen Nachbarinseln, sowie von dem Mutterlande her eine wesentlichere Verstärkung. Alles in allem gab es daher am Anfange des XVIII. Jahrhunderts erst ungefähr ein Dutzend Ortschaften auf der Insel, und die Gesamtzahl ihrer Bewohner ist für diese Zeit auf nicht mehr als 30000 zu veranschlagen.

Anlage von Befestigungen.

Was die Entwickelung der Niederlassungen auf Cuba im übrigen zurückhielt, waren einesteils die dem ganzen westindischen Erdraume eigentümlichen verheerenden Naturereignisse — Erdbeben, Orkane, Überschwemmungen und Sturmfluten —, anderenteils, und in einem viel hervorragenderen Maßstabe, vielfach wiederholte Einfälle von Piraten und Freibeutern — der bekannten Vorhut der Engländer und Franzosen bei ihren langjährigen Kämpfen mit den Spaniern um amerikanischen Kolonialbesitz. Dies war aber auf Haiti und Jamaica auch nicht anders, und gegenüber den Angriffen der Boucaniere ebenso wie der Engländer bewährte sich Cuba in jedem Falle als ein festerer Hort der spanischen Herrschaft als diese Inseln. Vor allen Dingen erwuchsen aus jenen Kämpfen eine Anzahl der stattlichen Bollwerke, die heute Habana umgeben: die die Hafenfront der Stadt beschützende alte Fuerza, welche schon De Soto anlegte (1538), der weithin drohende Morro ([Abb. 6]) und das demselben gegenüber gelegene Castello de la Printa, die den Eingang in die Bai bewachen, und die unter Philipp II. aufgeführt wurden (seit 1589), und die ausgedehnte, nur in Bruchstücken erhalten gebliebene Ringmauer der Stadt, deren Bau 1655 begonnen und 1738 beendigt wurde; ebenso aber auch der malerische Morro, am Eingange in die Bucht von Santiago, der in seiner ursprünglichen Gestalt aus dem Jahre 1643 und in seiner erneuerten Gestalt, nach der Zerstörung durch die Engländer (1661), aus dem Jahre 1663 stammt.