Abb. 4. Cubanische Stromuferlandschaft.

Abb. 5. Tabakfeld und Tabakernte.

Cuba im XVIII. Jahrhundert.

Der höhere wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung Cubas und die allgemeine Würdigung der Insel als Perle und Königin der Antillen — Perla oder Reyna de las Antillas — reicht nicht weiter zurück, als in die zweite Hälfte des XVIII. Jahrhunderts, doch heißt es den Engländern wohl zu viel Ehre anthun, wenn man behauptet, den Anstoß dazu habe einzig und allein die Einnahme von Habana durch Lord Albemarle und seine Riesenflotte, sowie die nicht ganz einjährige Besetzung von Habana und Santiago durch britische Truppen (August 1762 bis März 1763) gegeben. Der zeitweilige Verlust der Insel mußte allerdings dazu beitragen, sie den spanischen Herzen teurer zu machen, für die Entwickelung ihrer Fähigkeiten und Reichtümer war es aber zweifellos bedeutsamer, daß in der zweiten Hälfte des XVIII. und bei dem Beginn des XIX. Jahrhunderts eine Veränderung der gesamten Weltlage Platz griff. In erster Linie machte das Zeitalter der Aufklärung unter Karl III. auch in Spanien seine Wirkung in kräftiger Weise geltend, und außer der Beschränkung der Inquisition und der Vertreibung der Jesuiten führte dasselbe sowohl in dem Mutterlande als auch in den Kolonien mancherlei durchgreifende Reformen hinsichtlich des Wirtschaftslebens herbei. Sodann befreite sich in den Jahren 1773 bis 1783 die Nordamerikanische Union von der englischen Bevormundung und dem englischen Joche, und es öffnete sich dadurch den Erzeugnissen Cubas in unmittelbarer Nachbarschaft ein weites und lohnendes Absatzgebiet. Unter diesen Erzeugnissen hatte der Tabak um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts den Ruf unübertrefflicher Güte, den er bis auf den heutigen Tag genießt, fest begründet, während sich für die Kultur des Zuckerrohres und namentlich für die seit 1795 eingeführten neuen Varietäten desselben (das Otaheitirohr), weitere und weitere Roterdestrecken vorzüglich geeignet erwiesen, und auch der Kaffeebaum, der erst 1748 von Haiti nach Cuba verpflanzt wurde, fand in dem Hügellande südlich von Habana, sowie an den Gehängen der Sierra de los Organos, der Sierra de Trinidad und der Sierra Maestra Anbaustätten, die ihm wohl zusagten. Die Abtretung Floridas an England ferner (1763) hatte eine weitere Verstärkung des Einwandererzuflusses, sowie einen bedeutenden Aufschwung der Bienenzucht zur Folge, und in einem noch größeren Maßstabe bewirkte eine Verstärkung kapitalkräftiger und erfahrener Kolonisten, sowie ein höheres Aufblühen sämtlicher Zweige der Pflanzungskultur die Negerrevolution Toussaint l’Ouvertures und die damit Hand in Hand gehende Vertreibung und Ausrottung der Weißen auf Haiti (seit 1791). Endlich aber wurde Cuba in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts durch den Abfall von Süd- und Mittelamerika und Mexico die überseeische Hauptbesitzung Spaniens, und die kolonisatorischen Fähigkeiten und Bestrebungen hatten sich ihm daher in einem höheren Grade zuzuwenden als irgend einem anderen Lande. Der militärische Hauptstützpunkt der Spanier in der Neuen Welt war Habana schon seit lange gewesen, und nach seiner Zurückerlangung aus der Hand der Engländer waren sie eifrig darauf bedacht, einem neuen Verluste desselben durch eine weitere Verstärkung seiner Bollwerke vorzubeugen. So entstand das Castillo del Principe auf dem die Stadt im Westen überragenden Hügel, das Altaresfort im Hintergrunde der Bai und die gewaltige Cabañafestung mit dem Fort San Diego an dem Baiausgange und der Stadt gegenüber ([Abb. 7]).

Abb. 6. Seeseitige Ansicht des Morro von Habana.

Freier Handel und Verkehr mit dem Mutterlande und seinen Kolonien wurde Cuba 1778 zugestanden, freier Handel und Verkehr mit aller Welt aber erst 1817, nachdem es sich in der Zeit der Napoleonischen Kämpfe ebenso, wie in der Zeit der süd- und mittelamerikanischen Befreiungskämpfe als das der spanischen Krone allezeit getreue — „siempre fidelissima“ — bewährt hatte und bereits in das Stadium seiner höchsten Blüte eingetreten war.

Um das Jahr 1775 war Haiti in seiner Entwickelung Cuba noch ein gutes Stück voraus — mit einer doppelt so großen Bevölkerungszahl, mit einer fünffach so bedeutenden Zuckerproduktion, mit einem zwanzig- oder dreißigfach ansehnlicheren Bestande an Kaffee- und Kakaobäumen, und mit einer ungleich gewaltigeren Ausdehnung seiner Indigo- und Baumwollenfelder. Die weiße Bevölkerung war aber damals auf Cuba schon reichlich dreimal so zahlreich als auf Haiti, Habana nennen die Länderbeschreiber jener Zeit (A. F. Büsching) bereits „die wichtigste Stadt, welche die Spanier in Amerika besitzen“, und während auf Haiti die gesamte materielle und geistige Kultur durch die politische Katastrophe der neunziger Jahre des XVIII. Jahrhunderts in den furchtbarsten Niedergang geriet, ja gutenteils vollständig vernichtet wurde, so machte sie auf Cuba von da ab Riesenfortschritte.