Dabei war sie eine recht hübsche Frau, besonders ausgezeichnet durch das üppige tiefschwarze Haar und durch die großen klugblickenden Augen. Als einziger Sohn habe ich mich besonders ihrer Liebe und Fürsorge erfreut. Sie hat auch stets meine Neigung zu wissenschaftlichen Studien gefördert, nur von der Wahl der Chemie als Berufsstudium war sie enttäuscht, weil ihr das zu sehr nach Apotheke schmeckte. Sie hätte es viel lieber gesehen, daß ich Jurist oder Mediziner geworden wäre.
Im allgemeinen erfreute sie sich einer guten Gesundheit, und noch mit 59 Jahren reiste sie nach Meran, um meiner dort zur Kur weilenden kranken Schwester Mathilde während des Winters Gesellschaft zu leisten. Von München aus habe ich sie damals während der Weihnachtsfeiertage besucht. Die Fahrt machte ich in Gesellschaft meines Freundes Dr. Tappeiner, dessen Vater in Meran der bekannteste Arzt war.
Als wir von Bozen in einem besonderen Mietwagen abends nach Meran fuhren, war die Kälte so groß, daß wir uns recht unbehaglich fühlten, und bei unserer Ankunft in Meran war die Temperatur unter 12° gesunken. Ich habe damals meine optimistische Ansicht über das warme Klima der südlichen Alpenorte geändert und bei mancher anderen Fahrt nach dem Süden dieses Urteil bestätigt gefunden. In Meran war der Berg hinter der Stadt so mit Eis inkrustiert, daß man mit gewöhnlichen Schuhen kaum auf die Höhe steigen konnte. In dem Gasthause »Erzherzog Johann« fand ich das Wasser in der Waschschüssel am nächsten Morgen gefroren. Für die Kranken wurde allerdings durch fortwährende Ofenheizung besser gesorgt.
Von Meran kehrte meine Mutter Mitte Februar nach Deutschland zurück, um ihren 60. Geburtstag zuhause zu feiern. Sie besuchte mich noch in München und freute sich, einige meiner Freunde als ihre Gäste im Hotel »Bayrischer Hof« kennen zu lernen.
Aber diese lange Reise bei damals noch recht ungenügender Heizung der Eisenbahnen und selbstverständlich ohne Schlafwagen trug ihr einen heftigen Bronchialkatarrh ein. Die dadurch erschwerte Zirkulation in Verbindung mit den seelischen Sorgen um das Schicksal meiner Schwester haben wahrscheinlich bei ihr eine Herzkrankheit ausgelöst, die im Frühjahr 1879 begann und nach 3½jährigem, recht schweren Leiden am 14. September 1882 den Tod herbeiführte. Sie starb in Uerdingen im Hause meines Schwagers Mauritz unter der sorgfältigen Pflege meiner Schwester Bertha. Sie ist ebenso wie mein Vater beerdigt auf dem kleinen protestantischen Friedhof zu Uerdingen in der Familiengruft Mauritz-Fischer. Der Friedhof lag früher ganz hübsch auf freiem Felde, ist aber jetzt leider infolge der raschen industriellen Entwicklung des Ortes von hohen und unschönen Gebäuden umgeben.
Von meinen Schwestern ist schon vorher wiederholt die Rede gewesen. Die kleine Abneigung, die der Bruder bei der Abwehr ihrer Erziehungskünste früher manchmal empfunden hatte, war im Laufe der Zeit ins gerade Gegenteil umgeschlagen, und ein wirklich freundschaftliches Verhältnis hat mich dann sowohl mit meinen Schwestern, wie auch mit ihren Männern verbunden.
Die älteste Schwester Laura habe ich als Mädchen wenig gekannt, da sie bereits im Jahre 1858 einen jungen Kaufmann, Friedrich Mauritz aus Uerdingen a. Rhein heiratete. Infolgedessen wurde mir schon mit 7 Jahren die Würde eines Onkels zuteil, was mir von seiten der Altersgenossen manchen Spott eingetragen hat.
Durch diese Heirat wurde zwischen den Familien Fischer und Mauritz eine Verbindung geschaffen, die sich im Laufe der Zeit erweiterte und vertiefte. Mein Schwager war ein prächtiger, frischer Mann, tüchtig in seinem Geschäft, einem Kohlenhandel, und mein Vater ist zu ihm in ein besonders herzliches Verhältnis getreten. Er liebte es, im Alter monatelang im Hause des Schwiegersohnes zu wohnen, hatte mit ihm mancherlei Geschäfte, z. B. die Brauerei in Dortmund begonnen, ging gerne zusammen mit ihm auf Reisen und hat sich oft dahin geäußert, der Fritz sei ihm so lieb wie sein eigener Sohn.
Ich selbst habe bei dem Schwager als Knabe in den Schulferien mich öfters aufgehalten und in der mir neuen Umgebung des mächtigen Stromes, des eigentümlichen Geschäftsbetriebes und der weit verzweigten und kinderreichen Familie Mauritz viel Unterhaltung und Freude erlebt. Leider starb meine Schwester Laura, eine gesunde und kräftige Frau, bald nach der Geburt des dritten Kindes Alfred, der jetzt als Direktor der Aktienbrauerei, als Stadtverordneter und auch sonst in der Öffentlichkeit vielfach tätiger Mann in Dortmund eine sehr angesehene Stellung hat. Sie scheint das Opfer einer Infektion gewesen zu sein, über deren Natur ich aber keine bestimmte Auskunft erhalten konnte. Fünf Jahre später, mitten im Kriege 1870 heiratete der Witwer meine dritte Schwester Bertha, die dem Gatten auch drei Söhne schenkte. Sie starb leider auch früh an einer Lungenentzündung 1888. Mein Schwager Fritz ist ihr etwa 10 Jahre später im Tode gefolgt, was für meinen Vater im hohen Alter ein besonders schmerzlicher Verlust war.
Von seinen 6 Kindern sind nur noch 2 übrig geblieben, der eben erwähnte Brauereidirektor und aus der zweiten Ehe der Sohn Otto, der in Nürnberg als Ingenieur in einer großen Maschinenfabrik tätig ist.