An seinem Todestage hat er in einem Gespräch mit mir die Bilanz seines Lebens gezogen und sich sehr befriedigt darüber geäußert. Eine Stunde vor seinem Tode trank er noch ein großes Glas Bier, offenbar mit Genuß; denn seine letzten Worte waren: »Es ist ein Glück, daß der gemeine Mann für billig Geld einen so guten Trank haben kann«. Er starb, wie er gelebt hatte, als vollkommener Atheist, aber in treuer Anhänglichkeit an Frau und Kinder, an die weitere Familie und an zahlreiche Freunde. Politisch war er früher rheinischer Fortschrittsmann, später nationalliberal und immer in scharfer Opposition zur ultramontanen Partei.

Obschon ganz im kapitalistischen Zeitalter groß geworden, hatte er doch Sinn und Verständnis für die soziale Bewegung der Neuzeit. Vom sozialistischen Zukunftsstaat wollte er gar nichts wissen, aber von den Bestrebungen der Arbeiter pflegte er zu sagen: »Die Leutchen haben ganz recht, wenn sie versuchen, ihre Lage zu verbessern«. In der großen Öffentlichkeit ist er weder als Redner noch als Schriftsteller hervorgetreten. Dagegen hat er als langjähriger Stadtverordneter und als Mitglied mancher Kommissionen an der Verwaltung von Gemeinde und Kreis teilgenommen, und wenn es sich darum handelte, allgemein wirtschaftliche Zwecke, wie den Bau von Eisenbahnen in der dortigen Gegend zu fördern, so war er gewöhnlich Mitglied der Abordnungen, die nach Cöln oder Berlin zur Verhandlung mit der königl. Regierung geschickt wurden.

Trotz seiner Tatkraft in allen geschäftlichen Dingen war er von Charakter gutmütig und huldigte dem Grundsatz: »Leben und leben lassen«. Gegen Frau und Kinder war er nicht allein sehr gütig, sondern auch rücksichtsvoll und überließ die strenge Seite der Erziehung ganz der Mutter. Meine Schwestern konnten mit einigen Schmeichelworten fast alles von ihm erreichen. Nur in ernsten Dingen, z. B. in der Wahl des Gatten, mahnte er dauernd zur Vorsicht und Vernunft, und phantastischen Heiratsplänen wäre er sicherlich mit großer Entschiedenheit entgegengetreten. Er hat dann auch wirklich das Glück gehabt, mit allen Schwiegersöhnen sehr zufrieden sein zu können.

Ich selbst erinnere mich nicht, von ihm gestraft worden zu sein. Ja, ich habe kaum ein böses Wort von ihm gehört. Zwar hat er öfters sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß ich kein Interesse an kaufmännischen Dingen und dem Erwerb von materiellen Gütern besitze, aber er ließ mich doch ruhig meinen Weg gehen und sprach nur Anderen gegenüber mit Bedauern darüber, daß der Sohn die Kunst des kaufmännischen Rechnens nicht besitze. Leider hat er es nicht mehr erlebt, daß dieser unpraktische Gelehrte den Nobelpreis für Chemie erhielt, und sich später durch einige kleine Erfindungen Jahreseinkünfte verschaffte, wie er selbst sie niemals gehabt hat.

Wesentlich verschieden von dem Vater war trotz der sehr glücklichen Ehe in Charakter, Anschauungen und Neigungen meine Mutter. Sie stammte aus der zweiten Ehe des Eisenfabrikanten Johann Abraham Poensgen in Schleiden (Eifel) mit Wilhelmine Fomm und war am 19. Februar 1819 geboren. Wie ich einer recht gut geschriebenen und im Druck erschienenen Geschichte der Familie Poensgen entnahm, haben meine Vorfahren mütterlicherseits Jahrhunderte lang als Erzeuger von Eisen und Eisenwaren im Schleidener Tal gewirkt und vielleicht habe ich von ihrer Seite die Freude an chemischen und technischen Prozessen geerbt. Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß ich jetzt im Alter durch die Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften mit der Kohlen- und Eisenindustrie wieder in nähere Berührung gekommen und in jüngster Zeit sogar Kuratoriumsmitglied des großartig geplanten Kaiser Wilhelm Instituts für Eisenforschung geworden bin.

Da meine Großmutter nach dem Tode des ersten Mannes den Arzt Dr. Fuß zu Gemuend im Schleidener Tal heiratete, so hat meine Mutter dort den größten Teil ihrer Jugend verlebt. Zur Vollendung ihrer Ausbildung kam sie mit etwa 16 Jahren in die Erziehungsanstalt der Herrnhutergemeinde in Neuwied a. Rhein und daher stammte wohl die tiefe religiöse Überzeugung, der sie während ihres ganzen Lebens treu blieb.

Sie war sehr klug und wissensdurstig und von dem vielen Lesen hatte sie schon in der Jugend eine ziemlich starke Myopie erworben, die ich von allen ihren Kindern allein geerbt habe. Sie wäre heutzutage wahrscheinlich eine gelehrte Frau geworden, aber das Frauenstudium war zu ihrer Zeit noch nicht üblich. Da sie schon mit 18 Jahren heiratete und in den nächsten 15 Jahren 8 Kinder zur Welt brachte, so war ihre Zeit durch andere Pflichten ausgefüllt. Sie wurde eine tüchtige Hausfrau und half meinem Vater auch in geschäftlichen Dingen. Sie wußte sich überall in Respekt zu setzen und niemand von den Kindern oder dem Dienstpersonal hätte es gewagt, ihre Anordnungen zu mißachten. Sie war ernster wie mein Vater, konnte aber doch recht herzlich über seine Späße lachen. Nur wo sie rohen oder gemeinen Äußerungen begegnete, gab sie ihrer Entrüstung so deutlichen Ausdruck, daß jedermann in ihrer Gegenwart gezwungen war, sich anständig zu benehmen. Bei alledem war sie eine liebevolle Mutter, voller Fürsorge für ihre Kinder und später auch für deren Familien.

In ihrer tiefen Religiosität ließ sie sich durch den Unglauben meines Vaters und seinen gelegentlichen Spott über Kirche und Pfaffen nicht irre machen.

Ebenso selbständig waren ihre politischen Anschauungen, und als eifrige Protestantin verehrte sie Preußen als die Vormacht des evangelischen Glaubens in Deutschland.

Als unter der Ministerpräsidentenschaft Otto von Bismarcks der böse Konflikt zwischen der preußischen Regierung und dem Abgeordnetenhause im Jahre 1863/64 tobte, und fast alle Rheinländer, unter ihnen auch mein Vater, zur Oppositionspartei gehörten, war sie ganz auf Seiten Bismarcks: »Jetzt hat Preußen wieder einen Minister, der seiner würdig ist und ihr seid viel zu dumm, diesen Mann zu begreifen«. So sprach sie wohl zu ihren Kindern und auch meinem Vater machte sie in ihren politischen Urteilen so lebhafte Opposition, daß er sie scherzhaft »Frau Bismarck« nannte.