Die erhöhte Einkommensteuer kam bei der in Preußen üblichen Veranlagung auch der Gemeinde zugute und der Prozentsatz, in welchem die Gemeindesteuer bis dahin erhoben wurde, hätte vernünftigerweise ermäßigt werden müssen. Das hatte auch mein Vater angeregt; aber statt dessen wurde nur die Gewerbesteuer herabgesetzt. Als mein Vater das als ungerecht bezeichnete und die Möglichkeit andeutete, daß vermögende Leute, die kein Gewerbe mehr betrieben, bei der nunmehr recht hohen Gemeindesteuer die Stadt verlassen könnten, entgegnete man ihm spöttisch: Ein Mann wie er, der im Alter von 84 Jahren stehe, würde sich nicht mehr zu einem Wechsel des Wohnsitzes entschließen können. Dieser Appell an seine Altersschwäche ärgerte ihn, und um den Leuten das Gegenteil zu beweisen, entschloß er sich sofort, Euskirchen zu verlassen. Ohne einem seiner Kinder ein Wort davon zu sagen, löste er den Haushalt auf und verließ die Stadt und Preußen und zog im Sommer 1892 nach Straßburg i. Els. Kurz vorher machte er bei mir noch einen Besuch in Würzburg, wovon später die Rede sein wird. Es war aber damals schon zu spät, seinen Entschluß zu ändern.

Der endgültige Umzug ist in den einfachsten Formen erfolgt. Ein Verwandter traf den alten Herrn zu Cöln am Bahnhof, im primitivsten Anzug, die Jagdflinte auf dem Rücken, den Hund an der Strippe und in der anderen Hand einen bescheidenen Handkoffer. Auf die Frage: »Nun, Herr Fischer, wo geht's hin?« erfolgte die knappe Antwort: »Domizilveränderung nach Straßburg«. Hier wohnte er zuerst im Gasthaus und später bei meinem Vetter Ernst Fischer, dem außerordentlichen Professor der Chirurgie, der in seinem geräumigen alten Hause in der Küfergasse eine Privatklinik eingerichtet hatte und dessen Frau aus einer elsässischen Bauernfamilie einen einfachen aber guten Haushalt führte.

Mein Vater hat hier rasch einen ihm zusagenden Bekanntenkreis gefunden, besonders unter den Jägern. Nach wenigen Monaten war er an einer Jagd beteiligt und hatte, wie er lachend erzählte, auch schon einen Prozeß, den er richtig gewann. In späteren Zeiten hatte er Fühlung mit den Offizieren der Garnison und wurde zu deren Treibjagden eingeladen. Wegen seines hohen Alters erhielt er dann den Ehrenplatz neben dem Höchstkommandierenden, und es machte ihm großen Spaß, diesem die Hasen fortzuschießen, was die jüngeren Offiziere sich nicht erlauben durften. Den Verkehr mit Offizieren war er übrigens gewohnt, da in der Umgebung von Euskirchen sehr oft im Herbst militärische Übungen stattfanden. Zweimal wurde sogar das Kaisermanöver dort abgehalten und dann waren immer hohe Offiziere in unserem Hause einquartiert. Auch an Hirsch- und Saujagden in den Vogesen hat er sich beteiligt.

Häufige Reisen führten ihn von Straßburg nach dem Niederrhein und auch nach Berlin, um geschäftliche Dinge, besonders die Teilnahme an den Aufsichtsratssitzungen zu erledigen.

Als er 90 Jahre alt wurde, entschloß er sich zur Rückkehr nach Preußen. Aber bezüglich der Steuern hatte er sich inzwischen feste Grundsätze zurechtgelegt, die nicht ganz leicht zu verwirklichen waren. Die Staatssteuer, so hörte man ihn öfters sagen, wolle er gerne bezahlen, weil der Schutz des Staates für jedermann unentbehrlich sei. Dagegen die Gemeinde habe er nicht mehr nötig und er sehe nicht ein, daß er für diese viel bezahlen solle. Er wolle deshalb den Wohnsitz in einer Gemeinde wählen, die durch niedere Steuern ausgezeichnet sei. So kam er zuerst im Sommer 1898 zu mir nach Wannsee bei Berlin, wo damals nur 40% Zuschlag zur Staatssteuer erhoben wurden. Als er aber aus der ersten Steuerrechnung ersah, daß noch 30% Kreissteuer dazukamen, meldete er sofort seinen Wegzug an.

Die nächste Wahl fiel auf einen kleinen Ort im Harz, wo sein ältester Enkel Heinrich Mauritz als königl. Bergbeamter tätig war.

Der Zuzug des wohlhabenden Mitbürgers erschien nun den anderen Gemeindeangehörigen als eine günstige Gelegenheit, alle möglichen neuen Bedürfnisse der Gemeinde zu befriedigen, und die Steuern gingen im folgenden Jahre erstaunlich in die Höhe. Sofort war der alte Herr wieder verschwunden und jetzt fand er einen Wohnsitz in Griethausen, einem Dorfe in der Nähe von Cleve, wo man auf die Ausbeutung des Zugvogels verzichtete. Er mietete sich ein Zimmer bei dem Gemeindediener und behielt das Domizil bis zu seinem Tode, obschon er kaum 24 Stunden sich dort aufgehalten hatte.

Statt dessen wohnte er abwechselnd bei seinen Kindern oder Schwiegersöhnen oder Enkeln in Rheydt, Uerdingen, Berlin oder Herdt bezw. Dortmund, durfte aber nirgends länger bleiben als 89 Tage, weil er sonst nach dem Gesetz zur Zahlung von Gemeindesteuern verpflichtet gewesen wäre. Den übrigen Teil des Jahres, namentlich die Sommermonate verbrachte er auf Reisen und machte dabei noch alle möglichen Bekanntschaften. So schrieb er mir eines Tages, daß er in einem Gasthaus zu Heidelberg Robert Bunsen zufällig getroffen und sich ihm als Vater eines Chemikers vorgestellt habe. Dieser sei zwar jünger, aber noch schwerhöriger wie er selbst. Trotzdem habe sich ein langes und interessantes Gespräch zwischen ihnen entwickelt.

Im Winter 1900/01 hat er zum letzten Mal an der Jagd teilgenommen, weil das früher so gute Auge versagte. Das kam von einer leichten Trübung der Linse, während der Sehnerv noch ganz intakt geblieben war. Im übrigen erfreute er sich im Frühjahr 1902 noch voller Gesundheit, wenn man von der Schwerhörigkeit absehen will. Er hat damals noch in Frack und weißer Binde einer Abendgesellschaft in meinem Hause beigewohnt. Als aber die üblichen 89 Tage vorüber waren, zog er mit der gewohnten Pünktlichkeit nach Rheydt zu seinem Schwiegersohn Arthur Dilthey. Hier soll er bei häufigem Verweilen in den Gasthäusern, besonders in jugendlicher Gesellschaft dem Bier- und Weingenuß über das Maß der Zuträglichkeit gehuldigt haben. Dem war das alte Herz nicht mehr gewachsen und das erste Zeichen seiner Insuffizienz gab sich kund in der Schwellung der Beine. Die Mahnung des Arztes, seine Lebensweise zu ändern und den Genuß alkoholischer Getränke zu vermeiden, beantwortete er mit der Frage: »Wieviel Leute in meinem Alter haben Sie schon behandelt?« Er blieb also bei seinen Gewohnheiten. Die Wassersucht wurde im Laufe des Sommers schlimmer, ohne ihn aber stark zu belästigen, und Anfangs Oktober kam er in Begleitung seines Enkels Alfred Dilthey als schwer kranker Mann zu mir nach Berlin. Ohne besonders zu leiden ist er hier am 16. Oktober 1902, 18 Tage vor seinem 95. Geburtstage sanft verschieden.

Einen Tag vor seinem Tode hat er nochmals das Bett verlassen, und 5 bis 6 Stunden auf die Vervollständigung seines Hauptbuches, das er stets auf Reisen mit sich führte, verwendet. Die spätere Prüfung des Buches ergab nur einen einzigen Fehler, der an diesem letzten Tage begangen war.