So kam es, daß er nach Überschreitung des 90ten Lebensjahres sich scherzhaft rühmen konnte, das älteste Aufsichtsratsmitglied in Preußen zu sein.
Wie die vorangehende Schilderung seiner geschäftlichen Unternehmungen zeigt, war mein Vater ein vielseitiger, kluger Kaufmann, der die Möglichkeiten des gewerblichen Lebens richtig abschätzte und selten ein schlechtes Geschäft begonnen hat.
Den Mangel der Schulbildung hat er später durch die Erfahrungen der Praxis auszugleichen gewußt. Er war kein rascher Denker, aber wenn er eine Angelegenheit, die seinem Ideenkreis nicht zu fern lag, durchstudiert hatte, so konnte man sicher sein, daß er sie völlig erfaßt und auch in den Konsequenzen durchschaut hatte.
Ich habe es mit erlebt, daß er Notaren Verträge oder Verkaufsbedingungen für öffentliche Auktionen diktierte, weil ihre eigenen Entwürfe nicht klar genug waren. Das letzte Beispiel dieser Art bot sein autographisches Testament, das durch dieselbe Klarheit der Form und der Gedanken ausgezeichnet war, wie alle seine Schriftstücke. Kurz vor seinem Tode war es auf seinen Wunsch durch einen Berliner Notar in ein amtliches Dokument umgewandelt worden. Als ich dann für die Erbteilung dieses Schriftstück meinen Schwägern vorlegte, erklärten sie einstimmig, »das hat Großpapa nicht verfaßt; denn so unklar hat er sich niemals ausgedrückt«. Die Verwirrung war durch die Bearbeitung des Notars und seine juristischen Redewendungen entstanden. Glücklicherweise konnte ich durch Vorlage des autographischen Testaments alle Zweifel über den Sinn des notariellen Schriftstückes beseitigen.
Mit der Klarheit des Geistes war bei ihm eine ungewöhnliche körperliche Rüstigkeit verbunden, die schon dem scharfen Auge seiner Mutter nicht entgangen war; denn wie er selbst gerne erzählte, hatte diese in einem Brief an ihre Schwester Conrads über den kleinen Lor berichtet: »Er scheint etwas dumm zu sein, aber es ist ein wahres Vergnügen, seinen kräftigen Körper anzuschauen«. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß er allen körperlichen Künsten zugetan war. Reiten, Tanzen, Turnen, Schießen waren ihm wohl vertraut und die Jagd hat er bis ins höchste Alter getrieben. Hand und Auge waren so leistungsfähig geblieben, daß er mir noch mit 93 Jahren einen selbstgeschossenen Hasen schicken konnte. Dazu kam eine große Heiterkeit des Gemütes, die auch durch herbe Verluste nur vorübergehend gestört werden konnte. Alltäglich Bewegung in frischer Luft und abends 1 bis 2 Stunden Geselligkeit im Gasthause oder Casino bei einem Glase Wein und einer Cigarre oder einer Pfeife Tabak waren ihm Bedürfnis. Und wenn er dann nach Hause kam, so war seine Fröhlichkeit geradezu ansteckend für den ganzen Familienkreis. Das Gelächter in unserem Hause war häufig so laut und anhaltend, daß Passanten auf der Straße erstaunt Halt machten.
Selbstverständlich übte er mit besonderer Freude eine freie Gastfreundschaft, und meine Mutter hatte manchmal Mühe, die plötzlich in großer Zahl herbeigeführten Gäste zu versorgen. Besonders hoch und lustig ging es her an Familienfesten, z. B. bei den Hochzeiten meiner Schwestern. Es sind ihrer nicht weniger als 7 in unserem Hause gefeiert worden, sechs bei meinen Schwestern, von denen eine zum zweiten Mal heiratete. Und als das einzige Töchterlein meines Onkels im Nachbarhause in die gleiche Lage kam, wurde nach alter Gewohnheit das Fest auch von meinem Vater in unserem Hause veranstaltet; nur mußte der Onkel, wie billig, die Kosten tragen. Bei solcher Gelegenheit ließ mein Vater alle Quellen seiner Fröhlichkeit springen. Obschon er keine besondere Rednergabe besaß, so erweckten doch seine Tischreden, die manchmal mit kleinen lustigen Versen geschmückt waren, stets großen Jubel.
Sein rheinischer Humor und seine Freude an Späßen führten ihn auch ziemlich regelmäßig zur Karnevalsfeier nach Cöln. In hohem Alter hat er einmal zu solcher Gelegenheit eine große Gesellschaft von Verwandten und Freunden in ein Gasthaus zu Cöln eingeladen. Niemand wußte, zu welchem Zwecke, bis der Gastgeber in seiner Tischrede das Rätsel löste. »Alle Welt feiert jetzt Jubiläen«, so begann er, »Drum habe auch ich geglaubt, eine solche Feier veranstalten zu müssen; denn heute ist es das fünfzigste Mal, daß ich an dem Cölner Karneval teilnehme«. Man kann sich denken, welche Stimmung bei diesem Feste geherrscht hat.
Noch charakteristischer und für Nichtrheinländer schwer verständlich war ein karnevalistischer Einfall, den er bald nach dem Tode seines von ihm sehr verehrten Bruders Otto, des Arztes in Köln verwirklichte. Obschon er damals fast 80 Jahre alt war, glaubte er doch dem Fasching nicht ganz entsagen zu dürfen. Er ging deshalb auf den Maskenball, aber zum Zeichen der Trauer in der Maske eines Mohren. Diese beschränkte sich allerdings auf die Schwärzung des Gesichts, die mit einem angebrannten Korken hergestellt war.
Unvermeidliche Dinge, wie den Tod seiner vier Geschwister, mit denen er in treuester und stets hilfsbereiter Freundschaft gelebt hatte, und die alle erst im hohen Alter starben, überwand er sehr leicht. Viel schwerer hat ihn der Tod meiner Mutter getroffen, mit der er 46 Jahre in glücklicher Ehe verbunden war und die er 20 Jahre überlebte. Nach ihrem Tode hat er noch 10 Jahre in Euskirchen verbracht, dann wurde er plötzlich auf eine eigentümliche Art veranlaßt, nach 57-jährigem Aufenthalt diesen Wohnsitz aufzugeben.
Im Jahre 1892 war für die preußische Einkommensteuer die obligatorische Selbstangabe des Einkommens eingeführt worden. Im Kreise Euskirchen stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß mein Vater das höchste Einkommen im Kreise besaß, was man nach seiner einfachen Lebensweise nicht erwartet hatte.