Die Aktien sind noch jetzt zum größeren Teil im Besitz der Familien Fischer und Mauritz, und das Unternehmen hat seit etwa 40 Jahren recht gute geschäftliche Erfolge gehabt.

Mein Vater war mehrere Jahrzehnte Vorsitzender des Aufsichtsrats. Er hat auch lange Zeit den Einkauf von Hopfen für die Brauerei besorgt, und zur Zeit meines Aufenthalts in Erlangen bin ich mehrmals mit ihm auf dem Hopfenmarkt in Nürnberg gewesen. Mit großer Sicherheit wußte er aus rein empirischen Proben, wie Farbe, Geruch, Gefühl die sehr verschiedene Qualität des Hopfens abzuschätzen und jede Übervorteilung von seiten der Händler zu vermeiden.

Auch sonst war er für das Wohl der Brauerei in hohem Maße interessiert und tätig, besonders was den technischen Betrieb anging. Er pflegte immer zu sagen, »Vor allem muß das Erzeugnis gut sein«, und schon bei der Legung des Grundsteins hat er seine Wünsche für die Zukunft in einen hübschen Vers gekleidet, »Brau gutes Bier, das rat ich Dir«. Durch seine Vermittlung habe auch ich einige Gelegenheit gehabt, der Brauerei kleine Dienste zu leisten.

In den ersten Jahren meines Aufenthaltes zu München hatte ich zufällig von neuen Eismaschinen des Professor Linde und ihrer Verwendung in der Brauerei von Sedlmeier gehört. Ich erzählte dies bei einem Ferienbesuch meinem Vater, und er beauftragte mich sofort, genauere Erkundigungen einzuziehen. Diese fielen sehr günstig aus und wurden bestätigt durch die Firma Meister, Lucius & Brüning zu Höchst a. Main, welche die Lindesche Maschine in dem Betrieb für Azofarbstoffe verwendete. Die Folge davon war, daß die Dortmunder Brauerei sofort mit der von Linde gegründeten Gesellschaft in Verbindung trat und meines Wissens als erste norddeutsche Brauerei in den Besitz einer Lindeschen Maschine und später auch einer damit betriebenen sehr zweckmäßigen Kellerkühlung gelangte.

Wohl nicht minder wichtig war eine Belehrung, die ich dem Braumeister in bezug auf den Gärprozeß geben konnte.

Während des Wintersemesters 1876/77 hielt ich mich wieder in Straßburg auf und lernte dort durch Dr. Albert Fitz das Buch von Pasteur »Études sur la bière« kennen, das kurz vorher erschienen war. Der geniale Forscher hatte darin seine Erfahrungen über die Verunreinigung der Bierhefe durch andere Mikroorganismen und deren schädlichen Einfluß auf die Beschaffenheit des Bieres niedergelegt. Als ich davon meinem Vater berichtete, bat er mich dringend, die Materie gründlich zu studieren, und da diese mich auch wissenschaftlich interessierte, so erklärte ich mich gerne dazu bereit. Ein feines Mikroskop wurde sofort angeschafft und mit Hilfe von Dr. Fitz und dem Botaniker Prof. de Bary habe ich dann in Straßburg Studien über Schimmel-, Sproß- und Spaltpilze angestellt, die mir später bei den Zuckerarbeiten sehr zustatten gekommen sind. Zunächst mußte ich aber die neuen Kenntnisse praktisch verwerten. Darum bin ich mit meinem Mikroskop für einige Wochen nach Dortmund gezogen, um den Beamten der Brauerei die neuen Errungenschaften klar zu machen. Wahrscheinlich war ich der erste Chemiker in Deutschland, der diesen Versuch unternahm, und ich muß gestehen, daß ich bei den Männern der Praxis auf großes Mißtrauen stieß. Man bemühte sich auf alle mögliche Weise, mich irre zu führen, besonders mit falschen Angaben über den Ursprung und die Beschaffenheit der zu prüfenden Hefesorten.

Als ich aber mit Hilfe des Mikroskops ohne Mühe die verdorbenen Hefesorten herausfand, wurde man ernster. Es ist mir zwar nicht gelungen, einen der Männer zum richtigen Gebrauch des Mikroskops heranzubilden und dadurch eine dauernde Kontrolle der Hefe einzurichten. Aber meine Belehrung über die Art, wie gute Hefe und damit auch das Bier verdorben werden kann, fiel doch auf guten Boden. Z. B. befanden sich direkt neben dem Kühlschiff, wo die fertige Würze an offener Luft abgekühlt wurde, der Pferdestall und ein stattlicher Dunghaufen. Auf meine Vorstellung hin ist hier bald Wandel geschaffen worden. Auch die von mir als besonders wichtig gepredigte Sauberhaltung aller Gefäße, mit denen die kalte Würze und das Bier in Berührung kommen, hat dem verständigen Braumeister gefallen, weil sie mit seinen Erfahrungen in der Praxis wohl übereinstimmte.

Etwa 30 Jahre später bin ich bei einer Jubelfeier des Instituts für Gärungsgewerbe in Berlin zu dessen Ehrenmitglied ernannt worden, und der Leiter des Instituts, Professor Max Delbrück, hat bei dieser Gelegenheit die Wahl nicht allein durch meine chemischen Arbeiten motiviert, sondern auch scherzhaft auf meine Bemühungen in der Dortmunder Brauerei und das dadurch bekundete Interesse für das praktische Braugewerbe hingewiesen.

Was ich damals als Pasteur'sche Lehre zu verbreiten suchte, war inzwischen durch die Studien von Professor Ch. Hansen in Kopenhagen, der auch dem Jubelfeste beiwohnte und zum Ehrenmitglied des Instituts ernannt wurde, außerordentlich vervollkommnet worden und hatte für das Braugewerbe eine grundlegende Bedeutung erlangt.

Wie schon erwähnt, gehörte mein Vater zum Aufsichtsrat der Aktienbrauerei und hat viele Jahre das Amt des Vorsitzenden geführt. Auch andere Aktiengesellschaften, z. B. der Bonner Bergwerks- und Hüttenverein, das Röhren- und Eisenwalzwerk Poensgen in Düsseldorf, eine Glashütte in Stolberg, eine Röhrenkesselschmiede zu Kalk a. Rh. und die Versicherungsgesellschaft Concordia in Cöln wählten ihn in den Aufsichtsrat. Und wenn er wegen zunehmender Schwerhörigkeit irgendwo seinen Austritt erklären wollte, so pflegte man den verständigen und stets heiteren, originellen alten Herrn zur Beibehaltung des Amtes aufzufordern.