Mein Vater, der von jeher die Selbsthilfe hoch eingeschätzt hatte, fing deshalb eine kleine Versuchsfärberei in Euskirchen an, wo er die von verschiedenen Färbern gekauften Rezepte eigenhändig prüfte und es dabei an Variationen besonders im Beizen nicht fehlen ließ. Aber er spürte doch bei diesen Versuchen bald, wie hinderlich ihm der Mangel an chemischen Kenntnissen war, und er pflegte öfters zu sagen, wenn einer von uns Jungen Chemie studierte, so würden alle Schwierigkeiten spielend überwunden werden. Seine Achtung vor der Chemie steigerte sich noch, je mehr er mit der aufblühenden rheinischen Industrie, besonders der Fabrikation von Eisen und Zement in Berührung kam. Ich erwähne das ausdrücklich, da es die Wahl des Berufes sowohl bei mir, wie bei meinem Vetter Otto beeinflußt hat.

Die bisher besprochenen Geschäfte wurden alle mit den Mitteln und zugunsten der Firma »Gebrüder Fischer« geführt. Als aber die Unternehmungslust meines Vaters mit dem wachsenden Wohlstande sich steigerte, während die konservativer gestimmten beiden Onkel mit zunehmendem Alter jedes größere Risiko vermeiden wollten, blieb er zwar Mitglied der Firma, beteiligte sich aber an anderen Geschäften auf eigene Rechnung. So hat er zusammen mit Cölner Kaufleuten größere Landgüter, die wegen nachlässiger Wirtschaft der in Konkurs geratenen Besitzer öffentlich versteigert wurden, angekauft und in kleinen Teilen an die umliegenden Bauern wieder verkauft.

Die Zeit war damals für die Landwirtschaft am Rhein recht günstig, und die meisten Ankäufer konnten aus dem Verdienst in 9jährigen Terminen die Ankaufsumme für den neuerworbenen Acker bezahlen. Das geschah fast durchweg in barem Silbergeld, welches die Bauern persönlich brachten und das ganze Geschäft vollzog sich nicht in dem Kontor der Firma, sondern in unserm Wohnhause. Da mein Vater vielfach verreist war, so wurde es von meiner Mutter besorgt mit einer Pünktlichkeit in der Buchführung, die jedem Kontoristen Ehre gemacht haben würde.

In der Abschätzung von Grundstücken sowie im An- und Verkauf hatte mein Vater solche Übung erlangt, daß man mit vollem Vertrauen seinem Urteil glauben konnte. Er erkannte auch rechtzeitig die allgemeine wirtschaftliche Gefahr, die im Rheinland in den 70er Jahren der Landwirtschaft durch den Wettbewerb des überseeischen Getreides erwuchs. Er pflegte mit aufrichtigem Bedauern für die Bauern häufig zu sagen: »Mit der Landwirtschaft ist nichts mehr zu verdienen«, und er hielt schon damals einen staatlichen Schutz in Form von Getreidezöllen für nötig.

Seine Geschäftsinteressen wandten sich deshalb immer mehr der Industrie zu. An kleinen Unternehmungen in der Eifel, die auf die Gewinnung von Eisenerzen gerichtet waren, erlebte er wenig Freude. Dasselbe galt bezüglich des finanziellen Ergebnisses für eine Beteiligung an einer Zementfabrik in Obercassel bei Bonn. Sie war gegründet von Dr. Bleibtreu, einem ehemaligen Schüler von A. W. Hofmann in London. Er hatte in England die Herstellung von Portlandzement kennen gelernt und die erste derartige Fabrik in Deutschland bei Stettin ins Leben gerufen. Eine zweite Gründung war das Werk in Obercassel. Es würde wahrscheinlich ebenso wie die Stettiner Anlage guten Gewinn gebracht haben, wenn es nicht mit anderen unrentablen Unternehmungen verknüpft worden wäre. Damals war die Rente der Aktiengesellschaft »Bonner Bergwerks- und Hüttenverein« recht bescheiden, aber mein Vater hat selten eine Aufsichtsratssitzung in Bonn versäumt, da er dort immer mit einer Reihe guter Freunde aus Köln und Düsseldorf zusammentraf und man den oft ärgerlichen Geschäftssitzungen ein fröhliches Mahl im Gasthof Stern folgen ließ. Ich durfte daran zu meiner großen Freude öfters teilnehmen, als ich das Gymnasium in Bonn besuchte, und der Chemiker Dr. Bleibtreu, der nicht allein Zement machen konnte, sondern auch ein Meister im Ansetzen von Pfirsichbowlen war, hat mir bei solchen Gelegenheiten immer zugeredet, Chemiker zu werden.

Die markantesten Persönlichkeiten in diesem Aufsichtsrat waren der Freund meines Vaters, Albert Poensgen, Großindustrieller in Düsseldorf, und ein Herr Muehlens aus Cöln, Fabrikant von Eau de Cologne, ein hervorragender Spaßmacher.

An der Tafel, wo der Aufsichtsrat in Gesellschaft von zwei meiner Schwestern eines Tages Platz genommen hatte, speiste auch das studentische Corps Borussia, dem damals die beiden Söhne Bismarcks angehörten. Die Herren schienen keinen großen Hunger zu haben; denn sie begannen das Mahl mit Sekttrinken und zündeten dazu Zigarren an. Das war den alten rheinischen Herren denn doch zu burschikos, und mit weitschallender Stimme gab Herr Muehlens dem Oberkellner den Auftrag, er sollte den jungen Herren sagen, es sei hierzulande nicht Sitte, in Gesellschaft von Damen das Mahl mit Tabakrauchen zu beginnen. Der Kellner entledigte sich seines Auftrages. Das ganze Corps erhob sich sofort und schritt, dicke Tabakwolken verbreitend, aus dem Saal heraus. Herr Muehlens sah ihnen belustigt zu und begleitete den Durchzug mit den Worten »Sehr gut gemacht«. Auch mein Vater war geneigt, solche Verstöße gegen gute Sitten vor aller Öffentlichkeit zu rügen.

Ende der 60er Jahre hatte sich mein Vater mit einer erheblichen Summe an einem Geschäft beteiligt, das ihm zwar viel Sorge und Ärger, aber auch später sehr viel Freude bereitet hat. Es war die Gründung einer Brauerei in Dortmund. Die Anregung dazu ging aus von einem Ingenieur Heinrich Herbertz, der in Dortmund eine große Kokerei besaß und aus dem Aufblühen der anderen dortigen Brauereien den Schluß zog, daß hier noch ein gutes Geschäft zu machen sei. Er war verwandt und befreundet mit meinem Schwager Mauritz und dessen Bruder Heinrich.

Nachdem mein Vater die nötigen Erkundigungen eingezogen hatte, ging er auf den Vorschlag ein, und so entstand die Brauerei Herbertz & Co., an der mein Vater ursprünglich der meist beteiligte war. Sie war von Anfang an ein gutes Geschäft, denn das dort erzeugte Bier erfreute sich bald des besten Rufes und der Absatz stieg mit dem steigenden Wohlstand, besonders nach dem deutsch-französischen Krieg.

Leider wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft verwandelt und hat dann infolge schlechter Leitung böse Zeiten durchgemacht. Seine Sanierung wurde nötig und mit dem völligen Wechsel der leitenden Persönlichkeiten trat auch bald wieder ein ordnungsmäßiger Betrieb und allmählich eine Rentabilität ein.