Die Gemeinde Flamersheim besaß in dem benachbarten Vorgebirge der Eifel einen schönen, meist aus Eichen und Buchen bestehenden Hochwald, aus dem sie bei dem damaligen Betriebe nur geringe Einkünfte bezog. Die Mitglieder der Gemeinde hatten sogen. Gerechtsame, die ihnen Anrecht auf den Bezug von Bau- und Brennholz gaben, das damals nur wenig Wert hatte. Infolgedessen ging der allgemeine Wunsch auf eine Teilung des Gemeindewaldes hinaus, konnte aber erst wegen des Widerstandes der königl. Regierung im Jahre 1848/49 durchgesetzt werden. Der Wald wurde dann öffentlich versteigert und der Erlös in bar an die einzelnen Gerechtsamen verteilt.

Von diesem Walde kaufte mein Vater für die Firma ein ansehnliches Stück, etwa 750 Hektar.

Da einige Jahre später infolge des Baues von Eisenbahnen der Preis des Eichenholzes außerordentlich stieg, so wurde der Wald bald abgeholzt, die schönen Eichenstämme meist zu Eisenbahnschwellen verarbeitet und auf dem Boden Eichenschälwald zur Gewinnung von Lohe gezogen. Durch die Anstellung eines Försters sorgte mein Vater rechtzeitig für forstmäßigen Betrieb des schönen Besitzes.

An diesem Walde haben auch wir jüngeren Mitglieder der Familie viel Freude gehabt. Er war reich an Wild, namentlich an Rehen, Sauen und Waldschnepfen. Zur Bequemlichkeit wurde darin ein kleines Jägerhaus auf dem schön gelegenen Heidberg mit prächtigem Blick in die Eifelberge errichtet. Wir haben dorthin manchen Ausflug, meist zu Jagdzwecken, unternommen, konnten auch über Nacht bleiben. Ein gut ausgestatteter Weinkeller sorgte für fröhlichen Trunk, und unser Förster war ein vortrefflicher Koch, der die meist von Euskirchen mitgebrachten Fleischspeisen zusammen mit Bratkartoffeln, Butterbrot und Kaffee zu einem köstlichen Mahle zu vereinigen wußte. Den Höhepunkt des Jagdbetriebes bildeten die Treibjagden, die im November und Dezember stattfanden, zu denen mein Vater zahlreiche Einladungen ergehen ließ, und die mit einem höchst lustigen Mahl in einem Gasthause zu Flamersheim zu schließen pflegten.

Nach mehr als 50jährigem Besitz hat mein Vater den Wald mit gutem Nutzen wieder verkauft, und zwar an die Familie Haniel, weil niemand von unserer Familie sich um den Besitz mehr kümmern konnte.

Ein anderes Unternehmen, das für die Wahl meines Berufes mitbestimmend geworden ist, war der Erwerb einer kleinen Wollspinnerei, die in Wisskirchen, einem etwa 4 km von Euskirchen entfernten Dorfe, lag. Meinem Vater, der von dieser Industrie nichts verstand, gelang es, in Aachen einen ausgezeichneten Spinnmeister, Herrn Allmacher, zu gewinnen, und da die Firma auch keine Mittel scheute, um die Fabrik mit den besten Maschinen auszustatten, und anstelle der Wasserkraft Dampfbetrieb einzuführen, so gehörten die Erzeugnisse der Firma an Garn bald zu den besten des Bezirks. Ihr Verbrauch blieb nicht auf die Tuchindustrie in Euskirchen beschränkt, sondern die Garne gingen auch nach dem Bezirk München-Gladbach-Rheydt, wo sie zu halbwollenen Waren verarbeitet wurden.

Den Einkauf der Rohmaterialien, vor allen Dingen der Wolle besorgte natürlich mein Vater, ursprünglich bei den Schafzüchtern der Umgegend und besonders der Eifel. Ich habe in jungen Jahren solche Wollfahrten hier und da mitgemacht. In den armen Dörfern der Eifel wurde das Geschäft zuerst mit dem Pastor abgeschlossen. Sobald das geschehen war, kamen die Bauern von selbst mit ihrer Ware. Diese wurde sofort taxiert, abgewogen, in bar bezahlt und auf den mitgenommenen Wagen geladen. Aber bald reichten die heimischen Quellen für die vergrößerte Fabrik nicht mehr aus, auch waren sie für feinere Tuche zu grob. Damals begann der Import der überseeischen Wolle, besonders aus der Kapkolonie und aus Brasilien. Deutsche Händler besorgten dieses Geschäft, natürlich mit einem entsprechenden Preisaufschlag. Der Markt für diese Wolle war London, wo sie auf grossen Auktionen verkauft wurde.

Sobald dies meinem Vater bekannt geworden war, reiste er nach London, wo er mit Hilfe eines Agenten seinen Wollbedarf deckte. Er gehörte mit zu den ersten Fabrikanten in Euskirchen, die den direkten Bezug des Rohmaterials ausnutzten. Für eine weitere Verbilligung der Garne war die Anlage einer Färberei erforderlich. Auch das hat mein Vater in die Hand genommen, ist dabei aber auf recht erhebliche Schwierigkeiten gestoßen.

Die Teerfarben kannte man damals noch wenig und das Färben mit den natürlichen Farbstoffen wie Indigo, Krapp, Gelbholz, Blauholz war rein empirisch. Es gab zwar einige recht dürftige Bücher der praktischen Färberei und man konnte auch Rezepte von den Färbern kaufen, aber in der Praxis pflegte das alles zu versagen, und die Leitung einer Indigoküpe galt geradezu als eine schwierige Kunst, die nur durch langjährige Übung erworben werden konnte.

Es war darum begreiflich, daß in der neu angelegten Färberei zu Wisskirchen, von der unser sonst so trefflicher Spinnmeister nichts verstand, viele Mißerfolge eintraten und nicht allein zu Verlusten, sondern auch zu ärgerlichen Verhandlungen mit den Kunden führten.