Auch die drei Söhne meines Onkels in Flamersheim kamen bei der geringen Entfernung von Euskirchen durch häufige wechselseitige Besuche vielfach mit uns in Berührung. Die beiden ältesten Karl und August wurden Kaufleute und haben später ein Geschäft in Baumwollgarn in Rheydt geführt. Dort sind sie auch beide gestorben. Wie schon erwähnt, wurde Karl der zweite Gatte meiner Schwester Emma. Er war trotz ziemlich dürftiger Schulbildung ein kluger und geschäftsgewandter Mann, den man gern in praktischen Dingen um Rat frug und mit dem ich häufig einen Teil der Osterferien in Territet am Genfer See verbrachte.

Der zweite Sohn August war körperlich ungewöhnlich stark, ein trefflicher Jäger und ein gutmütiger, zur Heiterkeit hinneigender Gesellschafter. In geschäftlichen Dingen folgte er gern der größeren Autorität seines Bruders Karl.

Ganz anders als die Brüder war der jüngste Flamersheimer Vetter Julius, ein sehr gescheidter und kritischer Kopf, der am meisten die geistige Regsamkeit und die Originalität seines Vaters geerbt hatte. Er wurde Jurist, schlug die Richterlaufbahn ein und starb verhältnismäßig früh an vernachläßigtem Diabetes in Cöln, wo er Richter beim Oberlandsgericht war. In seinem früheren Aufenthaltsort Cleve hat er sich verheiratet. Aus der Ehe stammt ein Sohn, der die Tochter eines Großschafzüchters in Australien heiratete und dort eine neue Heimat gefunden hat. Ich hoffe, daß er durch Naturalisation und durch den Schutz des Schwiegervaters den Unbilden entgangen ist, die unsere Landsleute während des Krieges in den englischen Kolonien erdulden müssen. Die einzige Tochter hat einen Hans von Eicken aus Hamburg geheiratet, den Sohn meiner Kusine Helene geb. Fischer aus Köln.

Der Vetter Julius besaß nicht allein Begabung für geistige Arbeit, sondern hatte auch das besondere Talent, Erkundigungen einzuziehen. Schon als Junge wußte er alles, was sich in der näheren und weiteren Umgebung zutrug. Auch geschäftliche Dinge interessierten ihn. Man konnte kaum etwas Komischeres hören, als wie eine Unterhaltung zwischen ihm und seinem Vater, der von den Gaben des Sohnes sehr hoch dachte und im vertraulichen Kreise nicht selten die Äußerung tat, »der »Jul« wird noch Minister«. Im Alter hatte sich der Erwerbs- und Sparsinn des Vaters bis ins Groteske hinein gesteigert, und er würde direkt materiellen Mangel gelitten haben, wenn nicht der Sohn Julius zusammen mit seinen Brüdern im geheimen die Hauptkosten des Haushaltes getragen hätten. Charakteristisch ist folgende Geschichte. Eines Tages vermißte der Vater auf seinem kleinen Kontor die Hälfte eines Hunderttalerscheines, und er kam auf den Verdacht, daß ein kleiner Hund, der Liebling vom Sohn Julius, diese Hälfte gefressen habe. Er entschloß sich sofort, das Tier aufschneiden zu lassen und hatte schon einen Operateur bestellt, als Julius von der Gefahr für seinen Liebling Kenntnis erhielt. Es gelang ihm auch, den Vater zu beruhigen, indem er ihm den Hund für 100 Taler abkaufte. Das Geschäft konnte glücklicherweise bald nachher rückgängig gemacht werden, da sich die zweite Hälfte des unglücklichen Hunderttalerscheines wieder vorfand.

Ich bin dem Vetter Julius in meiner Bonner Studienzeit näher getreten. Er war damals Assessor beim Landgericht, und wir haben hier und da im Rheinischen Hof eine gute Flasche Wein zusammen getrunken. Ich mußte immer sein besonderes Talent bewundern, eine Sache, die an und für sich ganz klar schien, von einer anderen Seite zu betrachten, und Möglichkeiten zu entwickeln, an die ein Laienverstand gar nicht denken konnte. Diese Art, die Welt in einem besonderen Spiegel anzusehen, war für mich sehr anziehend, so daß ich nach dem Doktorexamen im Herbst 1874 den Vetter zu einer Reise nach der Schweiz aufforderte. Obschon zum Reisen wenig aufgelegt, ging er darauf ein, und ich habe selten so viel gelacht, wie auf dieser Tour. Schon bei der Abreise ließen ihn die landschaftlichen Schönheiten des Oberrheintals, die lieblichen Bergzüge des Odenwaldes und Schwarzwaldes ziemlich gleichgültig. Dagegen kontrollierte er aufs Genaueste den fahrplanmäßigen Gang des Zuges und registrierte jede Minute Verspätung. Zu dem Zweck hatte er gleich nach Besteigung des Zuges Krawatte, Hemdenkragen und Rock ausgezogen und dafür einen Regenmantel angelegt. Das sei die beste Methode, um sich gegen den Staub und Schmutz zu schützen, den er für ungesund und unästhetisch hielt. In Basel machten wir zuerst Station. Die Stadt und die Bewohner interessierten ihn lebhaft, aber aus den Sehenswürdigkeiten und der Landschaft machte er sich nicht viel. Er proklamierte damals für Reisen gleich den Grundsatz: Die öffentlichen Gebäude von außen, die Berge von unten und die Gasthäuser von innen anzuschauen. Ich habe später auch von anderen Mitreisenden, z. B. meinem Freunde Wilhelm Königs ähnliche Worte vernommen, aber sie wurden doch niemals so gewissenhaft durchgeführt, wie von Vetter Julius. Gegen die Abendstunde hatte er immer das Bedürfnis, ein Glas Wein zu trinken, und beim Hinschlendern durch die Stadt war sein Augenmerk auf die Entdeckung eines geeigneten Weinhauses gerichtet. Dem Reisehandbuch traute er gar nicht, ebensowenig den Aussagen der Hotelbedientesten, aber plötzlich entdeckte er auf der Straße einen Mann mit einer ungewöhnlichen großen und feuerroten Nase. »Der muß es wissen« sagte er sofort, und die Auskunft, die wir von dem Herrn erhielten, bewies in der Tat, daß wir uns an die richtige Adresse gewandt hatten.

Von Basel ging's nach Luzern, wo wir in einem Gasthause zweiten Ranges, einem echten Schweizer Hause Quartier nahmen. Den Vetter interessierte es besonders, mit der einheimischen Bevölkerung Fühlung zu nehmen, ihre Sitten, Einrichtungen und Anschauungen kennen zu lernen. Es gelang ihm auch rasch, mit einheimischen Stammgästen ins Gespräch zu kommen. Das alles war begleitet von dem Konsum ziemlich ansehnlicher Weinmengen. Der Reiseweg von dort aus war von ihm auf das genaueste festgestellt und ist auch bis in Kleinigkeiten hinein inne gehalten worden. Er ging zunächst über Flüelen, Andermatt und das Wallis zum Genfer See. Als wir morgens das Schiff bestiegen hatten, um über den Vierwaldstätter See in einer Landschaft, die wirklich des Sehens lohnt, nach Flüelen zu fahren, fiel der Vetter, trotz prächtigen Wetters und des sehr schönen Platzes auf dem Deck gleich nach der Abfahrt in tiefen Schlaf und erwachte erst am Ende der Fahrt. Er schaute sich dann ganz befriedigt um und sagte trocken: »Die Leute müssen denken, ich sei oft hier gewesen«. Von Flüelen hatten wir die Wahl, nach Andermatt entweder mit der Post oder auf Schusters Rappen zu kommen. Vetter Julius entschied sich kurz für letzteres. Es war ein schwüler Tag und die Landstraße von der Mittagsonne recht heiß und staubig. Das Gepäck hatten wir der Post übergeben, die später abfuhr und zogen nun los. Der Vetter meinte, der Mantel trage sich am bequemsten, wenn man ihn anziehe. Das geschah, und trug nicht wenig dazu bei, den üppig genährten und an körperliche Anstrengungen durchaus nicht gewöhnten Vetter in Dampf zu versetzen. Unglücklicherweise machte um dieselbe Zeit eine Schwadron schweizerischer Kavallerie Übungen in der Gegend. Kleine Trupps kamen häufig an uns vorbei und entwickelten eine ungeheure Staubwolke, die der Vetter für sehr schädlich hielt und der er zu entgehen suchte, indem er den Straßendamm hinab ins freie Feld flüchtete. Durch all diese Umstände war er nach 2 Stunden so erschöpft, daß ich Sorge bekam und ihn aufforderte, in das nächste Gasthaus einzutreten und dann den staubigen Teil des Weges mit der Post abzumachen. Er ging darauf ein und hat nun die Post nicht mehr verlassen, bis wir an den Genfer See gelangt waren. Ich selbst habe die schöneren Teile des Weges zu Fuß gemacht, besonders die Strecke von Andermatt über die Furka nach dem Rhonegletscher. Ich befand mich dabei in der Gesellschaft eines jungen Amerikaners, dessen praktische Weise, zu reisen, mir besonders gefiel. Er war von Kalifornien herüber gekommen und hatte kein anderes Gepäck, als ein kleines Täschchen für Geld, Zahnbürste und Seife. Sobald er in eine Stadt kam, kaufte er neue Leibwäsche, und verschenkte die schmutzige. So hatte er sich schon 2 Monate in Europa herumgetrieben, viel gesehen, sich trefflich unterhalten und hoffte den Trip noch einige Wochen zu verlängern. Abends traf ich immer wieder mit dem Vetter Julius im Gasthause zusammen und er wußte dann zahlreiche Schnurren über abenteuerliche Postreisen im Gebirge und sonderbare Reisegefährten zu erzählen. An der Teufelsbrücke hatte er sogar ein neues physikalisches Phänomen entdeckt, d. h. einen umgekehrten Regenbogen. Ich wollte es anfangs nicht glauben, habe mich aber später überzeugt, daß bei Wasserfällen durch die Zerstäubung des Wassers in kleine Tropfen bei richtigem Stand der Sonne und des Beobachters diese Erscheinung in der Tat eintreten kann.

Von den landschaftlichen Schönheiten der Schweiz war wenig die Rede. Dagegen interessierte ihn Genf als die Stadt Calvins und als der Hauptsitz des schweizerischen Finanzgeschäftes. Auch hier erlebte ich mit ihm eine komische Szene. Er behauptete, das Wasser, das er zuhause niemals trank, sei in der Schweiz besonders heilsam, nur müßte man es direkt aus der Naturquelle entnehmen. So liebte er es denn, bei den vorgefundenen Brunnen direkt vom Wasserstrahl zu trinken. Das machte er auch bei einem Brunnen in Genf, mußte sich aber, um ans Wasser heran zu kommen, auf die gemauerte Brüstung legen und pendelte hier nun hin und her, um den Strahl mit seinem Munde aufzufangen. Das Bild des kleinen, stark genährten Mannes, auf der Brüstung des Brunnens liegend und trinkend, war so überaus komisch, daß sich ein großer Kreis von Zuschauern bildete. Als er fertig war und die versammelte Menge erblickte, sagte er ruhig, da sehe man wieder, daß man mit wenig Mühe den Leuten viel Spaß machen könne. Von Genf sind wir mit dem Omnibus nach Chamonix gefahren und ich habe dort mehrere kleine Bergtouren gemacht. Seinem Grundsatze getreu blieb Vetter Julius im Hotel; durch fleißige Erkundigungen bei Touristen, Führern und sonstigem Volk war er aber nachher über Bergtouren viel besser unterrichtet als die große Zahl der Reisenden. Selbstverständlich kontrollierte er auch alle Gäste des Hotels und berichtete eines Abends, draußen beim Wetterhäuschen sei ein aufgeregter deutscher Professor, der die Instrumente kritisiere und das Publikum über den bevorstehenden Wechsel des Wetters belehre. Ich erfuhr nachher, daß es Rudolf Fittig aus Tübingen sei, der mir als trefflicher Chemiker aus der Literatur schon bekannt war. Ich habe damals nicht gewagt, mich ihm vorzustellen, bin aber einige Jahre später zu ihm in ein näheres Verhältnis getreten. Unter den Fußtouren, die ich von Chamonix unternahm, war auch die damals sehr beliebte Überquerung des mer de glace und der Abstieg über den mauvais pas. Für berggeübte Wanderer ist das ein Spaziergang, aber Leute ohne Erfahrung und ohne das richtige Schuhwerk konnten doch recht leicht ausgleiten und verunglücken. Ich habe deshalb beim Übergang über das Eis mit einem gewissen Schrecken mich daran erinnert, daß mein Vater 5 Jahre vorher denselben Weg mit 5 Damen, d. h. meiner Mutter, zwei Schwestern und den beiden Kusinen Marie und Helene Fischer aus Cöln unternommen hatte. Er erzählte auch hinterher, daß es die angstvollsten Stunden seines Lebens gewesen seien.

Die Damen schienen sich dieser Gefahr weniger bewußt zu sein, sie haben im Gegenteil auf dieser Schweizer Reise eine ganze Anzahl von merkwürdigen und lustigen Erlebnissen gehabt, von denen noch lange in unserem Hause geredet wurde.

Der Eindruck, den Vetter Julius von der Schweiz mit nach Hause nahm, war viel nüchterner; denn als wir wieder im Rheintal waren, meinte er, es sei nicht der Mühe wert, nach der Schweiz zu fahren, denn hier gäbe es auch Berge und Wasser und im Winter Schnee und Eis im Überfluß. Er hat meines Wissens nie mehr die Grenzen des deutschen Reiches überschritten. Dagegen bin ich in späteren Jahren oft und gern in die Schweiz und besonders an den Genfer See zurückgekehrt, habe aber das Chamonixtal nicht mehr gesehen.

Gymnasialzeit.