Begleitet von meinem Vater fuhren Vetter Ernst und ich anfangs Oktober 1865 nach Wetzlar, wo mein Vater uns bei dem Direktor des Gymnasiums anmeldete. Ernst wurde auf Grund seines Abgangszeugnisses von Duisburg ohne Anstand in die Prima aufgenommen. Ich mußte aber eine Prüfung durchmachen, weil die Schule zu Euskirchen nicht als gleichberechtigt angesehen wurde. Ich habe sie ohne Mühe bestanden und wurde in die Untersekunda, die mit der Obersekunda in einer Klasse vereinigt war, aufgenommen. Noch heute klingt mir das Gelächter in den Ohren, das die Mitschüler erhoben, als ich zum ersten Mal in meiner markanten niederrheinischen Mundart in der Klasse sprechen mußte. Natürlich erschien mir der Wetzlarer Dialekt, der stark an das Frankfurter Deutsch anklingt, ebenso ungewöhnlich und komisch. Ich habe mich aber bald in dem Kreise zurechtgefunden und wurde nach ½ Jahr sogar Primus der Untersekunda.
Die originellste Persönlichkeit unter den Lehrern war der Mathematiker Elstermann. Die stark mit Kreide beschriebene Tafel pflegte er im Eifer mit seinem langen schwarzen Rock zu reinigen, und die dabei beschmutzten Finger steckte er in das lange buschige Haar. Er war ein guter Mensch und ausgezeichneter Lehrer, der die schwierige Aufgabe, mathematisches Denken in so viel jugendliche Köpfe hineinzubringen, geradezu mit Leidenschaft betrieb.
Wenn er beim Abfragen der einzelnen Schüler auf Mangel an Verständnis oder Interesse stieß, so pflegte er zur eigenen Beruhigung einem gerade in Reichweite befindlichen anderen Schüler eine kleine Ohrfeige zu versetzen. Wenn diese mit steigender Erregung heftiger wurden und der Empfänger unwillig den Lehrer anblickte, dann pflegte er zu sagen: »Gib sie später dem, der sie verdient hat, wieder«. Er hat es aber mit seiner Methode erreicht, daß der mathematische Unterricht an dem Wetzlarer Gymnasium ungewöhnlich gute Resultate brachte.
Das gerade Gegenteil von diesem Mann war der Religionslehrer, den wir fürchteten und haßten, weil er boshaft war und in vielen Dingen den Spion machte. Auch unser Ordinarius, ein klassischer Philologe, genoß wenig Sympathie. Ich habe nur seinen Spitznamen »Specht« behalten. Er war mir anfangs gewogen, entzog mir aber schon im zweiten Semester seine Gunst, weil er mit dem Vetter Ernst in der Prima Differenzen gehabt hatte. Der Zorn meines Vetters auf diesen Lehrer war so groß, daß er sich zu einem dummen Streich hinreißen ließ, der ihm schweren Schaden hätte bringen können. In Verbindung mit einem anderen Primaner warf er nämlich in tiefer Nacht mehrere Fenster in der Wohnung des Lehrers ein. Ich erfuhr von dieser Tat erst, als sie begangen war, und ich bin glücklicherweise der einzige Mitwisser geblieben. Der Streich erregte großen Lärm in der Schule und der Lehrer Specht machte in den Klassen verlockende Versprechungen für einen Verräter, aber das Geheimnis blieb gewahrt.
Wir lebten in Wetzlar, abgesehen von der Schulaufsicht, ähnlich wie Studenten, denn der Hauswirt kümmerte sich um unser Tun und Treiben gar nicht. Der Hausschlüssel lag jede Nacht in einer Rinne im Steinsockel unter der Haustüre, und wenn wir für Schulversäumnis Zeugnisse über Unwohlsein und dergl. nötig hatten, so unterschrieb er alle Schriftstücke, die wir ihm vorlegten. Wir nannten ihn das Kaffeehäubchen, wegen eines runden Käppchens, das er gewöhnlich trug. Sein Bruder trug den Spitznamen »Der Eisbär«.
Vetter Ernst und ich hatten zusammen ein Wohn- und Schlafzimmer. Außerdem waren noch zwei andere Gymnasiasten und ein Einjährig-Freiwilliger in dem Hause einquartiert. Der Pensionspreis war recht billig. Er betrug für Wohnung, Heizung und völlige Verpflegung mit Ausnahme alkoholischer Getränke im Jahre nur 110 Taler, also pro Tag und Person etwa 1 Mk. Man kann sich denken, daß es dafür keine lukullischen Mahlzeiten gab. Im Gegenteil, die Kohlrübe und Backpflaumen mit Schweinefleisch spielten dabei eine erhebliche Rolle. Ich sehe noch immer den Eisbär in dem Bache, der an unserem Wohnhause vorüber floß, in einer Bütte die Rüben waschen, die für unsere Ernährung bestimmt waren. Ich habe mir damals nicht träumen lassen, daß die Kohlrübe 50 Jahre später ein so viel gebrauchtes und ebenso viel verwünschtes Nahrungsmittel für das deutsche Volk werden würde.
Die Kontrolle unserer Lebensweise von seiten der Schule war nicht allzu streng. Man besuchte sich gegenseitig auf den sogen. »Buden« und unser Haus bildete von je her einen beliebten Versammlungsort. Leider war die Mehrzahl der Mitschüler, mit denen ich verkehren mußte, erheblich älter als ich; denn es befanden sich darunter viele Bauernsöhne, die erst im reiferen Alter zum Studieren bestimmt worden waren. Einer davon, der noch in unserer Klasse saß, zählte schon 21 Jahre. Die Gewohnheiten dieser jungen Männer waren natürlich anders, als sie für einen Knaben von 13 Jahren paßten. Ihre Gesellschaft war deshalb nicht gerade vorteilhaft für mich. Man bemühte sich, mir möglichst bald das Tabakrauchen, Biertrinken und Skatspielen beizubringen und die übliche Unterhaltung war auch in der Regel auf einen rohen und unanständigen Ton abgestimmt. Das alles ist gewiß nicht ohne Einfluß auf meine von Hause aus recht gute Gesundheit gewesen und ich fürchte, daß der Grund zu meiner späteren Magenkrankheit schon damals durch Unmäßigkeit im Rauchen und Trinken gelegt worden ist.
Glücklicherweise bot die Musik ein Gegengewicht gegen die so ungünstigen Einflüsse. Vetter Ernst war musikalisch ungewöhnlich begabt und hatte eine Zeitlang sogar die Absicht, Musiker von Beruf zu werden. Auf dem Klavier war er für unsere Begriffe schon ein halber Virtuose, aber außerdem spielte er Geige, Violoncell und Flöte. Ich selbst war gegen ihn ein Stümper, hatte es aber durch fleißige Übung auf dem Klavier soweit gebracht, daß ich Sonaten von Haydn, Beethoven und Mozart usw. leidlich spielen konnte. Infolgedessen wurde ich vom Vetter Ernst auch beim Zusammenspiel zugelassen, und da sich noch einige Andere musikalische Mitschüler fanden, so haben wir häufig Trio und Quartett auf unserem Zimmer gespielt. Unsere Musik war so gut, daß manche Leute in der Nachbarschaft freudigen Anteil daran nahmen. Den Ansprüchen der Schule konnten Vetter Ernst und ich ohne große Mühe Genüge leisten. Eine für uns ganz erwünschte Unterbrechung erfuhr der Schulbetrieb im Sommer 1866 durch den Krieg Preußens mit Oesterreich und den Süddeutschen Staaten. Der preußische Kreis Wetzlar war damals ganz umgeben von feindlichen Staaten d. h. von Hessen-Darmstadt und Nassau.
Nachdem die preußischen Truppen ausgerückt waren, blieben wir infolge der Unterbrechung des Eisenbahn- und Postdienstes für mehrere Wochen ganz abgeschnitten, und dann kam noch ein viel wichtigeres Ereignis, die Invasion feindlicher Truppen. Es war, wenn ich nicht irre, eine Badische Division, die aus der Umgegend von Gießen in den Kreis einrückte. Sobald wir davon Kenntnis erhielten, trieb uns die Neugier diesen feindlichen Kriegern entgegen, und ich selbst mit einigen Mitschülern genoß das Vergnügen, von einer Feldwache gefangengenommen zu werden. Wir wurden regelrecht verhört und dann wieder weggeschickt. Zu unserer ungewöhnlichen Freude ging es aber dem unbeliebten Religionslehrer des Gymnasiums viel schlechter. Er hatte sich ebenfalls die fremden Soldaten ansehen wollen, die aber gleich in ihm die Spionnatur, die wir Schüler so fürchteten, erkannten und ihn mehrere Tage festhielten. Einige Tage später rückten die Feinde auch in die Stadt Wetzlar ein und belegten die öffentlichen Gebäude, zu unserer Freude auch das Gymnasium. Wir hatten also etwa 8 Tage unerwartete Schulferien und dadurch Muße genug, uns mit den feindlichen Truppen zu beschäftigen.
Die Kriegführung war damals gemütlicher als heute. Die badischen Soldaten ließen sich zwar gut auf Kosten der Stadt verpflegen, betrugen sich aber sehr anständig, und das Verhältnis zwischen ihnen und den Bürgern der Stadt und namentlich uns Gymnasiasten war recht freundlich. Sie zogen wieder ab, weil inzwischen die preußischen Truppen durch kräftige Schläge bei Kissingen und am Main das Hauptheer der süddeutschen Staaten besiegt hatten. Die nächsten Soldaten, die in die Stadt einzogen, waren leider nur Verwundete, meist Preußen und Bayern, denen wir aufrichtige Teilnahme schenkten; dann kam auch alte preußische Landwehr, die in den benachbarten hessischen und nassauischen Dörfern als sogen. Fresskompagnie zur Beruhigung der etwa rebellischen Bevölkerung verteilt wurde. Durch die siegreichen Schlachten in Böhmen ging der Krieg bald zu Ende und der Schulunterricht wurde nun mit verdoppelter Strenge bis zu den Ferien wieder aufgenommen.