Die Herbstferien dieses Jahres wurden mir völlig verdorben durch die Konfirmation, die in Flamersheim stattfand; denn ich mußte in etwa 4 Wochen den ganzen Heidelberger Katechismus und eine Reihe von Kirchenliedern auswendig lernen, da ich vorher an dem Konfirmandenunterricht nicht teilnehmen konnte. Das gelang mir infolge meines guten Gedächtnisses, aber es trug nicht dazu bei, meinen kirchlichen Glauben, der schon vorher durch den Einfluß meiner älteren Mitschüler in Wetzlar, durch das Lesen des Lebens Jesu von David Strauß größtenteils verloren gegangen war, zu kräftigen. Tatsächlich bin ich als Freigeist, aber doch mit einem gewissen Gefühl der Beschämung an den Tisch des Herrn getreten, und ich habe den positiven Glauben, den ich in der frühen Jugend besaß, niemals wieder gewonnen. Dagegen bin ich in späteren Jahren wieder zu der Überzeugung gekommen, daß die Religion ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur ist und daß der christliche Glaube dem einzelnen Menschen großen sittlichen Wert und inneres Glück geben kann. Meine eigene Mutter und manche der katholischen Mitschüler oder Studiengenossen lieferten den Beweis dafür, und ich habe später in Berlin bei meinen eigenen Söhnen bedauert, daß der Einfluß der Großstadt und leider auch die Atmosphäre der Berliner Schulen der Pflege religiösen Gefühls so wenig günstig sind.
Ein zweites Jahr in Wetzlar verlief ohne politische Störung und brachte schließlich dem Vetter Ernst das Zeugnis der Reife und mir die Versetzung nach Prima. Ich hatte aber inzwischen Wetzlar satt bekommen und verließ deshalb mit dem Vetter die Schule. Als Erinnerungen an den Wetzlarer Aufenthalt sind mir geblieben die landschaftlichen Schönheiten, die altertümliche Bauart der alten, an einem Bergabhang gelegenen Stadt und die zahlreichen, auch von uns mit Ehrfurcht gepflegten Goethe'schen Überlieferungen. Werthers Leiden war selbstverständlich ein viel gelesenes Buch, ohne daß wir aber von der krankhaften Stimmung des Helden beeinflußt worden wären. Mit den Schulkameraden aus dieser Zeit bin ich niemals wieder in Berührung gekommen und auch die Stadt habe ich nicht wieder gesehen.
In den Herbstferien, die ich gewöhnlich zu Hause verbrachte, wurde als Schule für mich zunächst das Friedrich Wilhelm-Gymnasium zu Cöln in Aussicht genommen. Mein Vater machte auch die nötige Meldung bei dem Direktor, einem Professor Jäger, der als Verfasser einer Weltgeschichte bekannt geworden ist, und der als ausgezeichneter Schulmann aus Württemberg nach Cöln berufen worden war. Die Schule war wegen der guten Leitung überfüllt. Trotzdem hatte mich der Direktor für die Prima vorgemerkt, weil er meinem Onkel, dem Chirurgen, für die Errettung seiner Frau aus schwerer Lebensgefahr sich zu besonderem Danke verpflichtet fühlte. Aber in der brieflichen Antwort, die er meinem Vater schickte, war meine Aufnahme nicht klar ausgesprochen und die Überfüllung der Schule so stark betont, daß wir das Gefühl der Ablehnung unseres Gesuches hatten.
30 Jahre später habe ich den Direktor auf der zweiten Schulkonferenz im Kultusministerium zu Berlin kennen gelernt. Dabei wurde das Mißverständnis über die vermeintliche Ablehnung meiner Anmeldung aufgeklärt, und der alte joviale Herr knüpfte daran die scherzende Bemerkung: »Was hätte aus Ihnen werden können, wenn Sie unter meinen Bakul gekommen wären«. Durch die Verhandlungen in Cöln war viel Zeit verloren gegangen. Das Schuljahr hatte schon begonnen und ich mußte nun schleunigst sehen, anderswo unterzukommen. Die Wahl fiel auf das Gymnasium zu Bonn, wo ich auch richtig an meinem 15. Geburtstage Aufnahme fand. Mein Einzug in die Schule vollzog sich unter scheinbar wenig erfreulichen Auspizien. Es war gerade die Stunde der Mathematik und als der alte Lehrer, Professor Zirkel, der Vater des bekannten Leipziger Professors der Mineralogie, mich erblickte, frug er mich zornig nach Namen und Herkunft und erklärte dann, meine späte Ankunft wäre eine Rücksichtslosigkeit; denn jetzt sei er genötigt, seine Liste wieder zu ändern. Bald darauf klopfte es an der Klassentür und der Schüler, der zum Nachsehen hinausgeschickt wurde, kam lachend zurück. Draußen sei der Vater des neuen Primaners und lade seinen Sohn ein, heute Mittag um 1 Uhr zum Essen im Gasthof Stern zu erscheinen. Das brachte den Zorn des Lehrers von neuem in Wallung und er wurde zum Jubel der ganzen Klasse in seinen Vorwürfen so heftig, daß ich im Begriff war, die Schule wieder zu verlassen und jede Antwort auf seine weiteren Fragen verweigerte. Da merkte er, daß er zu weit gegangen war. Er änderte den Ton, und um mich zu versöhnen, frug er nach Euskirchen und dem Flamersheimer Walde, den er wohl kannte. Nun wurde mir erst klar, daß er im Grunde ein gütiger Mann war, und da er bald mein Interesse für Mathematik entdeckte, so sind wir die besten Freunde geworden. Wenn er sich über die anderen Primaner, von denen manche nicht sehr ehrerbietig gegen ihn waren, geärgert hatte, so pflegte er den Rest der Stunde mit mir allein mit Rechnungen an der Tafel zu verbringen.
Das Gymnasium war im allgemeinen, was den Unterricht anbetraf, der Schule in Wetzlar nicht ebenbürtig. Das lag zum Teil an dem Übergewicht, das der Religionslehrer, ein katholischer Geistlicher besaß. Er übte eine wahre Tyrannei aus, worunter allerdings wir Protestanten nicht litten, wodurch aber der wissenschaftliche Unterricht sicherlich geschädigt wurde. Der zweite Grund waren das Alter und die Krankheit des Direktors. Er besaß von früher her als Philologe und besonders als Horaz-Übersetzer einen recht guten Ruf. Aber zu meiner Zeit war er kaum mehr arbeitsfähig, und ist bald nachher gestorben. Auch seinem Nachfolger, einem kleinen Geist, gelang es nicht, die Schule zu neuer Blüte zu bringen. Von den Lehrern war der tüchtigste ein Herr Deiters, der später in das Provinzialschulkollegium zu Coblenz berufen wurde; aber wir haben ihn wegen seines Sarkasmus und seiner Strenge gefürchtet. Nächst dem Mathematiker Zirkel war der Lehrer des Deutschen Professor Remacly die originellste Persönlichkeit. In lebhafter Erinnerung ist mir auch der Ordinarius geblieben, ein klassischer Philologe, der infolge seiner außerordentlichen Kurzsichtigkeit große Mühe hatte, die Schuldisziplin aufrecht zu erhalten. Als Liebhaberei betrieb er das Sammeln von alten Münzen und man konnte ihm durch Lieferung römischer Münzen, die damals im Rheinland vielfach gefunden wurden, die größte Freude bereiten. Seine Neigung, alle Stücke, die man ihm zur Prüfung vorzeigte, als Eigentum zu behalten, gab eines Tages Anlaß zu einem übermütigen Schabernack. Zwei Spaßvögel aus unserer Klasse hatten Hosenknöpfe, die den Namen eines Bonner Schneiders »Hannes« trugen, durch geschickte mechanische und chemische Behandlung in einen Zustand versetzt, der sie stark verwitterten römischen Münzen ähnlich machte. Diese Kunstprodukte wurden dann dem Herrn Ordinarius als merkwürdige Fundstücke überliefert. Er war aber Kenner genug, um nach einigen Studien die Fälschung festzustellen und gab dann seiner berechtigten Entrüstung einen sehr energischen Ausdruck. Auch für römische Inschriften besaß er großes Interesse, und er brachte uns die Kunst bei, Abdrücke davon in Pappe zu machen. Es hat mir Freude bereitet, diesen Mann, dessen wissenschaftliche Bemühungen mir Achtung einflößten, Abdrücke von einigen römischen Inschriften aus der Gegend von Zülpich, dem angeblichen Tolbiacum der Merovinger Zeit, und Weingarten bei Euskirchen, wo sich die Überreste eines römischen Kastells befanden, zu liefern.
Auf der Bonner Prima habe ich zum erstenmal einen Religionsunterricht genossen, der mich wirklich interessierte, denn der Lehrer, der gleichzeitig protestantischer Pastor in Bonn war, ließ uns das neue Testament in griechisch lesen und wußte die handelnden Personen so lebendig und im Zusammenhang mit den großen historischen Ereignissen jener Zeit zu schildern, daß ich einen Begriff bekam nicht allein von der großen sittlichen Kraft der christlichen Lehre, sondern auch von der gewaltigen geistigen, sozialen und politischen Bewegung, die sie ausgelöst hat. Aus den Schilderungen dieses Mannes waren mir die alten christlichen Gebräuche, die Katakomben zu Rom und ähnliche Dinge längst bekannt, ehe ich sie im Original gesehen habe.
Außerhalb der Schule war ich in Bonn sehr gut aufgehoben; denn ich wohnte bei einer Familie Kemp in der Bonngasse, wenige Schritte vom Gymnasium entfernt, wo es eine vortreffliche Verpflegung gab. Außer mir wohnte dort noch ein Oberprimaner Fischenich, der Sohn eines Landwirtes aus der Nähe von Flamersheim, recht musikalisch und ein guter Kamerad. Es hat mich gefreut, daß mein Sohn Hermann mit dem Sohn dieses alten Schulkameraden an der Schlachtfront in Lothringen bekannt wurde und ihn etwa vor einem Jahre als Gast in Berlin mir zuführte. Dann gab es noch zwei viel jüngere Gymnasiasten der unteren Klassen. Wir alle waren bei den Mahlzeiten mit der Familie und den Angestellten des Geschäfts versammelt. Der Wirt betrieb mit seinem Sohn unter der Firma »Paul Kemp & Sohn« ein einträgliches Geschäft in Galanteriewaren, studentischen Artikeln jeder Art, in Pelzwaren und sogar zur Faschingszeit in Maskenanzügen. Das brachte einen großen Verkehr und viele lustige Ereignisse ins Haus, und ich habe dort zwei wirklich heitere Jahre verlebt. Mein Vetter Ernst Fischer studierte zur selben Zeit in Bonn Medizin, und obschon seine Bude in einem anderen Hause lag, so haben wir doch manchmal zusammen musiziert.
Selbstverständlich wurden wir auch in Bonn mit dem studentischen Leben, seinen berechtigten und unberechtigten Eigentümlichkeiten, vertraut und ich habe schon damals mit Eifer Unterricht im Säbelfechten auf dem Universitätsfechtboden genommen. Die Folge davon war, daß ich später als Angehöriger der Universität an diesen Dingen kein Interesse mehr besaß.
Im August 1869 bestand ich in Bonn das Abiturientenexamen, und das Abgangszeugnis beweist, daß ich kein schlechter Schüler gewesen bin. Trotzdem habe ich zu meinem eigenen Bedauern dem Gymnasium kein freundliches Gedenken bewahren können. Ich halte mich für verpflichtet, das hier auszusprechen, weil ich das Gefühl habe, daß das humanistische Gymnasium die Anforderungen nicht erfüllt, die man an es stellt, und nicht, wie meist behauptet wird, seinen Zöglingen die allgemeine geistige Reife gibt, die zum Besuch der Hochschule nötig ist. Ich spreche hier nicht als Naturforscher, der es immer beklagen mußte, auf der Schule einen ungenügenden mathematischen Unterricht genossen zu haben. Mein Urteil bezieht sich auch auf den sprachlichen Unterricht, der in der jetzigen Form mit der unmäßigen Betonung grammatikalischer Kenntnisse sicherlich verkehrt ist. Wieviel kostbare Zeit haben wir auf das unsinnige Auswendiglernen von Regeln verwenden müssen! Die seltensten Ausnahmen von einer Deklination oder Konjugation, die selbst dem Berufsphilologen in der Praxis kaum vorkommen, mußte man wissen, um ein guter Schüler zu sein. Von den Schönheiten der klassischen Literatur, von ihrem engen Zusammenhang mit der bewundernswerten allgemeinen griechischen Kultur war beim Unterricht fast nie die Rede. Ich bin fest überzeugt, hätten unsere Lehrer auf solche Dinge den Hauptnachdruck gelegt, die meisten von uns wären ihnen mit Begeisterung gefolgt, während wir so den Geschmack am klassischen Altertum geradezu verloren haben und froh waren, mit dem Abiturium diese Studien aufgeben zu können.
Zur Feier des Schlußexamens konnte ich die ganze Klasse in den Garten meines Wirtes einladen, denn mein Vater hatte zu diesem Zweck ein stattliches Faß Bier aus der Dortmunder Brauerei gestiftet.