Im Alter von 16¾ Jahren stand ich nun vor der Wahl des Berufes. Nach meinem Geschmack wäre ich am liebsten Mathematiker und Physiker geworden, aber mein Vater hielt diese Wissenschaften für zu abstrakt und die Möglichkeit für zu gering, sich mit ihnen eine materiell gesicherte Existenz zu schaffen. Er pflegte deshalb seinen Rat in die Worte zu kleiden: »Wenn du durchaus studieren willst, so wähle die Chemie«, deren praktisch nützliche Seite ihm von seinen geschäftlichen Unternehmungen her bekannt sei. Im geheimen mag er aber wohl immer noch die Hoffnung gehabt haben, daß ich mich zu einer kaufmännischen Tätigkeit entschließen würde, da ich der einzige Sohn war und er mich begreiflicherweise gern als Nachfolger in seinem Geschäft gehabt hätte. Da ich zudem noch recht jung war und der unmittelbare Besuch einer Universität für mich keinen besonderen Reiz mehr bot, so machte er mir den Vorschlag, auf 1 bis 2 Semester in ein kaufmännisches Geschäft einzutreten. Damit war ich einverstanden und kam deshalb im Oktober 1869 in das Holzgeschäft meines Schwagers Max Friedrichs zu Rheydt und gleichzeitig als Pensionär zu meiner Schwester Fanny, seiner Frau.

Nach den strengen Regeln des Geschäfts wurde ich als unterster Lehrling betrachtet und behandelt. Zu meinen Funktionen gehörte das Abholen der Post, das Zukleben der Briefe und dergl. und zur Übung mußte ich ein kleines Geschäftsjournal, aber nur zu meiner Belehrung ohne Gültigkeit für das Ganze führen. Hier und da wurde ich auch mit einem kleinen Auftrage zu den Kunden, die zum großen Teil kleine Tischler waren, geschickt.

Auf dem Holzplatz hatte ich nichts zu sagen, durfte aber den verschiedenen Arbeiten, Sägen, Hobeln, dem Transport der Stämme, dem Verpassen des Bauholzes usw. zuschauen. Dieses Technische, das damals noch sehr unvollkommen war und meistens mit der Hand gemacht wurde, hat mich mehr interessiert, wie die pedantischen Kontorarbeiten. Aber das Ganze war doch für meinen Geschmack so langweilig, daß ich schon nach wenigen Wochen auf Rat eines Lehrers der höheren Schule zu Rheydt mir Stöckhardts Schule der Chemie mit den dazu gehörigen Apparaten anschaffte und in einem leerstehenden Zimmer des Geschäftsgebäudes ein winziges Laboratorium einrichtete. Die Versuche waren natürlich höchst stümperhaft, endigten mit einigem Gestank oder beschmutzten und verbrannten Fingern, und wurden dem Geschäftsinhaber wegen der Feuersgefahr recht unbequem. Die Abende verbrachte ich mit Klavierspielen oder im Gasthaus mit Biertrinken, Tabakrauchen und Billardspielen.

Der Schwager war mit meinen Leistungen sehr unzufrieden, erklärte mich für den schlechtesten Lehrling, den er je gehabt, und ließ sich einmal im ärgerlichen Unwillen anderen Mitgliedern der Familie gegenüber zu der Bemerkung hinreißen: »Aus dem Jungen wird nie etwas«. Er ist später wegen dieses Urteils viel geneckt worden, aber allmählich kam auch mein Vater zu der Überzeugung, daß die kaufmännische Laufbahn für mich nicht das Richtige sei. Er drückte diese Meinung drastisch aus in dem Satze: »Der Junge ist zum Kaufmann zu dumm, er soll studieren«.

Inzwischen hatte ich bei dem erwähnten Lehrer der Chemie einige Privatstunden genommen, und mir dabei eine ganz oberflächliche Kenntnis der Atomtheorie angeeignet. Ich kann aber nicht sagen, daß ich davon besonders ergriffen worden wäre. In der Form, wie sie mir dargestellt und wie ich sie auch aus einem kurzen Lehrbuch der Chemie kennen gelernt hatte, erschien sie mir gegenüber den abgerundeten Lehren der Physik zu dürftig und unsicher.

Im Frühjahr 1870 hatte ich das Unglück, mir, wahrscheinlich durch Erkältung, einen Magenkatarrh zuzuziehen, der infolge von Vernachlässigung und ungenügender ärztlicher Behandlung in einen chronischen Zustand überging. Vorbereitet war vielleicht das Leiden durch das unsinnige Rauchen und Biertrinken, das ich schon in jungen Jahren in Wetzlar begonnen und seitdem dauernd beibehalten hatte. Der akute Ausbruch der Krankheit erleichterte mir den Abschied von Rheydt und ich kehrte nach Euskirchen zurück, um mich auszukurieren. Aber der chronische Magenkatarrh war in der Familie etwas ganz Unbekanntes, und auch die Ärzte verstanden damals von der Behandlung desselben recht wenig. Mit den schönen Methoden der Jetztzeit hätte ich in 4 bis 6 Wochen meine volle Gesundheit wieder erlangen können. So aber habe ich trotz der Ratschläge meines sonst als Arzt so ausgezeichneten Onkels in Cöln fast 2 Jahre mich mit der Krankheit herumgeschlagen, und der Verdauungstraktus ist niemals wieder so kräftig geworden, wie er zuvor gewesen. Den Sommer 1870 verbrachte ich in Euskirchen, beschäftigte mich viel im Garten und soweit es möglich war, auf der Jagd. Auf Anraten der Ärzte ging ich Mitte Juli, am Tage der preußischen Mobilmachung mit meiner Mutter nach Bad Ems, um das dortige alkalische Wasser als Heilmittel für den Magen zu trinken. Es herrschte damals eine begreifliche Unruhe im Rheinland, da man glaubte, daß Frankreich sich für den Krieg längst vorbereitet habe und seine Truppen alsbald in die preußischen Rheinlande schicken würde. Mein Vater hatte sich schon darauf vorbereitet, meine unverheirateten Schwestern, sowie Geld, Wertpapiere und andere leicht transportable Gegenstände auf das rechte Rheinufer zu bringen. Um so merkwürdiger berührte es meine Mutter und mich, daß wir auf der Fahrt nach Ems, wobei wir die Festung Coblenz passierten, gar keine militärischen Vorbereitungen beobachteten. Der einzige Soldat, den wir von der Eisenbahn aus in der Festung sahen, war ein Offiziersbursche, der einen Kinderwagen schob. Aber im Stillen war der preußische Mobilisierungsapparat schon im vollen Gange, und 8 Tage später sah man überhaupt fast nur noch Soldaten. Dann begannen auch die großen Truppentransporte, von denen wir in Ems viel zu sehen bekamen, da es an einer Haupteisenbahnlinie von Ost nach West gelegen ist. Anfangs August fanden die siegreichen Schlachten bei Weißenburg, Woerth, Saarbrücken statt, und in Deutschland hatte man sofort das Gefühl, daß die Gefahr einer feindlichen Invasion beseitigt sei. Zwei Tage vor meiner Ankunft in Ems war König Wilhelm von dort abgefahren und von den Erinnerungen an ihn, sowie an die Verhandlungen mit dem französischen Botschafter war in der Kurgesellschaft noch viel die Rede. Obschon die Zahl der Gäste stark abgenommen hatte, nahm doch das Kurleben seinen ungestörten Fortgang.

Nach 4 Wochen konnten wir ohne das geringste Hindernis nach Hause zurückkehren, da der Eisenbahnverkehr sich wieder in normalem Zustande befand. Für die aktive Teilnahme am Krieg war ich noch zu jung und auch damals nicht gesund genug, da die Kur in Ems ohne Erfolg geblieben war.

Im Nebenhause waren die 3 ältesten Söhne schon dienstpflichtig und deshalb eingezogen. Von ihnen hat aber nur der eine, Vetter Lorenz, kriegerische Lorbeeren gesammelt. Als Einjährigfreiwilliger in einem Jägerbataillon nahm er teil an den Schlachten bei Metz. Bei Belagerung der Festung erkrankte er an Ruhr, kehrte nach Deutschland zurück, ging aber bald — noch nicht ganz wieder hergestellt — freiwillig von neuem ins Feld, wo er an den Kämpfen des Generals Werder gegen die Armee Bourbaki bei Dijon beteiligt war. Er wurde im Felde zum Offizier ernannt. Aber das kriegerische Leben, das ganz seinen Neigungen entsprach, ist ihm später zum Unglück geworden; denn es hat mit dazu beigetragen, seine Neigung, dem Bacchus zu huldigen, ins Übermaß zu steigern, so daß er schon im Alter von etwa 35 Jahren gestorben ist.

Vorsichtiger war der Vetter Heinrich, ein gedienter Artillerist; er kam nicht ins Feld, sondern blieb bei einem Ersatzbataillon in Coblenz.

Vetter Ernst, der bereits das erste medizinische Examen bestanden hatte, trat freiwillig als Unterarzt in das Heer ein und hatte in dieser Eigenschaft, wie er später gern erzählte, besonders in der Umgegend von Orléans ein recht vergnügtes und wenig anstrengendes Feldleben geführt. Kurzum, der Krieg 70 ist nach allen Schilderungen seiner Teilnehmer ein ganz anderer, als der jetzige gewesen. Die Verluste auf deutscher Seite waren verschwindend gering, sind doch nicht mehr als 28000 Mann auf unserer Seite gefallen. Auch die Kriegführung war sehr viel humaner. Ein Teil der Truppen hat sogar mit der französischen Bevölkerung auf ganz gutem, fast freundschaftlichem Fuße gestanden. Dazu kam die rasche Beendigung des Krieges und als schönster Lohn für Deutschland seine politische Einigung im deutschen Reiche.