Zunächst ging ich allein über Salzburg nach Wien, von dessen Vorzügen die österreichischen Studiengenossen in Straßburg so viel erzählt hatten. Meine Erwartungen sind in der Tat nicht enttäuscht worden. Die prächtige Lage in der Nähe des mächtigen Stroms und am Fuße lieblicher, bewaldeter Berge, die an historischen Erinnerungen reiche Altstadt und die prächtigen Neubauten am Ring, die großen Kunstschätze und die ausgezeichneten Theater, dazu das liebenswürdige naive Wesen des Volkes, die vielen schönen Frauen und die gute Natural-Verpflegung waren wohl geeignet, einen jungen Menschen wie mich zu bestechen, und ich würde vielleicht München gegen Wien ausgetauscht haben, wenn nicht der Besuch des chemischen Instituts mich ernüchtert hätte. Es war zwar ein Neubau kostspieliger Art, machte aber in keiner Beziehung den Eindruck der Zweckmäßigkeit. Viel besser gefielen mir die Menschen, die darin auch in den Ferien beschäftigt waren. Zunächst wandte ich mich an einen alten Bekannten, den Straßburger Studiengenossen Dr. O. Zeidler, der mich dann den anderen Assistenten vorstellte. Unter ihnen ragte hervor Dr. Zdenko Skraup, mit dem ich mich sofort befreundete.
Beim Mittagstisch lernte ich noch Professor Weidel kennen, der aber 10 bis 15 Jahre älter war als wir, und im Verkehr mit jungen Leuten sich ziemlich zurückhaltend zeigte. Professor A. Lieben, der die eine Abteilung des Instituts leitete, habe ich nur aus der Ferne gesehen. Erst später bin ich mit diesem fein gebildeten und liebenswürdigen Fachgenossen in nähere Berührung gekommen.
Skraup und Zeidler waren die Führer in denjenigen Teilen des Wiener Lebens, das in die Nachtzeit fällt und nicht in den Reisebüchern beschrieben wird. Wir haben aber auch zwei kleine Ausflüge in die Umgebung Wiens gemacht und mit Skraup zusammen besuchte ich die große Oper. Er war durch seine materielle Lage zu bescheidener Lebensweise gezwungen, und wir gingen deshalb in das billige Stehparkett, was mir auch sehr sympathisch war.
Vernünftigerweise durften auch die Offiziere dorthin gehen, und sie hatten sogar den Vorzug, nur die Hälfte des Eintrittspreises zu bezahlen. Da Skraup Reserveoffizier war, so erklärte er sofort aus Sparsamkeitsgründen die Uniform für diesen Theaterbesuch anlegen zu wollen. Dazu mußte er sich aber rasieren. Da die Zeit sehr knapp war, so erklärte ich mich bereit, ihm diesen Liebesdienst zu erweisen. Zeidler lieh dazu sein Rasiermesser, das, wie er später gestand, von ihm für viel niederere Zwecke benutzt wurde. Als ich nun meine Barbieroperation noch nicht zur Hälfte ausgeführt hatte, erklärte Skraup schimpfend, er wolle sich lieber einen Zahn ausziehen lassen, als solche Tortur länger zu dulden, sprang auf und lief halb rasiert und noch mit Seife beschmiert zum ziemlich weit entfernten nächsten Rasierladen. Seitdem habe ich nie mehr Leibesoperationen an anderen Menschen vollzogen. Nach etwa achttägigem höchst befriedigendem Aufenthalt kam der Abschied von Wien, wohin ich später noch zweimal zum Besuch von Naturforscherversammlungen zurückgekehrt bin. Die Rückreise ging über Nürnberg, Würzburg, Frankfurt a. M. nach Euskirchen, wo ich noch einige Wochen meinen Vater in der Hühner- und Hasenjagd unterstützen konnte. Gleichzeitig suchte ich meinen Eltern klar zu machen, daß ich mit dem Phenylhydrazin eine hübsche Entdeckung gemacht hätte und daß es mein Wunsch wäre, diese weiter zu verfolgen in dem Münchener Laboratorium als freier Privatgelehrter. Obschon mein Vater behauptete, die Sache nicht zu verstehen, und überhaupt die Nützlichkeit dieser Erfindung, die man nicht praktisch verwerten könne, anzweifelte, so ließ er mir doch vollkommen freie Wahl. Zudem hatte er mich schon selbständig gemacht; denn sobald ich mit Vollendung des 21. Lebensjahres mündig geworden war, übergab er mir dieselbe Summe, die meine Schwestern als Heiratsgut erhalten hatten. Die Zinsen reichten bei meinen nicht übertriebenen Ansprüchen zum Lebensunterhalt vollkommen aus. Das Kapital überließ ich gerne meinem Vater zur Verwaltung, und er hat diese auch noch später weiter geführt, bis ich 40 Jahre alt wurde und nach Berlin übersiedelte. Dann meinte er, ich sei nun alt genug, um solche Dinge selber zu besorgen. Die Bedenken meiner Mutter bezüglich der gesundheitlichen Gefahren ließen sich beschwichtigen und so zog ich Mitte Oktober nach München. Das Laboratorium, in dem Baeyer sich provisorisch eingerichtet hatte, war nach den Plänen von Liebig 20 Jahre früher erbaut worden.
Bei seiner Berufung nach München hatte der große Forscher ausdrücklich die Verpflichtung abgelehnt, praktischen Unterricht an Studierende zu erteilen. Er hielt deshalb nur die großen Vorlesungen über Chemie und im Laboratorium widmete er sich ausschließlich seinen eigenen Forschungen. Die Zeit der großen Experimental-Untersuchungen war übrigens bei ihm schon vorüber und die Münchener Zeit hat er mehr literarischen Arbeiten gewidmet. Infolgedessen war das Laboratorium, in dem sich auch die Wohnung Liebigs befand, recht klein. Mit dem Einzug von Baeyer wurde die Dienstwohnung geopfert und im alten Gebäude ein provisorisches Laboratorium eingerichtet. Gleichzeitig begannen die Vorarbeiten für den Neubau des Instituts.
Von Straßburg waren die Assistenten Dr. E. Hepp und Dr. C. Schraube, ferner der Inspektor Kamps und der Diener Gimmig mit übergesiedelt. Als einzigen früheren Insassen des Instituts trafen wir den außerordentlichen Professor an der Universität Jacob Volhard. Er hatte seit vielen Jahren seinem Onkel Liebig sowohl als Vertreter bei den Vorlesungen, als auch bei der Redaktion der Annalen der Chemie Hilfe geleistet. Er war ein kluger, feingebildeter Mann und eine anziehende Persönlichkeit. Durch ungewöhnliche Größe und körperliche Schönheit ausgezeichnet, formgewandt und humoristisch veranlagt, hatte er sich namentlich im Verkehr mit Künstlern einen flotten, von jeder Pedanterie freien Umgangston angeeignet. Seine offene Art, sich auszusprechen, die im allgemeinen Vertrauen erweckte und namentlich uns jungen Leuten sympathisch war, konnte sich aber auch zu heftiger Grobheit steigern. Das geschah, wenn er in Jähzorn geriet, wovon ich selbst eine Probe erfahren sollte. Eines Tages traf er mich nämlich bei der Ausführung einer Elementaranalyse und begann eine gemütliche Plauderei, bis sein Blick auf eine Pipette fiel, die mir von einem Diener als wertloses Stück übergeben und zu niederen Zwecken benutzt worden war. In Wirklichkeit gehörte sie zu einem Satz von Pipetten, die Volhard sich eigens für analytische Zwecke kalibriert hatte. Und nun erfolgte ein so plötzlicher und furchtbarer Zornesausbruch, daß ich fürchten mußte, es würde zu Tätlichkeiten kommen, und mich deshalb in Verteidigungszustand setzte. Glücklicherweise ging der Anfall bald vorüber. Die Heftigkeit tat ihm dann leid, wir haben uns leicht versöhnt und sind von da an immer gute Freunde geblieben. Ich bin sogar zweimal, in München und auch in Erlangen, sein Nachfolger geworden.
Die Vorlesungen, die Professor Baeyer rechtzeitig in München begann, erfreuten sich von Anfang an eines recht guten Besuches. Auch in der kleinen analytischen Abteilung des Instituts, deren Leitung Professor Volhard übernommen hatte, herrschte ziemlich reges Leben. Bescheiden blieb dagegen im ersten Semester der Besuch der organischen Abteilung. Außer mir gab es vielleicht 6 Praktikanten. An die einzelnen Personen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber wenn ich nicht irre, waren Paul Friedländer und Wilhelm Königs darunter. Dieser präsentierte sich gleich als eine originelle Persönlichkeit; denn er erschien im Institut mit einem Schuh und einem Pantoffel bekleidet und blieb auch bei dieser Ausrüstung wochenlang, obschon scheinbar kein zwingender Grund dazu vorhanden war. Leute, die sich so wenig um die Verwunderung anderer Menschen kümmern, haben mir von jeher gefallen und so habe ich denn auch die Bekanntschaft von Königs gerne gesucht, wobei sich noch das erfreuliche Resultat ergab, daß er als Cölner ein Landsmann von mir sei. Die äußere Hülle war bei ihm nicht schön, sie umschloß aber eine um so schönere Seele. Mir sind nicht viele Leute im Leben begegnet, die bei hervorragendem Verstand und ausgesprochener Begabung für Witz eine so vornehme Denkweise und ein so mildes Urteil über die Fehler ihrer Mitmenschen hatten. Dieser Eigenschaft verdankte er auch die allgemeine Beliebtheit und ich selbst habe ihn immer gerne zu meinen Freunden gezählt.
Theodor Curtius hat ihm eine liebenswürdige Biographie gewidmet, aber das kann mich nicht abhalten, auch hier seiner zu gedenken und einige gemeinsame Erlebnisse zu schildern. Königs besaß einen offenen Kopf, hatte für wissenschaftliche Dinge volles Verständnis und war keineswegs arm an guten experimentellen Ideen. Dagegen fehlte ihm die praktische Gewandtheit. Wie er selbst öfter beklagte, war es ihm nicht möglich, verschiedene Versuche zu gleicher Zeit anzustellen oder auch nur zu beaufsichtigen. Dazu kam eine gewisse Langsamkeit in der praktischen Arbeit, an der zum Teil wohl seine frühere chemische Erziehung schuld war. Er kam nämlich von Bonn, wo er auch promoviert hatte und wo das rasche Arbeiten offenbar nicht sehr gepflegt wurde. So erzählte er bei seiner Ankunft, daß er zu einer Elementaranalyse in Bonn gewöhnlich 2 bis 3 Tage gebraucht habe. Als ich ihm darauf lachend erwiderte, daß ich 5 an einem Tage machen könne, wollte er es nicht glauben, bis ich ihm den tatsächlichen Beweis dafür lieferte. Allerdings ist dafür doppelte Apparatur erforderlich. Ohne die Langsamkeit des Experiments hätte Königs bei seiner Begabung und seinem Ideenreichtum der Wissenschaft noch viel größere Dienste leisten können.
In der Geselligkeit junger Leute wurde Königs durch seinen schlagfertigen Witz rasch der Mittelpunkt. Daneben besaß er die Gabe, recht hübsche Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele zu verfassen. Manche davon hätten wohl verdient, im Druck zu erscheinen. Sie würden zweifellos, ähnlich den Werken des Berliner Chemikers Jacobsen eine wertvolle Bereicherung der humoristischen chemischen Literatur bilden.
Dem Inhalt, leider nicht dem Wortlaut nach ist mir ein Gedicht in Erinnerung geblieben, das er zu einem kleinen Feste der chemischen Gesellschaft in München bei meinem Abschied von dort beisteuerte. Es war dem Guanolied von Scheffel nachgebildet und bezog sich auf die von mir aufgefundene Bereitung des Kaffeins aus dem Xanthin und Guanin. Die Kunde davon war durch ein Heft der Berichte zu den Vögeln an der Guanoküste gedrungen. Um nun der deutschen Konkurrenz die Spitze zu bieten, macht ein alter Vogel zur Beruhigung der jungen Kollegen den Vorschlag, »von nun an in homologen Reihen zu scheißen«, und »wenn dann schließlich gelungen, das homologe Produkt, so wird eine besondere Probe Herrn Fischer zu Ehren gedruckt«. Diesem Liedchen fügte der Dichter noch einem Spottvers zu: »So sangen 2 muntere Vögel auf Kosten des Herrn Präsident und tranken dazu von dem Weine, den nie vor Anderen er nennt«. Damit hatte es folgende Bewandnis: Königs und ich wohnten damals bei derselben Wirtin im gleichen Stock und besuchten uns spät abends häufig, um gemeinsam ein Glas Wein zu trinken. Kurz vor dem Feste traf ich Königs bei meiner Heimkehr auf seinem Zimmer in Gesellschaft eines jungen Chemikers, beide offenbar etwas betroffen durch meinen Eintritt. Königs hatte nämlich eben das Guanolied verfaßt und sich dazu aus meinem Weinkeller eine der besten Sorten kommen lassen, die bei meiner Ankunft aber rasch durch Kutscherwein ersetzt worden war. Der junge Fachgenosse war der Conkneipant; denn Königs hatte beim Dichten Wein und Gesellschaft nötig und ließ sich von solchen Assistenten den Versfuß vortreten, um nicht zu entgleisen. Als ich mich dann entfernt hatte, fügte er dem Gedicht noch den oben erwähnten Vers hinzu.