Meine Weinvorräte waren damals nicht ganz gering und es befanden sich darunter einige recht gute Sorten. Beim Umzug nach Erlangen Ostern 1882 hatte ich der Wirtin den Auftrag gegeben, denselben nachzuschicken. Der Wein kam aber nicht und eine Anfrage ergab, daß Königs ihn mit seinen Freunden getrunken hatte. Statt dessen erschien ein großes Faß Münchener Hofbräu als Ersatz für den verschwundenen Wein. Er wußte genau, daß ich über den Spaß ebenso lachen würde, wie er es im gleichen Fall getan haben würde.
Mit Königs bin ich auch wiederholt gereist, das letzte Mal 1902 nach Nervi an der Riviera di Levante. Der dritte in unserem Bunde war S. Gabriel, ebenfalls ein richtiger Witzbold. Wenn wir abends zusammen bei einem Glase Bier saßen, so bemühten die beiden Kollegen sich in Witzen zu überbieten. Es ging wie ein Raketenfeuer und ich hatte stundenlang nichts weiter zu tun, als zu lachen. Fast noch komischer als die Witze war das außerordentliche Vergnügen, das die beiden Herren an ihren gegenseitigen Produkten hatten. Es waren heitere Tage, die wir zu prächtigen Fußwanderungen in dieser herrlichen Landschaft benützten. Auch hierbei passierten komische Dinge. Eines Tages kehrten wir auf einem sehr steilen, gepflasterten Fußweg nach der Stadt zurück und begegneten dabei drei italienischen Knaben im Alter von ungefähr 10 bis 12 Jahren, die sofort ihre Bemerkungen über die Forestiere machten, ohne zu ahnen, daß wir etwas von der Sprache verstanden. »Che banda senile« meinte der erste, »gleich wird er hinfallen« meinte der zweite, und dann schlossen sie sofort eine Wette, wen von den dreien dieses Schicksal treffen würde. Es dauerte auch nur noch wenige Sekunden, da saß Gabriel wirklich auf dem Boden, was der jungen Bande natürlich einen unbändigen Spaß machte. An der Heiterkeit hat sich aber auch die alte Bande gründlich beteiligt.
Eine andere Italienfahrt, die ich mit Königs von München aus machte, führte bis Neapel. Infolge seines roten Haares und seiner doppelten Brille wurde er von Droschkenkutschern, Bettlern und ähnlichem Volk schon aus weiter Ferne als Fremder erkannt und dementsprechend bestürmt. Das führte auch zuweilen zu komischen Auftritten. Die Droschkenkutscher hatten damals in Neapel die üble Angewohnheit, den Fremden nicht allein zur Benutzung ihres Fahrzeuges einzuladen, sondern auf offener Straße zu folgen und überall in den Weg zu fahren, wo man eine Straße kreuzen wollte. Unserem Freund Königs schien das eine Gelegenheit, die Zudringlichkeit mit einer Neckerei zu erwidern. Er stieg also ruhig in das Fahrzeug hinein und auf der anderen Seite ebenso rasch wieder hinaus. Wenn der Kutscher dann los fuhr, war der Wagen leer. Kaum aber hatte er dieses Experiment einige Male ausgeführt, als die Kutscher auch schon eine Gegenlist erfanden. Sobald er nämlich seinen Fuß in den Wagen hineinsetzte, war dieser auch schon in Bewegung, dann gab es ein großes Gelächter und Königs mußte bezahlen.
Über solchen Dummheiten wurde aber doch der Hauptzweck der Reise niemals versäumt, denn Königs war gebildet genug, um für die ungeheuren Kunstschätze Italiens und für die Fundstätten der antiken Kultur Verständnis zu besitzen. Für gute Bilder konnte er sich sogar begeistern. Dazu mag auch wohl das Beispiel seines einen Bruders beigetragen haben, der in Berlin Bankier war und seine stattlichen Einkünfte für den Ankauf von guten Bildern verwendete. Der größte Teil der wertvollen Sammlung ist nach dem frühzeitigen Tode des Bankiers von den Geschwistern der Nationalgalerie geschenkt worden.
In späteren Jahren hat Königs mich in Berlin regelmäßig wenigstens einmal im Jahre besucht und dann manchmal mit seinen Geschwistern, besonders mit seiner klugen und fein gebildeten Schwester Fräulein Elise Königs in Berührung gebracht, die den Berliner Gelehrten als weiblicher Mäcen wohl bekannt ist und von der Akademie der Wissenschaften durch Verleihung der goldenen Leibniz-Medaille geehrt wurde.
Eine ganz andere Natur als Königs war Paul Friedländer, der Sohn eines Universitätsprofessors in Königsberg, mit dessen Persönlichkeit meine Münchener Erinnerungen auch eng verknüpft sind. Er kam als Student in das Baeyer'sche Laboratorium, wurde aber wegen seiner Begabung auch von uns älteren Chemikern als gleichberechtigt angesehen. Nebenher war er sehr musikalisch und konnte recht schwierige klassische Sachen auf dem Klavier aus dem Gedächtnis vortragen. Durch seine späteren Arbeiten über Thio-Indigo und über den antiken Purpur, den er als Dibromindigo erkannte, hat er sich in der Wissenschaft einen geachteten Namen geschaffen. Auch mit ihm habe ich mehrere Reisen nach Italien gemacht, sogar meine erste, die über Verona, Venedig, Padua, Florenz und Mailand ging und bei der er mir wegen seiner besseren Sprachkenntnisse ein wertvoller Führer war. Er ist 6 Jahre jünger wie ich und noch in voller Rüstigkeit an der technischen Hochschule zu Darmstadt tätig. Ich bin durch die Kriegswirtschaft, woran er sich auf Veranlassung von Professor Haber beteiligte, wieder öfter mit ihm in Berührung gekommen.
Im Frühjahr 1876 kehrte auch der Vetter Otto Fischer in Baeyers Laboratorium zurück, nachdem er das Wintersemester bei Liebermann über Methylanthracen gearbeitet hatte, und wir haben bald nachher die gemeinsame Untersuchung über Rosanilin begonnen, wovon später ausführlich die Rede sein wird.
Ungefähr um dieselbe Zeit gesellte sich zu unserem Kreise als älterer Student der Chemie Hans Andreae aus Dresden, dessen Mutter eine geborene Dilthey aus Rheydt und deshalb meine Kusine war. Der Vater, ein Kunstmaler, stammte aus der rheinischen Familie Andreae, die in Mülheim a. Rh. eine große, sehr bekannte Sammetfabrik hatte. Dieser Hans war ein frischer, lustiger Geselle, aber stark verbummelt und dem Gambrinus ergeben. Gearbeitet hat er in München kaum, aber sehr viel Bier getrunken, Skat gespielt und Späße gemacht. Bei seiner unvernünftigen Lebensweise waren Unfälle nicht selten. Schon in Leipzig hatte er bei einer Rauferei einen Messerstich in die Lunge bekommen. In München zog er sich eine langwierige Verrenkung des Fußknöchels zu und ein Semester später erkrankte er an einem schweren Typhus. Da er auch nach dieser Krankheit die alte Lebensweise beibehielt, so riet ich seinem Vater, der sich an mich gewandt hatte, ihn wieder ins Elternhaus zurückzunehmen und auf der technischen Hochschule zu Dresden seine Studien fortsetzen zu lassen. Das war seine Rettung; er wurde nun vernünftig, machte seine Examinas und ist dann wohlbestallter Fabrikant in Burgbrohl in der vulkanischen Eifel geworden, wo er eine natürliche Kohlensäurequelle ausnutzt und hauptsächlich zur Bereitung von Alkalibicarbonat verwendet. Sogar zum kirchlichen Würdenträger hat er es gebracht, denn bei seinem letzten Besuche in Berlin erzählte er mir, daß er als Vertreter der niederrheinischen Synode an einer kirchlichen Versammlung teilnehme.
In dem provisorischen Laboratorium zu München haben wir es trotz mancherlei Mängel der Einrichtungen recht behaglich gehabt; denn die Arbeiten waren von Erfolg begleitet, wie ich in einem besonderen Kapitel noch ausführen werde, und Professor Baeyer tat alles, uns zu fördern und den Aufenthalt angenehm zu machen. Ebenso wie in Straßburg habe ich mich auch hier seiner besonderen Gunst erfreut. Obschon ich nur einfacher Praktikant ohne jede Verpflichtung gegen das Institut war, so räumte er mir doch mancherlei Rechte ein, die sonst nur den Assistenten zustanden. Auch im persönlichen Verkehr sind wir uns näher getreten. Er lud mich öfters zu Gesellschaften in seiner Familie und im Sommer, wo diese frühzeitig auf das Land ging, sind wir auch manchmal zusammen ins Gasthaus gegangen. Aus den hier geführten Gesprächen habe ich manches gelernt, das außerhalb des wissenschaftlichen Ideenkreises lag. Einer Unterhaltung aus dem Sommer 1876 erinnere ich mich noch deutlich, weil ich Baeyer darin meine Absicht kund gab, bei der wissenschaftlichen Laufbahn zu bleiben. Zu dem Zweck wollte ich im nächsten Winter wieder nach Straßburg gehen, um bei Rose den analytischen Unterricht näher kennen zu lernen. Er hielt das für ganz vernünftig, weil Robert Bunsen doch wohl schon zu alt sei, knüpfte daran aber lachend die Bemerkung, daß ich mit großer Überlegung auf mein Ziel lossteuere.
Zunächst habe ich aber die Herbstferien 76 zu einer Reise nach Berlin, Kopenhagen und Hamburg benutzt, die sehr genußreich und zum Schluß belehrend für mich ausfiel. Der erste Teil der Reise ging über Dresden und Leipzig. Mein Begleiter war Vetter Otto. Die sächsische Hauptstadt hat uns durch die schöne Lage, die prächtigen Bauten und die wunderbaren Kunstsammlungen sehr imponiert. Wir hörten auch manches über die Bewohner durch die dort ansäßige und früher erwähnte Familie Andreae, ein Ehepaar mit 10 Kindern, das uns Vettern sehr freundlich aufnahm.