Leipzig hat uns nicht allein als Universität, sondern auch als Handelsstadt gut gefallen. In Berlin, wo wir uns 8 Tage aufhielten und mit Wilhelm Königs zusammentrafen, der sich dann als Reisegefährte anschloß, konnten wir noch viel mehr Interessantes sehen und erleben, da der Bekanntenkreis von Königs dort groß war und wir durch ihn auch in die nächtlichen Geheimnisse der Großstadt rasch eingeweiht wurden. Trotzdem war der Gesamteindruck, den die Stadt mir hinterließ, nicht besonders freundlich. Infolge der Gründerperiode war sie in einem Umwandlungsprozeß begriffen, der sich durch gewaltiges Wachstum und viele häßliche Bauten auszeichnete. Aber auch von den unschönen Einrichtungen des alten Berlins war manches übrig geblieben, und ich erinnere mich noch jetzt mit Schaudern, nächtlicherweile in einen Rinnstein gefallen zu sein, der wenigstens ⅓ m tief und mit keiner angenehmen Flüssigkeit gefüllt war. Auch der Grundzug der Bevölkerung, ihre schnarrende und schnoddrige Redeweise, mit dem befehlshaberischen, an das Militär erinnernden Ton, waren mir recht ungewohnt.

Die chemischen Institute, die wir ansahen, konnten ebenso wenig unseren Beifall erwecken, und wenn mir jemand damals prophezeiht hätte, daß ich einmal nach Berlin berufen würde, so hätte ich sicherlich in Gedanken ein solches Angebot energisch abgelehnt. Von dort ging die Reise weiter über Stettin, wo wir sofort das Schiff nach Kopenhagen bestiegen. Vetter Otto trennte sich für diese Zeit von uns und fuhr in der zweiten Kajüte, weil er annahm, daß hier die Gesellschaft besser sei. Es war meine erste Meerfahrt, und sie ist mir dauernd im Gedächtnis geblieben, weil sie recht stürmisch verlief. Schon auf dem Haff wurden viele Personen seekrank, und als wir auf das offene Meer kamen, geriet das kleine Schiff in bedenkliche Schwankungen. Königs und ich haben uns tapfer gehalten, bis wir am späten Abend, durch die Kälte gezwungen wurden, in die Kajüte zu gehen. Hier haben wir dann ebenfalls Neptun unser Opfer bringen müssen, und als wir am nächsten Morgen in Kopenhagen ankamen, war die ganze Schiffsgesellschaft in ziemlich trostlosem Zustand.

Der Aufenthalt in der prächtig gelegenen und durch die große Kunst Thorwaldsens geweihten dänischen Hauptstadt hat uns für die erlittene Mühsal reichlich entschädigt.

Die Dänen sind ein sehr höfliches Volk und trotz der politischen Abneigung, die sie damals gegen Deutschland hegten, haben sie uns mit großer Zuvorkommenheit behandelt. Nur einmal stießen wir mit ihrem Vorurteil zusammen. In einem Caféhaus, wo wir die einzigen Gäste waren, zog Königs ein Kartenspiel hervor, das er immer auf Reisen mitführte, und wollte ein kleines unschuldiges Skatspiel beginnen. Dagegen erhob aber der Wirt entschiedenen Widerspruch, weil in den besseren Gasthäusern der Stadt das Kartenspiel Anstoß errege.

Natürlich haben wir auch die schöne Umgebung von Kopenhagen, das Seebad Klampenborg, die kleine Stadt Helsingoer, mit dem alten aus Hamlet bekannten Schlosse, und endlich das im Innern gelegene prächtige Schloß Frederiksborg besucht. Ich bin später nicht mehr nach Dänemark gekommen, habe aber dem schönen Seeland eine dauernde freundliche Erinnerung bewahrt.

Die Überfahrt über Korsoer nach Kiel ging ohne Zwischenfall von statten, da die See ruhig war. Kiel machte damals den Eindruck einer kleinen schmutzigen, ziemlich unbedeutenden Seestadt. Von der großen deutschen Marine mit den gewaltigen Werftanlagen der Neuzeit war noch sehr wenig vorhanden, dagegen hatten wir bei der Einfahrt, die früh morgens erfolgte, das Vergnügen, die prächtige Kieler Bucht zu bewundern.

Ebenso gab uns die Eisenbahnfahrt von Kiel nach Hamburg willkommene Gelegenheit, das hübsche und freundliche Holstein'sche Land mit manchen kleinen Seen und prächtigen Waldungen zu sehen. Hamburg war damals noch nicht die gewaltige Handelsstadt wie heute. Aber als Seeplatz nahm es doch schon den ersten Rang in Deutschland ein, und das Leben im Hafen bot für uns Landratten viele Überraschungen. Auch die Stadt selbst mit den schönen Bauten an der Alster, mit der prächtigen Kunsthalle und den guten Theatern war wohl geeignet, die Aufmerksamkeit des Reisenden zu erwecken. Als junge Leute, die den ganzen Tag auf der Schau sein konnten, haben wir das alles in ein paar Tagen gesehen.

Inzwischen hatte die Tagung der deutschen Naturforscher und Ärzte begonnen, an der wir als Mitglieder teilnahmen. Die chemische Sektion war nicht sehr besucht, aber ich habe doch einige für mich interessante Bekanntschaften gemacht. Zunächst A. Ladenburg, damals Professor der Chemie an der Universität Kiel, dann der außerordentliche Professor Michaelis von Karlsruhe, der gerade aus England kam und sich ebenso durch einen ungeheuren Bart wie durch einen altersschwachen Cylinderhut auszeichnete. Endlich Dr. E. Noelting, ein Freund und späterer Schwager von Witt. Er interessierte sich besonders für Farbstoffe und interpellierte mich sofort über das Rosanilin, über das ich mit dem Vetter Otto eine kleine Publikation gemacht hatte. In einer Sitzung der chemischen Abteilung habe ich meinen ersten wissenschaftlichen Vortrag gehalten. Er war ziemlich kurz und handelte von dem asymmetrischen Diphenylhydrazin, das ich kurz vorher gefunden hatte, und dessen Isomerie mit dem Hydrazobenzol interessante Vergleiche gestattete. Der Präsident der Sitzung, Professor Ladenburg, hat mir dazu einige freundliche Worte der Anerkennung gewidmet.

Von den allgemeinen Sitzungen, die wir ebenfalls besuchten, ist mir nur ein Vortrag des Zoologen Moebius aus Kiel in Erinnerung geblieben, weil er ein chemisches Kuriosum brachte. Es war die Identität des mysteriösen Urschleims (Bathybius Haeckelii) mit amorphem Gyps, der beim Vermischen von Seewasser mit Alkohol ausfällt.

Die Stimmung der Naturforscher, die im Hamburger Volksmund »die forschen Naturen« hießen, war die denkbar beste, gehoben durch das prächtige Herbstwetter, die vielen Vergnügungsgelegenheiten der Seestadt und die flotte Gastfreundschaft der Hamburger Bürgerschaft. Von den Festlichkeiten ist mir in Erinnerung geblieben eine Dampferfahrt nach Blankenese. Bei der Rückkehr hatten wir Gelegenheit, die Ausgelassenheit und Rohheit der Hafenbevölkerung kennen zu lernen. Es war schon halb dunkel und Scharen von halbwüchsigen Burschen vergnügten sich nun damit, unserer Gesellschaft und besonders den Damen kleine, aber doch scharf explodierende Feuerwerkskörper unter die Füße zu werfen. Anderwärts hätte man sich über diesen Unfug entrüstet, die Hamburger aber waren daran gewöhnt und blieben ganz gelassen.