Von Hamburg sind wir drei ohne Unterbrechung an den Rhein gefahren, und ich habe mich dann im Oktober von den beiden anderen für ein Semester getrennt, da ich nach Straßburg ging, um bei meinem früheren Lehrer Professor F. Rose in der analytischen Chemie und ganz besonders im Unterricht der Anfänger Erfahrungen zu sammeln. Angemeldet hatte ich mich natürlich schon während des Sommers und dabei den Wunsch ausgesprochen, als Volontärassistent von Rose in der analytischen Abteilung des Laboratoriums zu Straßburg mitwirken zu dürfen. Der Direktor des Instituts Professor Fittig ließ mir aber sagen, er könne meinen Wunsch nur erfüllen, wenn ich die Stelle eines bezahlten Assistenten annehme. Das habe ich auch getan, mußte nun aber nach einigen Monaten die Überraschung erleben, daß mein schon an und für sich recht bescheidenes Gehalt herabgesetzt wurde. Es war eine Maßregel, die aus Verwaltungsgründen vielleicht gerechtfertigt war, aber es hat doch auf die anderen Angestellten des Instituts, besonders die Diener einen merkwürdigen Eindruck gemacht, weil sie es als eine Degradation für mich ansahen. Ich habe natürlich darüber gelacht, aber es passte zu der Persönlichkeit von Fittig, der durch seine Anordnungen, ohne es zu wollen, andere Leute leicht vor den Kopf stieß. Ich hatte vor Fittig wegen seiner ausgezeichneten Arbeiten die größte Hochachtung, aber bei näherem Verkehr mit ihm merkte ich doch den großen Unterschied im Vergleich zu Baeyer. Trotz seiner scharfen Beobachtungsgabe und seiner Geschicklichkeit im Experimentieren sowie seiner gesunden Kritik, entbehrte er der Genialität und war neuen Ideen, z. B. der Stereochemie und den physikalischen Lehren schwer zugänglich. Obschon ein guter Lehrer für Anfänger, besaß er auch nicht die Fähigkeit, ältere Chemiker an sich zu fesseln und dadurch eine größere wissenschaftliche Schule zu bilden. Von Tübingen her war er gewöhnt, auch den Unterricht in der chemischen Analyse zu erteilen. Das hätte er am liebsten auch in Straßburg getan, wenn nicht die von Baeyer schon getroffene Organisation, die den Extraordinarius Rose zum selbständigen Leiter in der Abteilung machte, vorhanden gewesen wäre. Ich war als Assistent nur in dieser Abteilung beschäftigt. Leider blieb mir dabei eine gewisse Enttäuschung auch nicht erspart. Der Unterricht von Rose, dem ich als Student so viel verdankte, erschien mir jetzt mehr wie eine einseitige, allerdings mit den vielen praktischen Erfahrungen des Bunsen'schen Laboratoriums geschmückte Dressur. Neue Methoden, die in der Literatur erschienen, wurden garnicht versucht und die geringste Abweichung von der Schablone galt als Fehler. Trotzdem ist mir das, was ich in bezug auf Unterricht bei Rose lernte, später sehr zustatten gekommen, als ich selbst die analytische Abteilung des Münchener Laboratoriums übernehmen mußte.

Die Zahl der Studierenden im Straßburger Laboratorium war nicht so groß, daß meine Zeit durch den Unterricht ganz in Anspruch genommen worden wäre. Es blieb mir deshalb die Möglichkeit, nebenher andere Dinge zu treiben. So habe ich mich ziemlich regelmäßig an dem physikalischen Kolloquium bei Kundt beteiligt, und vor allen Dingen konnte ich einige Studien über die Morphologie und Physiologie der niederen Pilze machen. Wie früher schon erwähnt, erhielt ich die Anregung dazu von Dr. A. Fitz, der mir von früher her flüchtig bekannt war, und dem ich jetzt auch persönlich näher treten durfte. Er war ein wohlhabender Weingutsbesitzer aus der Pfalz, schon in reiferen Jahren, unverheiratet und führte damals interessante Versuche über Spaltpilzgärung aus, durch die er sich in der Geschichte der Gärungschemie einen geachteten Namen gemacht hat. Durch ihn lernte ich einige Schriften von Pasteur, vor allem das Buch »Études sur la bière« kennen. (Welche praktische Folge das für eine Brauerei in Dortmund gehabt hat, ist früher geschildert). Die Pilzchemie hat mich damals so interessiert, daß ich bei längerem Aufenthalt in Straßburg sicherlich eigene Forschungen auf diesem Gebiete angestellt hätte. Zunächst war es aber für mich nötig, morphologische Kenntnisse zu erwerben und Übung in der Handhabung des Mikroskops und der Pilzkulturen zu bekommen. Die Gelegenheit dazu bot das botanische Institut, das unter Leitung von de Bary stand, der einer der besten Kenner der niederen Pilze in Deutschland war. Mit geringer Mühe habe ich dort eine Reihe von Schimmelpilzen und Hefearten kennen gelernt, die meist auf trockenen Nährböden wie Kartoffeln, Rüben, Möhren gezogen wurden. Es ist mir deshalb immer ein Rätsel geblieben, daß erst Jahre nachher für die Kultur der Spaltpilze Robert Koch die festen Nährböden in die Mykologie einführen mußte, und seitdem als Erfinder dieser Methode angesehen wird. Tatsächlich hat Pasteur die Kultur von Mikroben immer nur in Flüssigkeiten, d. h. in seinem bekannten Kolben angestellt und auch seine Nachfolger wie Fitz usw. waren nicht auf den Gedanken gekommen, den festen Nährboden zu benutzen.

Außerhalb der Laboratorien hat es mir an Unterhaltung und Gesellschaft in Straßburg nicht gefehlt, und als junge Leute durften wir uns auch hier und da kleine Streiche erlauben. So erinnere ich mich eines Spaßes, wobei wir Dr. C. Wurster, der damals in Straßburg sein einjährigfreiwilliges Jahr abdiente, und bei einer nächtlichen Kneiperei den Urlaub überschritten hatte, vor der Festnahme durch eine Patrouille schützen mußten, indem wir ihn auf der Straße rasch in einen Zivilisten verwandelten.

Von neuen Bekanntschaften, die ich in ziemlich großer Zahl machte, will ich nur zwei erwähnen. Einmal den Vorstand der Apotheke am Bürgerhospital Dr. Musculus, ein Freund von Mering. Er war erheblich älter wie wir, ein geborener Elsässer, ein liebenswürdiger Gesellschafter und guter Chemiker. Ihm verdankt man die erste Synthese künstlicher Dextrine aus Traubenzucker, mit denen ich mich 15 Jahre später eingehend beschäftigt habe. Noch viel origineller als Mensch war der Physiker Dr. Fuchs, ein Kneipgenie und nebenher ein Mann von umfassender Bildung. Er hatte ursprünglich Philologie studiert und war dann Mediziner geworden. Nach Abschluß aller dazu nötigen Examinas hatte er kurze Zeit als Nervenarzt praktiziert, war dann aber zur Physiologie übergegangen. Als auch diese Wissenschaft ihm noch nicht exakt genug erschien, wurde er Physiker, und infolge der Unterhaltungen, die er öfters mit mir führte, bekam er Lust, auch noch Chemiker zu werden. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen, weil inzwischen sein bescheidenes väterliches Erbe zur Neige ging, und er genötigt war, Geld zu verdienen. Er hat sich später in Bonn habilitiert und ist, wie ich zu meinem großen Vergnügen hörte, zum Schluß als Pseudoleibarzt zu Friedrich Krupp in Essen gekommen. Ich kann mir denken, daß es diesem Schöpfer des größten deutschen Industrieunternehmens am Schluß eines arbeitsreichen Lebens Vergnügen bereitet hat, mit dem vielseitig gebildeten, witzigen und kindlich-naiven Gelehrten zu verkehren.

Im Frühjahr 1877 hatte ich meinen Zweck in Straßburg erreicht und kehrte schleunigst nach München zurück, um die liegengebliebenen Arbeiten über die Hydrazinverbindungen und das Rosanilin fortzusetzen. Dort war inzwischen der Neubau des Instituts mächtig gefördert worden und man bereitete sich schon darauf vor, im Herbst desselben Jahres den Umzug aus dem alten Hause zu bewerkstelligen.

Der Sommer verlief wie sein Vorgänger für uns als eine zweckmäßige Kombination von fleißiger Arbeit und heiterem Leben. Die Zahl der Studierenden und der älteren Chemiker war gewachsen und auch unser gesellschaftlicher Kreis hatte sich dementsprechend vergrößert. Wir waren alle inzwischen gute Münchener geworden und hatten uns dem Bierleben ganz angepaßt. Besonders unterhaltend waren die Abende auf den sogen. Bierkellern, d. h. den Ausschanken der großen Brauereien in hübschen Gärten, die zum Teil auf der Theresienwiese, zum Teil auf dem rechten Isarufer lagen. Hier herrschte ein gemütliches Treiben, eine aus allen Teilen der Bevölkerung zusammengesetzte Gesellschaft erfreute sich an dem köstlichen Bier. Das Abendessen dazu brachte man sich mit, indem man unterwegs in einem Fleischer- und Bäckerladen die nötigen Einkäufe machte. Ganze Familien, von kleinen Kindern bis zum Greise konnte man hier versammelt sehen. Das Bierleben bot auch sonst manche Merkwürdigkeiten. So gab es in gewissen Stadtlokalen eine Bierbettelei, d. h. einzelne Leute, die behaupteten, kein Geld zum Ankauf von Bier zu besitzen zogen mit einem leeren Krug umher, um ihn von mildtätigen Menschen in kleinen Beiträgen füllen zu lassen. Der sonderbarste Auswuchs von Biergemütlichkeit entwickelte sich aber beim Ausschank des Salvatorbiers, das von einer einzigen Münchener Brauerei hergestellt wurde und gewöhnlich in 5 bis 6 Wochen auf dem Salvatorkeller ausgetrunken wurde. Meinen ersten Besuch machte ich dort gemeinschaftlich mit Professor Baeyer. Es war ein fürchterlicher Betrieb. Trotz der kalten Jahreszeit lagen die Menschen dutzendweise betrunken im Garten und an den Abhängen des Berges. Das Hereinkommen in den ungeheuren geschlossenen Raum bot erhebliche Schwierigkeiten, weil fortwährend Ruhestörer oder Betrunkene hinausgeworfen wurden. Als wir schließlich drin waren, wurden wir durch eine Persönlichkeit, die Baeyer kannte, aufgefordert, in einem reservierten Zimmer Platz zu nehmen. Dort war eine sonderbare Gesellschaft versammelt, die man für Leute niederen Standes hätte halten können. Auch die Unterhaltung belehrte darüber zunächst nicht. Ich erinnere mich noch, daß einer der Männer einen alten stark riechenden Käse aus der Tasche zog, mit dem dolchartigen Messer, das die Bayern immer tragen, zerlegte und dann seinen Nachbarn zum Konsum anbot. Auf meine Erkundigung nach seiner Person erfuhr ich, daß es ein hoher Offizier sei. Mein Nachbar, den ich nach dem Äußeren auch sehr unterschätzt hatte, war der bekannte, feinfühlige Dichter Lingg. Und so entpuppte sich allmählich die ganze Gesellschaft als hochgeachtete Männer, Künstler, Gelehrte, Offiziere, hohe Staatsbeamte, Großkaufleute usw. Ich bin damals zu der Überzeugung gekommen, daß kein Mittel in der Welt existiert, welches ähnlich dem Bier alle Standes- und sozialen Unterschiede verwischt und die Menschen gleich macht.

Ein großer Vorzug von München ist die Nähe des Gebirges. Man konnte schon damals mit der Eisenbahn in einigen Stunden nach Tegernsee oder in die Nähe des Walchensees gelangen, und wir haben die in Bayern recht häufigen katholischen Feiertage des Sommers vielfach zu kleinen Touren in die Berge benutzt. In den Pfingstferien, die länger dauerten, führte uns der Weg in der Regel nach Tirol, weil dort Küche und Wein erheblicher besser waren. Großer Bergsteiger bin weder ich, noch die anderen Mitglieder unseres Kreises gewesen, aber auf mittlere Höhen, wie auf Herzogenstand, Wendelstein haben wir uns öfters hinaufgetraut. Daß auch hier durch ungünstige Umstände Gefahr entstehen kann, hat mich die Besteigung des Kitzbüchlerhorns während eines Pfingstausfluges gelehrt. Die Spitze des Berges war noch mit ziemlich viel Schnee bedeckt. Unsere Gesellschaft bestand aus etwa 5 Personen. Glücklicherweise hatten wir einen Träger, der gleichzeitig als Führer diente. Als wir oben angekommen waren, erkrankte Dr. Boesler, von dem später noch die Rede sein wird, an Bergkrankheit so stark, daß er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Wir haben ihn in unsere Mäntel gewickelt und in den Schnee legen müssen und uns dann selbst in dem eisigkalten Wind durch starke Bewegung, Freiübungen usw. warm halten müssen. Da die Sorge entstand, daß der Patient nicht mehr imstande sein würde, den Heimweg anzutreten, so richteten wir an den Führer die Frage, was nun zu tun sei. Er erwiderte kaltblütig, daß er den Herrn in den Rucksack stecken und bergabwärts tragen werde. Vor dieser sicherlich wenig bequemen Beförderungsweise blieb aber glücklicherweise Dr. Boesler verschont, weil er sich bald wieder so weit erholte, daß er mit unserer Unterstützung den Rückweg machen konnte.

Derartige Ausflüge haben mich im Laufe der 7-jährigen Münchener Periode fast nach allen schönen Punkten von Oberbayern und Südtirol geführt. Manche davon sind mir noch in Erinnerung. Besonders eine Bergfahrt, die ich zusammen mit dem Physiologen Dr. Tappeiner, dem Zoologen Dr. Graf und einem Professor der Anatomie an der tierärztlichen Hochschule zu München Dr. Frank unternahm. Sie ging zunächst per Eisenbahn über den Starnberger See bis Pensberg, wo sich das einzige Kohlenbergwerk in Bayern befindet, und von dort zu Fuß nach Kochel. Hier gerieten wir in die Herbstmanöver bayerischer Truppen, welche die Gegend gänzlich ausgegessen hatten. Es gab schon kein Brot mehr, wohl aber noch reichlich Bier. Quartier mußten wir auf dem Heuboden in Gesellschaft von Soldaten nehmen, wobei es mir passierte, daß ich nachts durch das Heuloch sanft in den darunter gelegenen Kuhstall hinabfiel. Am Abend vorher hatte sich im Gasthause vor unseren Augen eine charakteristische Szene aus dem bayerischen Volksleben abgespielt. In unserer Nähe saß ein Mann, wahrscheinlich Holzfäller, der, wie später bekannt wurde, den Versuch gemacht hatte, die Kellnerin zu betrügen. Diesem Mann flog plötzlich, ohne daß ein Wortwechsel stattgefunden hatte, vom Ausschank her ein leerer Maßkrug an den Kopf. Gleichzeitig trat ein starker Mann aus derselben Ecke hervor — es war der sogen. Zapfbube — prügelte den Getroffenen mit gewaltigen Schlägen und verschwand dann wieder ganz ruhig in die dunkle Ecke des Ausschankes. Der Geprügelte verließ ebenso ruhig die Gaststube und die Sache war erledigt.

Am nächsten Morgen sind wir, nachdem am Brunnen flüchtig Toilette gemacht war, den Kochelberg hinauf, zum Walchensee und von dort immer per pedes bis nach Partenkirchen. Den Führer der kleinen Gesellschaft machte Professor Frank; denn er hatte vor seiner akademischen Laufbahn lange hier als Tierarzt gewirkt und war deshalb mit Land und Leuten auf das Genaueste vertraut. So kamen wir mit der Bevölkerung in enge Fühlung und ich habe damals einen recht guten Eindruck von dieser frischen, tatkräftigen und sich sehr natürlich und frei gebenden Rasse gehabt. Leider ließ die Küche, namentlich in den Gasthäusern zweiten und dritten Ranges, wohin Frank uns führte, viel zu wünschen übrig und die Folge davon war, daß ich mir schon am vierten Tage in Partenkirchen den Magen und Darm gründlich verdarb und allein nach München zurückkehren mußte.

Eine andere Fahrt, die für mich besser verlief, habe ich zusammen mit Dr. Fluegge gemacht, der jetzt Professor der Hygiene an der Universität Berlin ist. Er war vorher praktischer Badearzt gewesen, hatte sich aber dann der frisch aufblühenden Hygiene zugewandt und war nach München gekommen, um bei Pettenkofer zu arbeiten. Wir haben auf der langen Fußtour, die von Tegernsee über den Achensee nach dem Inntal und von dort über Mittenwald, Partenkirchen, Walchensee und Herzogenstand nach Benedictbeuren ging, uns trefflich unterhalten. Er war ein lustiger Gesellschafter, flotter Fußgänger mit offenen Augen für landschaftliche Schönheiten und Eigentümlichkeiten der Bevölkerung. Auch an wissenschaftlichen Gesprächen hat es nicht gefehlt, und ich habe mich damals bemüht, Fluegge von der Wichtigkeit der Pasteur'schen Untersuchungen und von der Bedeutung der Stoffwechselprodukte der pathogenen Mikroben bei den Infektionskrankheiten zu überzeugen.