Im September desselben Jahres fand die Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte in München statt. Baeyer hatte die Organisation der chemischen Abteilung übernommen und die Folge davon war, daß ich zusammen mit Dr. Wilhelm von Miller von der technischen Hochschule zum Schriftführer ernannt wurde. Die Geschäftsführung geriet aber in einige Schwierigkeiten, weil Frau Baeyer während eines Ferienaufenthaltes im bayerischen Gebirge gerade zu jener Zeit den Herrn Gemahl mit einem Söhnchen, dem jetzigen Professor der Physik zu Berlin Otto von Baeyer beschenkte und infolgedessen der Gatte mit einer kleinen Verspätung bei der Versammlung erschien. Die Tagung war für uns Chemiker recht interessant, weil ungewöhnlich viele Fachgenossen zusammengeströmt waren. Ich wurde hier zuerst bekannt mit: Victor Meyer, C. Liebermann, J. Wislicenus, F. Tiemann, C. Scheibler, C. A. Martius und Peter Gries. Dieser war unstreitig die originellste Persönlichkeit in unserem Kreise, wie man nach dem allerliebsten Nekrolog, den A. W. Hofmann ihm später gewidmet hat, gerne glauben wird. Wegen Überfüllung stieß er in München auf allerlei Unbequemlichkeiten, besonders bei den festlichen Veranstaltungen. Er pflegte dann stumm eine Weile in den Wirrwarr hineinzuschauen und hinterher seinem Gefühl im richtigen kurhessischen Dialekt mit den Worten Luft zu machen: »Die Leute verstehen keine Massen zu bewältigen«.
In der chemischen Sektion wurde er mit großer Aufmerksamkeit behandelt und auch zum Vorsitzenden gewählt. Hinterher hat ihm die Münchener Universität noch den Titel eines Dr. phil. h. c. verliehen, denn es war gerade die Blütezeit der Benzolchemie und die von Gries aufgefundenen Reaktionen wurden in ausgiebigster Weise zur Lösung von Stellungsfragen benutzt. Zudem hatte eben die Industrie der Azofarben einen großen Aufschwung genommen. Endlich waren Leute, die wie Gries in einem praktischen Berufe stehen und trotzdem in den Mußestunden vortreffliche wissenschaftliche Untersuchungen anstellen, in Deutschland eine große Seltenheit.
Von den Vorträgen der chemischen Sektion ist mir keiner in Erinnerung geblieben, wie denn überhaupt solche Versammlungen für die Publikation von fachwissenschaftlichen Dingen keine große Rolle spielen. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in dem persönlichen Verkehr der Teilnehmer, und in dem Austausch von Erfahrungen, die man der öffentlichen Rede oder Abhandlung nicht anvertraut. Dann geben sie auch den jüngeren Gelehrten eine willkommene Gelegenheit, sich den Alten zu präsentieren und ihre Kunst im Vortrag zu zeigen. Ich bin in späteren Jahren häufig auf die Naturforscherversammlungen gegangen hauptsächlich zu dem Zwecke, jüngere Fachgenossen kennen zu lernen. Bei dem zwanglosen Verkehr wird auch der Grund zu mancher Freundschaft gelegt. Von der Münchener Versammlung her datieren z. B. meine freundschaftlichen Beziehungen zu Victor Meyer und F. Tiemann.
In der ersten allgemeinen Sitzung der Tagung erregte ein Vortrag von Haeckel großes Aufsehen, weil er aus den Fortschritten der Biologie weitgehende Schlüsse für das ganze geistige und sittliche Leben der Welt zog, und mit scharfen Angriffen auf Kirche und staatliche Unterrichtsanstalten verband. Wenige Tage darauf, in der zweiten allgemeinen Sitzung antwortete ihm Virchow und führte in interessanter und geschickter Weise die Theorien und Forderungen Haeckels auf das legitime Maß zurück. Man hatte allgemein den Eindruck, daß nur wenig deutsche Gelehrte in der kurzen Frist von einigen Tagen eine so musterhafte wissenschaftliche Kritik in Form einer populären Rede abfassen könnten.
Natürlich fehlte es bei einer so großen Versammlung in München nicht an mannigfachen Festlichkeiten. Unter anderem hatte der Magistrat der Stadt im alten Rathause eine zwanglose Begrüßung veranstaltet. Dabei wurde auch das politische Gebiet gestreift, was sonst bei diesen Tagungen nicht gerade üblich ist. Ein alter bayerischer Professor hieß nämlich die in ziemlich großer Zahl erschienenen Deutschschweizer herzlich willkommen, knüpfte aber daran die politische Aufforderung, sich von dem Welschtum abzuwenden und dem im neuen Reiche geeinten Deutschtum anzuschließen. Das wurde von den Schweizern höflich, doch recht entschieden abgelehnt mit der zutreffenden Bemerkung, daß die Schweiz nach ihrer politischen und kulturellen Struktur, sowie nach der geschichtlichen Entwicklung es für ihre Pflicht ansehen müsse, mit allen benachbarten Völkern und Staaten in einem freundschaftlichen Verhältnis zu bleiben.
In der chemischen Sektion wurden mein Vetter und ich privatim öfters nach dem Stande unserer Arbeit über das Rosanilin gefragt, mußten aber mit einer gewissen Beschämung gestehen, daß wir darin seit einem Jahre nicht vorwärts gekommen seien. Das mag wohl unsere weiteren Bemühungen in dieser Frage beschleunigt haben; denn im darauffolgenden Wintersemester ist uns tatsächlich ihre Lösung geglückt. Nebenher hatte ich die Untersuchung über die Hydrazinverbindungen zu einem gewissen Ende gebracht, so daß sie als zusammenfassende Abhandlung in Liebigs Annalen erscheinen konnte. Die direkte Veranlassung dazu war meine bevorstehende Habilitation als Privatdozent. Ich wurde dazu von Professor Baeyer geradezu gedrängt, weil inzwischen das neue Institut fertig geworden und bezogen war und deshalb das Bedürfnis nach Privatdozenten deutlicher zutage trat. Zudem hatte ein anderer Kollege, Dr. Aronstein seine Absicht kund getan, Privatdozent in München zu werden. Da er aber ein Mann von nur mittleren Fähigkeiten war, so lag Professor Baeyer viel daran, ihn nicht als ersten Privatdozenten mit dem neuen Institut verbunden zu sehen. Um das zu vermeiden, wurde ich vorgeschoben, obschon ich viel lieber noch eine Weile in meiner unabhängigen Stellung als Privatgelehrter geblieben wäre. Meine Habilitation fand statt am Ende des Wintersemesters im Frühjahr 1878. Da die Universität München den anderwärts erworbenen Doktortitel nicht als vollberechtigt anerkannte, so mußte ich zuvor noch eine Prüfung in Form eines Kolloquiums zur sogen. Nostrifikation des Doktortitels ablegen. Als Examinatoren waren bestellt Baeyer und ein zweiter aus der Liebig'schen Zeit herstammender Professor der Chemie Dr. Vogel, ein sehr unbedeutender Mann.
Da für Baeyer, der mich seit Jahren kannte, die Prüfung nur eine Formfrage war, so stellte er scheinbar in vollem Ernste an mich die Frage: »Herr Doktor, können Sie mir einiges über Hydrazinverbindungen mitteilen?« Für den Entdecker der Hydrazine war die Antwort nicht schwer. Und dann stellte Baeyer mit demselben Ernste an den Kollegen Vogel, der offenbar von den Hydrazinen nie etwas gehört und auch meine Habilitationsschrift nicht gelesen hatte, die Frage: »Sind Sie zufrieden?« Das war der Fall. Vogel ergänzte dieses Geständnis noch durch einige ziemlich törichte Fragen, womit die Prüfung schloß.
Sehr viel schwerer waren die Anforderungen für den Habilitationsakt selbst, denn die Fakultät stellte ein Thema, das nach einer Pause von 3 Tagen in freier etwa ¾stündiger Rede behandelt werden mußte. Mein Thema lautete: »Die heutigen Aufgaben der Chemie«. Da ich bis dahin niemals einen größeren öffentlichen Vortrag gehalten hatte, so kann man sich denken, daß ich in der 3tägigen Frist angestrengt arbeiten mußte, um eine brauchbare Rede zustande zu bringen. Dabei ist mir mein gutes Gedächtnis zustatten gekommen, denn ich konnte den Schriftsatz später in der Aula der Universität fast wörtlich ohne Manuskript vortragen. Außer der Fakultät waren natürlich alle Bekannte aus dem Institut dort versammelt und viele davon haben mich hinterher beglückwünscht, daß ich ohne Stocken den Vortrag zu Ende führen konnte. Diesem folgte noch eine Diskussion über von mir aufgestellte Thesen, an der sich aber nur die Mitglieder der Fakultät beteiligten. Dabei hatte ich einen kleinen Zusammenstoß mit dem Senior der Fakultät, dem Mineralogen Kobell, der aber nach einer kleinen Konzession meinerseits zu einer Einigung führte.
Bei dieser Gelegenheit will ich nicht unterlassen darauf hinzuweisen, daß in München die philosophische Fakultät vernünftigerweise in zwei Sektionen geteilt war, und daß für alle Geschäfte, die uns Naturforscher betrafen, nur die mathematisch-naturwissenschaftliche Sektion in Betracht kam. Ich halte das für einen großen Vorzug gegenüber den preußischen Universitäten, wo die philosophischen Fakultäten nicht geteilt sind und deshalb in toto alle Geschäfte erledigen müssen. Das bringt z. B. in Berlin, wo die Zahl der Ordinarien das halbe Hundert längst überschritten hat, eine recht mühsame Geschäftsführung mit sich, die zahllose, langdauernde Sitzungen nötig macht, und führt von Zeit zu Zeit zu heftigen und sehr überflüssigen Auseinandersetzungen über prinzipielle Fragen zwischen den Vertretern der Natur- und Geisteswissenschaften.
So war ich denn glücklich Privatdozent der Chemie und zwar als Erster der neuen Ära an der Universität München geworden, und im Sommersemester trat die Verpflichtung an mich heran, eine Vorlesung zu halten. Ich wählte als Thema die Teerfarbstoffe und hatte das Glück, eine ziemlich große Anzahl von Zuhörern zu bekommen, weil solche speziellen Vorlesungen damals in München etwas Seltenes waren. Der Vortrag selbst hat mir anfangs rechte Mühe gemacht. Obschon ich an die freie Rede nicht gewöhnt war, habe ich prinzipiell von Anfang an auf die Benutzung eines Manuskripts verzichtet. Das war aber nur möglich, wenn ich vorher den Vortrag vollständig ausarbeitete und ihn dann gut memorierte. Auf diese Weise ist es mir gelungen, schon nach einem Semester eine so große Übung in der freien Rede zu erhalten, daß ich mir später nur noch den Inhalt und die Gedankenverbindung zurecht zu legen brauchte, dagegen die Form in der Vorlesung selbst erfinden konnte. Da man mir häufig gesagt hatte, daß mein Vortrag klar und den Bedürfnissen des Zuhörers angepaßt sei, so glaube ich, das von mir eingeschlagene Verfahren jungen Dozenten empfehlen zu können. Daß man die Materie beherrschen muß, ist ja selbstverständlich, aber das gedankliche Gerippe muß auch dem Redner klar vor Augen stehen. In reiferen Jahren hat es mir auch Freude gemacht, das Mienenspiel der Zuhörer zu beobachten, um herauszufinden, ob der Gegenstand interessiere und ob der Ton richtig gewählt sei. Ferner schien es mir im Eifer der Rede manchmal erlaubt, freie Exkursionen im Nachbargebiete zu unternehmen oder Ideen zu entwickeln, die ich mir selbst von ungelösten Fragen gemacht hatte, und die ich nur als Hypothese darbieten konnte. Wenn der Zuhörer merkt, daß der Redner nicht nur von allgemein anerkannten Dingen, sondern auch von seinen eigenen geistigen Produkten Einiges hergibt, so wird die persönliche Fühlung mit dem Redner enger, die Aufmerksamkeit gespannter und der geistige Gewinn größer.