In der ersten Vorlesung zu München ist mir allerdings der Erfolg dieser Fühlungnahme mit der Zuhörerschaft zunächst nicht beschieden gewesen; denn nach einigen Stunden erschien eine Abordnung bei mir, die in wohlwollendem Ton mir erklärte, daß sie weder den Sinn noch die Worte verstanden hätten wegen allzu starkem Dialekt des Redners. Ich habe über diese Kritik herzlich gelacht und versucht, mich zu bessern, und die Zuhörer haben es mir gelohnt dadurch, daß sie in verhältnismäßig großer Zahl bis zum Ende des Semesters erschienen.
Als zweite Vorlesung habe ich ein viel schwereres Thema gewählt, nämlich ausgewählte Kapitel der theoretischen Chemie. Damals war gerade das bekannte Buch »Moderne Theorien der Chemie« von Lothar Meyer in neuer Auflage erschienen und als glückliche Ergänzung dazu hatte sein Bruder, der Physiker eine ziemlich populäre Darstellung der kinetischen Gastheorie herausgegeben. Diese Bücher habe ich fleißig studiert und versucht, den Inhalt meinen Zuhörern in gedrängterer und noch etwas populärer Form wieder zu geben. Das schien auch zu gelingen, aber in der Folge habe ich einen großen Fehler begangen, indem ich die vorgetragenen Lehren einer Kritik unterzog, um das Bleibende als gesetzmäßig Erkannte zu trennen von allem hypothetischen Beiwerk. Das Ganze lief auf eine Kritik der Atomtheorie nach den damaligen Kenntnissen hinaus. Für mich selbst war dieser Versuch sicherlich sehr belehrend, aber bei meinen Zuhörern habe ich Unheil angerichtet und einige davon konnten bittere Klagen darüber nicht verschweigen: »Wo soll das hin«, sagten sie zu mir, »wenn man nach den Darlegungen eines Professors sich solche theoretischen Kenntnisse mühsam erwirbt, und hinterher erfahren muß, daß vieles doch noch zweifelhaft ist«. Ich habe daraus die Lehre gezogen, daß man in Vorträgen für Studierende mit der Kritik sehr vorsichtig sein muß und am besten nur Dinge bringt, die als sicherer oder vermeintlich sicherer Besitz der Wissenschaft gelten.
Im Frühjahr 1879 wurde Professor Volhard, der Leiter der analytischen Abteilung, als Ordinarius nach Erlangen berufen und auf Vorschlag von Baeyer bot das Kultusministerium in München mir eine außerordentliche Professur an der Universität an, wenn ich gewillt sei, die Funktionen von Volhard im chemischen Institut zu übernehmen. Ich habe mich gerne dazu bereit erklärt und bin am 1. April desselben Jahres zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät mit einem Gehalt von Mk. 3160.— angestellt worden.
Die Kunde von dieser festen Position und dem ersten Geldverdienst des teuren Sohnes hat in Euskirchen großen Jubel erweckt und mein Vater schrieb sofort einen Glückwunschbrief mit der Bemerkung, daß er mit der Mutter zusammen das Ergebnis mit einer feinen Flasche Wein gefeiert habe. Zugleich erkundigte er sich aber angelegentlich, ob bei der neuen Professur auch auf ein ansehnliches Honorar für Vorlesungen zu rechnen sei, da ihm das Gehalt nicht übermäßig hoch vorkam. Im bayerischen Kultusministerium war man in diesem Punkte allerdings anderer Ansicht; denn der Referent Ministerialdirektor Dr. Voelk hatte mir gesagt, daß man bei diesem glänzenden Gehalt von mir außerordentliche Anstrengung in bezug auf den Unterricht erwarte. Ich habe das alles lachend versprochen, konnte aber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß es für den Chemiker Gelegenheit gäbe, sehr viel mehr Geld zu verdienen, als in der akademischen Laufbahn.
Durch die Übernahme der neuen Stellung, die ich natürlich in erster Linie dem Wohlwollen von Baeyer verdankte, erfuhr meine Tätigkeit im Institut eine radikale Änderung. Bis dahin war ich freier Forscher gewesen, ohne jede Verpflichtung für den Unterricht. Dadurch war es mir möglich gewesen, alle für meine wissenschaftlichen Arbeiten nötigen Experimente allein auszuführen. Nur bei der Rosanilinarbeit war ich mit dem Vetter Otto verbunden, und dieses Zusammenarbeiten hatte sich sehr glatt abgespielt. Von nun an konnte ich in dieser Weise nicht mehr wirtschaften, da der größte Teil meiner Zeit durch den praktischen Unterricht in der chemischen Analyse beansprucht war. Die Hilfe von Assistenten auch für die Privatuntersuchungen wurde unentbehrlich. Einen schwachen Versuch dieser Art hatte ich allerdings schon ein Semester vorher gemacht, als ich Dr. Erhardt einlud, mit mir zusammen die gemischten Azoverbindungen, speziell das Phenyl-Azoäthyl zu bearbeiten. Aber von dieser Hilfe habe ich wenig Freude gehabt, da sie in allen entscheidenden Dingen versagte und ich schließlich das Ganze fast allein machen mußte. Ich bin deshalb mit einem gewissen Zagen an die Wahl neuer Mitarbeiter herangegangen und habe auch das Unglück gehabt, bei der Wahl des ersten Privatassistenten einen Mißgriff zu tun; denn ich ließ mich damals durch Empfehlung bewegen, einen Herrn von auswärts, den ich nicht kannte, Dr. Troschke aus Berlin als Assistenten anzunehmen, war aber froh, ihn nach etwa einem Jahre wieder los zu werden, denn er hat mich eher gehindert, als gefördert. Von da an ist mir das Glück hold gewesen. Fast ausnahmslos sind meine Privatassistenten tüchtige, fleißige und gewissenhafte Männer gewesen, deren Hilfe ich mit wärmsten Dank anerkennen muß. Ihre Reihe beginnt mit Magnus Boesler aus Königsberg, einem vortrefflichen Menschen, der mir zunächst bei der Kaffein-Arbeit geholfen und gleichzeitig seine Doktorarbeit über das Anisoin und Cuminoin unter meiner Leitung ausführte. Bald kam dazu Emil Besthorn aus Frankfurt a. M., ein humoristisch angelegter Herr, den sich deshalb Königs bald für seinen engeren Kneipkreis ausersah. Erheblich größer war die Zahl der Unterrichtsassistenten, die ihren Platz in den großen Arbeitssälen hatten. An ihrer Spitze stand der leider so früh verstorbene Clemens Zimmermann, ein talentvoller und außerordentlich strebsamer Chemiker, auch für den Unterricht in hohem Maße begabt. Er hatte seine Studien unter Volhard absolviert und fing eben mit eigenen Untersuchungen an, als ich in die analytische Abteilung eintrat.
Das periodische System der Elemente kam damals in der anorganischen Chemie immer mehr zur Anerkennung, und so war es natürlich, daß Zimmermann sich Aufgaben zuwandte, die damit im Zusammenhang standen. Dahin gehört die Bestimmung der Dichte des Urantetrachlorids und der spezifischen Wärme des metallischen Urans. Bei besserer Gesundheit hätte er sicherlich die Mineralchemie um viele hübsche Entdeckungen bereichert.
Zwei andere Unterrichtsassistenten, die unter mir ihre Doktorarbeiten anfertigten, waren die Herren Lehnert und Renouf. Der erste hat sich später als Angehöriger des Patentamts in Berlin eine einflußreiche Stellung verschafft und der zweite ist Professor an der John Hopkins Universität in Baltimore geworden. Er war in mancher Beziehung ein Original und durch so große Vergesslichkeit ausgezeichnet, daß ich ihm häufig sagen mußte, welche Präparate in seinen verschiedenen Flaschen und Schalen enthalten seien. Er war einige Jahre älter als ich und mit einer amerikanischen Landsmännin verheiratet, der er alle Sorge um die Behütung der beiden Kinder abnahm, wenn sie Lust bekam, allein einen Ausflug ins Gebirge zu machen. Aber auch er liebte die Berge und hatte einmal das Unglück, bei einer allein unternommenen Besteigung zu stürzen und ein Bein zu brechen. Er blieb 2 Tage dort ohne Hilfe liegen und die Folge war, daß bei der nachträglichen Heilung das Bein eine erhebliche Verkürzung erlitt. Das hat seine Freude am Bergsport aber keineswegs abgekühlt; denn er wurde nun Mitglied des Alpenvereins, schaffte sich Kniehosen an und humpelte eifriger denn je in den Bergen umher.
Zuletzt war auch Krüss, ein Sprosse der bekannten Hamburger Optikerfamilie, in der Abteilung tätig. Er ist ebenso wie Zimmermann frühzeitig zugrunde gegangen und zwar an einer pernitiösen Anämie, die bei jungen Männern in Deutschland außerordentlich selten vorkommt. Ich vermute deshalb, daß es sich mehr um eine chronische Vergiftung handelte, wahrscheinlich durch Schwefelwasserstoff; denn die Ventilation im Institut ließ zu wünschen übrig und bei der großen Zahl von Praktikanten herrschte in der analytischen Abteilung recht häufig eine schlimme Atmosphäre.
Da an der Universität München nur ein einziges chemisches Institut bestand, so wurde dasselbe nicht allein von Chemikern, sondern noch viel mehr von Apothekern und Medizinern in Anspruch genommen. Das galt namentlich für den anorganischen Teil. Zu meiner Zeit betrug die Zahl der Praktikanten, die allerdings meistens nur halbtägig arbeiteten, in dieser Abteilung etwa 150. Da mir die Aufsicht über das Ganze anvertraut war, so konnte ich dem einzelnen Studierenden immer nur einige Minuten widmen und selbst mit dieser Einschränkung dauerte der Rundgang durch beide Säle etwa zwei Tage. Mein Hauptaugenmerk mußte darauf gerichtet sein, die Assistenten zu einer verständigen Tätigkeit anzuhalten. Außerdem habe ich nicht selten einen größeren Kreis von Studierenden um mich versammelt und ihnen einen kleinen Vortrag gehalten, oder eine Prüfung improvisiert. Besonders die Mediziner waren dafür sehr dankbar. Zimmermann hat dieses System angenommen und mit großer Geschicklichkeit weiter ausgeführt.
Nur eine kleine Zahl der damaligen Schüler ist mir dauernd im Gedächtnis geblieben. Dazu gehören in erster Linie Ludwig Knorr und Reisenegger, von denen noch die Rede sein wird, dann ein Herr Ehrensberger, den ich einige Versuche über die Bestimmung von Arsen in Nahrungsmitteln nach der von mir ausgearbeiteten Methode und über die Bestimmung der Salpetersäure als Stickoxyd anstellen ließ. Der junge Mann hatte durch Verstand, Frische und lebhaftes Interesse für wissenschaftliche Dinge auf mich einen besonders guten Eindruck gemacht, und als er die Absicht kund gab, Gymnasiallehrer zu werden, entgegnete ich ihm lachend: Dafür sei er zu schade, er solle bei der Chemie bleiben, und wenn er zu frühzeitigem Verdienst gezwungen sei, so möge er in die Industrie gehen.