Er ist diesem Rate gefolgt und kam durch Vermittlung eines Onkels in den Dienst der Firma Friedrich Krupp. Hier hat er eine rühmliche Laufbahn gemacht; denn er war später ein sehr einflußreiches Mitglied des Direktoriums und hat wesentlich mit dazu beigetragen, die Stahlfabrikation bei Krupp zur höchsten Leistungsfähigkeit zu bringen. Als ich ihn 30 Jahre nach der Münchener Studienzeit in Essen besuchte, konnte er mir mit aufrichtigem Stolze einen Teil der Fabrikation und vor allen Dingen das imposante wissenschaftliche Laboratorium für chemische und physikalische Untersuchungen zeigen. Ich war ihm schon vorher bei den Vorbereitungen zur Errichtung einer chemischen Reichsanstalt begegnet, wo er nicht allein sein persönliches, sondern auch das Interesse seiner Firma an der Förderung der wissenschaftlichen Chemie stets betonte. Er selbst hat sich jetzt von der industriellen Arbeit zurückgezogen und will auf seinem Landsitz in Traunstein (Oberbayern) die Muße des Alters für astronomische Beobachtungen benutzen. Als Student kam er eines Tages von einer kleinen Reise nach seinem Heimatsorte Berchtesgaden stark zerschunden in München wieder an, und als ich ihn scherzhaft frug, ob er sich an einer Rauferei beteiligt habe, erwiderte er, daß er beim Blumensuchen mit einer jungen Dame einen nicht ganz ungefährlichen Absturz erlitten habe. Als ich bei der Wiedererneuerung unserer Bekanntschaft mich nach dem Schicksal dieser jungen Dame erkundigte, erwiderte er lachend, sie sei seine Frau geworden und habe ihn mit einer großen Anzahl prächtiger Kinder beschenkt.
Ein anderer Lehramtskandidat, G. Brandl, ersuchte mich um ein Thema für eine kleine Arbeit, die er beim Lehrerexamen einreichen wollte. Da ich damals gerade von dem Professor der Mineralogie zu Bonn G. vom Rath ersucht worden war, einige von ihm gesammelte Fluormineralien zu analysieren, so ließ ich durch Brandl das alte Wöhler'sche Verfahren für die Bestimmung des Fluors durch Umwandlung in Siliciumfluorid und dessen Absorption in gewogenen Gefäßen vervollkommnen, und wir konnten dann mit gutem Erfolge die gewünschten Analysen durchführen. Das Resultat ist in einer Abhandlung der bayerischen Akademie der Wissenschaften publiziert. Dieser Herr Brandl hat mir später, ohne daß ich es wußte, einen wertvollen Gegendienst geleistet, indem er mich dem Führer der ultramontanen Landtagsmehrheit in München Dr. Daller bestens empfahl und dadurch die Bewilligung eines Neubaues für das chemische Institut zu Würzburg stark beeinflußte.
Auch unter den Medizinern, die ich damals unterrichtete, war einer, der durch Begabung und Interesse für chemische Arbeiten meine besondere Aufmerksamkeit erregte. Er hat sein Verständnis für chemische Probleme später durch eine beachtenswerte Untersuchung über die Mucine bewiesen und ist jetzt der berühmte Professor der inneren Medizin an der Universität München, Friedrich Müller. Für die eigenen Untersuchungen stand mir ein sehr schönes Privatlaboratorium mit Nebenräumen zur Verfügung, in der Größe genau entsprechend den Räumen, die Baeyer benutzte. Hier habe ich alle freie Zeit, die mir der Unterricht ließ, zugebracht, nicht selten auch die Sonntage, wo man im Winter wegen Stillstand der Zentralheizung tüchtig frieren mußte. Dagegen waren die Abende meistens der Erholung gewidmet; denn wer den ganzen Tag über experimentell tätig gewesen ist, pflegt abends zu müde zu sein, um literarische Studien zu treiben.
Die Stadt und die mit ihr eng verknüpfte Behaglichkeit des Lebens lud auch gebieterisch zu Geselligkeit und lustiger Unterhaltung ein. Eine Zeitlang hatten wir sogar im kleinen Kreise die englische Tischzeit angenommen und speisten als Quartett, d. h. Dr. Königs, Dr. Tappeiner, mein Vetter und ich, in dem als vornehm verschrieenen Restaurant Schleich. Die Gesellschaft außer uns bestand aus zwei serbischen Prinzen und dem Präsidenten der bayerischen Reichsratskammer. Wir wurden wegen dieser Gewohnheit als Protzen angesehen. In Wirklichkeit aber war es eine Maßnahme der Zeitersparung; denn wir blieben den ganzen Tag meistens von morgens 8 Uhr bis 5½ Uhr im Institut, und ich half mir über den Hunger mit einem Butterbrot oder durch vermehrten Tabakgenuß hinweg. Auf die Dauer war aber diese Zeiteinteilung doch zu anstrengend, und wir sind zu der in Deutschland üblichen Mittagsstunde zurückgekehrt. Ja, ich habe diese Gewohnheit sogar in Berlin beibehalten; denn wer mit anstrengender Experimentalarbeit, die meist im Stehen verrichtet wird, Morgens zwischen 8 und 9 Uhr beginnt, hat um 1 oder 2 Uhr das Bedürfnis, eine Ruhepause zu machen, die am besten mit der Hauptmahlzeit verbunden wird. Dann kann man von neuem 4 bis 5 Stunden arbeiten, und das ist nach meiner Erfahrung für den Chemiker die beste Ausnutzung des Tages, da man in der Mittagszeit eine Reihe von Operationen gehen lassen kann, die lange dauern und keine besonders sorgfältige Beaufsichtigung verlangen.
Der Wechsel der Tischzeit brachte für mich auch einen Wechsel der Tischgesellschaft mit sich. In dem Verein der Privatdozenten, der sich von Zeit zu Zeit in behaglichen Zusammenkünften betätigte, hatte ich zahlreiche Vertreter anderer Wissenschaften kennen gelernt und so bin ich zu einer neuen Gesellschaft im Künstlerhause gekommen. Zu ihr gehörten der Philosoph Jodl, der später Professor in Wien war und sich einen guten Ruf in seiner Wissenschaft verschafft hat, dann die beiden Historiker Stieve und von Druffel, beide Westfalen. Auch diese waren wohl unterrichtete und wissenschaftlich verdiente Männer, deren Anschauungen und Ziele mich in mancher Beziehung interessiert haben. Zudem besaß Stieve ein wunderbares Talent, humoristische Reden (sogen. Bierreden) in beliebiger Länge zu halten. Sein sarkastischer Witz und seine Neigung, den alten Professoren etwas am Zeuge zu flicken, trugen viel zur Belustigung unseres jungen Kreises bei. Wir waren alle unverheiratet, bis Stieve sich eines Tages mit einer Bonnerin verlobte und uns dann zuweilen einlud. Durch die beiden Historiker bin ich auch mit der Malerfamilie Kaulbach in Berührung gekommen, wo es höchst lustig zuging. Als ich mich später in Würzburg verheiratet hatte, war der erste, der auf dem Plan erschien, Freund Stieve, um einmal nach dem Rechten zu sehen, wie er sich ausdrückte. Sie sind jetzt alle drei tot.
Zeitweise habe ich auch, um ganz einfache zuträgliche Nahrung zu bekommen, wieder in einem Bierhaus gegessen, dem sogen. Abentum, wo es gut und billig war, und wo Hunderte von jungen Leuten, besonders viele Künstler, verkehrten. An unserem Tisch war eine kunterbunte Gesellschaft versammelt, Künstler, Gelehrte, Techniker, junge Kaufleute, ja es befand sich sogar ein echter deutscher Prinz darunter. Hier bin ich in nähere Berührung mit zwei Kunstgelehrten gekommen. Der eine war der Privatdozent der Archäologie Dr. Julius. Sein Eifer, die Chemiker in kunstverständige Männer zu verwandeln, steigerte sich soweit, daß er für einen kleinen Kreis von uns in der Glyptothek eine Privatvorlesung hielt. Das hatte sogar praktische Folgen. Ein Künstler, der dazu gehörte, entschloß sich, eine berühmte, aber stark beschädigte Nike zu restaurieren, und ich selbst bin indirekt dadurch mit dem Gipsformator der Museen in Berührung gekommen. Er bat mich um ein Mittel, schwarze Flecke, die spontan beim Aufbewahren seiner Gipsfiguren entstanden, zu beseitigen. Ein Mittel dafür fand ich in der Wirkung des Chlorgases, welches die Flecken, die von Pilzen herrührten, zerstörte, ohne die Figuren sonst zu beschädigen. Der Formator hat das Verfahren im großen Maßstabe angewandt, wozu er sich eine kleine Bude für die Operationen mit dem Chlorgas errichten mußte. Wie lange das Verfahren im Gebrauch geblieben ist oder ob es später von einem besseren ersetzt wurde, vermag ich nicht zu sagen.
Der zweite Kunstgelehrte an dem Biertisch war Dr. Dehio, ein Balte aus Reval. Er ist später durch seine großen und prächtig ausgestatteten Werke über die Geschichte der Architektur ein berühmter Mann geworden, war zuletzt Professor in Straßburg, lebt aber seit einigen Jahren im Ruhestand. Es hat mich sehr gefreut, ihn im letzten Herbst 1917 in Baden-Baden nach langer Pause wiederzusehen und zu erfahren, daß seine Gemahlin eine Schwester von Paul Friedländer sei. Die kriegerischen Ereignisse im Osten hatten ihn so stark bewegt, daß er sich gerade damit beschäftigte, eine öffentliche Propaganda für die Loslösung des Baltenlandes von Rußland und seinen Anschluß an Deutschland ins Werk zu setzen.
Durch den vielfachen Verkehr mit Künstlern und Kunstgelehrten habe ich mehr und mehr Verständnis für die bildende Kunst gewonnen, und mehrfache Reisen nach Italien waren wohl geeignet, diese Einflüsse zu verstärken. Äußerlich gab sich das kund sowohl bei mir, wie auch bei anderen Mitgliedern unseres chemischen Kreises durch fleißigen Besuch der Kunstausstellungen, die im Glaspalast, der direkt neben unserem Institut lag, veranstaltet wurden, und in den letzten Jahren des Münchener Aufenthaltes bin ich auch ziemlich regelmäßig Sonntags nachmittags in den Ausstellungsraum des Künstlervereins unter den Arkaden des Hofgartens gegangen. Man wurde dort recht gewahr, welch' günstige Atmosphäre in München für die Künstler herrschte. Der größte Teil der gebildeten Einwohnerschaft interessierte sich für ihre Werke, nahm teil an ihrer Entwicklung und ihren persönlichen Schicksalen, vermied es aber, sie durch übertriebene Lobhudelei oder durch protzenhafte Heranziehung zu Diners und dergl. zu verderben. Auch das Leben, das die Künstler untereinander führten, bot mannigfache Vorteile. Im allgemeinen hörte man die Lehrer loben, wenn auch die Ansichten der Jungen in bezug auf die Ziele und Mittel der Kunst nicht selten ganz andere waren. Die realistische und in der Freilichtmalerei häufig bis zur Karikatur übertriebene Malweise, die, wenn ich nicht irre, von Frankreich herkam, begann gerade in München Fuß zu fassen, und ich erinnere mich noch des Aufsehens, das ein Bild des jugendlichen Max Liebermann, »Christus im Tempel«, auf einer Ausstellung in München erregte. Bei denjenigen Leuten, die am alten System festhielten, galt es für eine Verirrung, und von kirchlich gesinnten Organen wurde es als eine Blasphemie bezeichnet. Aber eine große Zahl der jungen Künstler und von ihnen wohl nicht unbeeinflußt auch wir jungen Chemiker sahen darin das ernste Bestreben, die Malerei mehr der Wirklichkeit anzupassen und die geistige Durchdringung des Gegenstandes nicht in einer übertriebenen Idealisierung der Figuren zu suchen.
Mit Recht berühmt waren in München die öffentlichen, von der gesamten Künstlerschaft veranstalteten Festlichkeiten. Ich habe zwei davon besucht, ein Feldlager aus der Zeit des 30-jährigen Krieges, das in dem Walde von Großhesselohe sich abspielte und ein köstliches Bild der bewaffneten Macht vor 400 Jahren gab. Das zweite war ein Maskenfest in München, das leider infolge eines Brandunglücks einen tragischen Abschluß erfuhr. Einer der größten Säle Münchens war durch außerordentlich geschickte Ausbauten in eine Art Jahrmarkt verwandelt, wo man alles genießen konnte, was an Sehenswürdigkeiten bei solcher Gelegenheit geboten zu werden pflegt. Da der Zutritt nur Herren gestattet wurde, die natürlich zum großen Teil durch Masken in Frauen jeden Kalibers verwandelt waren, so hatte die künstlerische Phantasie sich ohne jede Einschränkung bis in die wunderlichsten Auswüchse austoben können. Ich habe nicht einmal in Cöln solche tolle karnevalistische Ausgelassenheit gesehen wie bei diesem Feste, an dem die Künstler bis ins höchste Alter hinein ziemlich vollständig versammelt waren. Eine köstliche Maskenidee in vortrefflicher Ausführung ist mir in Erinnerung geblieben. Der bekannte Maler Piglheim machte einen Prinzen natürlich mit Gefolge und ließ sich von dem Komitee rundführen, selbstverständlich ganz in der Form, wie sie bei solchen prinzlichen Besuchen üblich ist. Kurze Zeit darauf erschien ein wirklicher bayerischer Prinz, der genau ebenso empfangen wurde. Zum großen Spaß der ganzen Versammlung stießen nun die beiden Züge zusammen. Der wirkliche Prinz hatte aber Humor genug, den Pseudokollegen freundlich zu begrüßen und sie setzten zusammen die Besichtigung fort. Leider wurde das Fest in ziemlich später Stunde durch ein furchtbares Unglück gestört. Etwa ein Dutzend Schüler der Akademie der Künste machten eine Eskimogruppe. Sie hatten sich für den Zweck eine besondere Hütte gebaut und Eskimoanzüge angelegt, die ganz aus Werg hergestellt waren. Leichtsinnigerweise hatte man versäumt, diesen Stoff chemisch zu imprägnieren und dadurch unbrennbar zu machen. Auch die Hütte selbst war mit brennbaren Stoffen jeder Art erfüllt. Mit ähnlichem Leichtsinn war übrigens die Mehrzahl der Bauten errichtet und da überall geraucht wurde, so hatten wir Chemiker sofort das Gefühl der höchsten Feuersgefahr, und ich erinnere mich, daß wir uns ziemlich frühzeitig in einen geschützten Bierkeller zurückzogen und nur von Zeit zu Zeit wieder das Treiben im Hauptsaale uns anschauten. Plötzlich hieß es, die Eskimos sind am Brennen, und in der Tat sahen wir diese armen Menschen brennend herumlaufen. Sie wurden zwar außerhalb ihrer Hütte ziemlich rasch gelöscht, und einige davon glaubten sich nach der überstandenen Gefahr durch einen reichlichen Trunk Bier entschädigen zu sollen, aber die Verwundungen waren doch so schwer, daß sie meines Wissens in den nächsten Tagen alle gestorben sind. Glücklicherweise konnte das Feuer in der Eskimohütte gelöscht werden. Hätte es um sich gegriffen und die benachbarten sehr brennbaren Gegenstände erfaßt, so wären viele Hunderte von Menschen umgekommen; denn die Zugänge zum Saal waren sämtlich durch die Ausbauten so beengt, daß die große Menschenzahl unmöglich sich hätte retten können.
Bei allen solchen Festlichkeiten sollten die Aufsichtsbehörden in rigoroser Weise stets verlangen, daß alle zur Bekämpfung einer etwaigen Feuersgefahr nötigen Maßregeln getroffen sind. Das Publikum ist geneigt, in derartigen Anordnungen der Behörde Willkür und kleinliche Belästigung zu erblicken; aber wer einmal ein Brandunglück wie damals auf dem Maskenfest in München erlebt hat, und wer wie wir Chemiker die rasche Entwicklung eines Brandes kennt, der wird meiner Ansicht gerne beipflichten.