Neben der bildenden Kunst spielten in München auch Musik und Theater eine große Rolle, und ich muß gestehen, daß ich viel Genuß von beiden gehabt habe.
Das Klavierspiel hatte ich leider schon in Straßburg vernachlässigt, und in München wagte ich nicht, wieder anzufangen, weil in unserem Hause ein Professor der Musik wohnte, der als Virtuose galt. Dazu kam das Bewußtsein, daß man in großen Mietshäusern durch mittelmäßiges Spiel vielen Leuten zur rechten Plage werden kann. Ich zog es deshalb vor, gute Musik von Zeit zu Zeit anzuhören durch den Besuch der ausgezeichneten Odeonkonzerte oder der königlichen Oper. Diese verfügte damals über vorzügliche Kräfte. Besonders gepflegt wurde die Wagnersche Musik, und obschon die alten klassischen Werke von Mozart, Beethoven, Maria von Weber, Lortzing usw. meinem Verständnis näher lagen, so haben mir doch die großen Opern Wagners z. B. der Ring der Nibelungen in der vortrefflichen Münchener Darstellung gewaltigen Eindruck gemacht. Dieser steigerte sich noch bei einem Besuch in Bayreuth, den ich mit mehreren Freunden später von Erlangen aus unternahm, und wo wir einer Aufführung des Parsival beiwohnten.
In München glänzte damals in den Wagner-Opern das Ehepaar Vogel am meisten, aber auch den alten Kindermann mit seinem unverwüstlichen kräftigen Bariton, der mit dem Münchener Publikum wie mit alten Bekannten verkehrte, wird kein Zuhörer vergessen haben.
Noch mehr Genuß als von der Oper habe ich gehabt vom guten Schauspiel, wie es ebenfalls in München gepflegt wurde. Es bestand an der Münchener Bühne die gute Gewohnheit, von Zeit zu Zeit eine Reihe von Dichtungen desselben Meisters zu ermäßigten Preisen aufzuführen. Eine solche Serie, welche die Königsdramen Shakespeares umfaßte, war in ihrer Wirkung so gewaltig für uns junge Leute, daß darüber die Experimentalarbeit im Laboratorium für mehrere Wochen eine ernstere Störung erhielt. Ich wurde von manchen Szenen so ergriffen, daß mir die hellen Tränen über das Gesicht flossen, und daß ich die Umgebung gänzlich vergaß. Diese starke Empfindung für dramatische Reize ist mir bis ins reifere Alter geblieben, und meine spätere Frau hat mir mehr als einmal gesagt, mein Mangel an Selbstbeherrschung im Theater sei für sie direkt unbequem.
Bei den Besuchen von Theater, Konzerten und ähnlichen Lokalen, wo die Menschen dicht zusammen sitzen, kann es dem Chemiker leicht passieren, daß er Anstoß erregt durch die schlechten Gerüche, die sich in seinen Kleidern oder auch in Haar und Haut festgesetzt haben. Auf den billigen Plätzen, die wir als junge Leute besuchten, ist mir das nie verübelt worden, aber einen Parkettplatz in der Münchener Oper habe ich einmal aufgeben müssen, weil die Nachbarschaft zu stark durch die von mir ausströmenden Dünste belästigt wurde. Auch in Privatgesellschaft sollte der Chemiker auf diese Möglichkeit achten und falls er gerade mit starkriechenden Stoffen zu tun hat, auf die Reinigung des Körpers und des Anzugs besondere Sorgfalt verwenden.
Leider kam der Sport bei der Münchener Lebensweise zu kurz. Wir hatten dazu keine Zeit und waren auch abends zu müde. Einen gewissen Ausgleich boten allerdings die Herbstferien, die ich teilweise stets in Euskirchen zubrachte und zusammen mit meinem Vater fleißig für die Feldjagd ausnutzte.
Im geselligen Verkehr, soweit er sich in der Familie abspielte, habe ich niemals viel geleistet, teils aus Bequemlichkeit, teils wegen einer gewissen Ungeschicklichkeit im Verkehr mit Damen. Gelegenheit dazu war übrigens in München genug gegeben; denn Frau Baeyer führte ein großes Haus, veranstaltete von Zeit zu Zeit hübsche Feste und gab sich die größte Mühe, uns junge Chemiker dazu heranzuziehen. Sie spielte bis zu gewissem Grade überhaupt die Mutter des Laboratoriums und war stets zur Hilfe bereit, wenn jemand von uns durch Krankheit oder andere Ursachen in Not geriet. Im Hause bei ihr habe ich auch eine große Anzahl interessanter Menschen kennen gelernt. Vor allen Dingen lud sie uns immer zu Tisch, wenn auswärtige Chemiker zu Besuch kamen. Nach Art hilfreicher und tatkräftiger Damen hätte Frau Baeyer uns auch gar zu gerne verheiratet, worauf sie um so mehr glaubte rechnen zu dürfen, als sie einen Kreis von hübschen und liebenswürdigen jungen Damen um sich zu versammeln wußte. Soweit ich unterrichtet bin, ist es ihr aber nicht gelungen, außer der eigenen Tochter eine dieser Fräuleins an einen chemischen Mann zu bringen. Die junge um Frau Baeyer versammelte Chemie war damals durchgängig unbeweibt, und es sind auch auffallend viele von ihnen in diesem Zustand geblieben, nicht zum Nutzen ihrer eigenen Person oder der Wissenschaft.
Meine Arbeiten über die Hydrazine und das Rosanilin hatten auswärts Anerkennung gefunden. Das zeigte sich zuerst in einem Ruf, den ich im Frühjahr 1880 an das Polytechnikum zu Aachen erhielt. Landolt war von dort an die Landwirtschaftliche Hochschule in Berlin berufen worden und an seiner Stelle sollten zwei Ordinarien für anorganische und organische Chemie ernannt werden.
Die anorganische Lehrstelle mit der großen Experimentalvorlesung hatte man nach dem Beschlusse des Aachener Lehrerkollegiums dem langjährigen Assistenten des Instituts Professor Classen zugedacht und die Professur für organische wurde mir vom Kultusministerium in Berlin angeboten. Um mich genau über die Stelle zu unterrichten, reiste ich nach Aachen hin und verhandelte mit den Fachgenossen Professor Stahlschmidt und Professor Classen, sowie mit dem Direktor des Polytechnikums Herrn von Kaven. Selbstverständlich besuchte ich auch Landolt, der mich im Bett empfing, weil er an starkem Podagra litt. Für das chemische Institut war gerade ein prächtiger Neubau errichtet worden, weil die Aachen-Münchener Feuerversicherungsgesellschaft große Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Aber die Betriebsmittel waren verhältnismäßig gering. Man wollte mir in dieser Beziehung in Aachen keine Sicherheit gewähren, und die ganze Atmosphäre an dem Polytechnikum erschien mir so wenig anziehend, daß ich trotz des lebhaften Wunsches meiner Mutter, mich wieder in der Nähe zu haben, den Ruf kurzweg ablehnte. Nun erlebte ich das Höchstsonderbare, daß nach etwa sechs Wochen der Ruf von Berlin aus erneuert wurde und daß der betreffende Referent im Kultusministerium Dr. Wehrenpfennig mir schrieb, ich habe gewiß die Absicht des Ministeriums nicht richtig verstanden. Wie ich später erfuhr, hatte er inzwischen mit seinem Freunde Dr. von Brüning aus Frankfurt a. M. über meine Berufung gesprochen und sich beklagt, daß ich den schönen Ruf in so kühler Weise abgelehnt habe. Als dieser ihm aber erwiderte, daß ich größere Ansprüche machen könne, als man mir geboten habe, entschloß man sich zu einem zweiten Versuch, mich zu gewinnen. Ich wurde dann auch in Berlin sowohl von Wehrenpfennig wie von Landolt, der inzwischen übergesiedelt war, in der liebenswürdigsten Weise empfangen und man versprach, allen meinen Wünschen entgegenzukommen. Aber die Abneigung gegen Aachen war bei mir einmal vorhanden, und da auch Baeyer mir nicht im geringsten zur Übersiedlung an das Polytechnikum riet, so habe ich zum zweiten Male abgelehnt und diesen Entschluß auch keinen Tag bereut. Statt meiner ist dann Professor Michaelis dorthin gekommen.
Zwei Jahre später wurde die chemische Professur an der Universität Erlangen wieder frei, weil Volhard als Nachfolger von Heinz nach Halle ging. Ich erhielt den Ruf und nahm ihn an. Der Ort hatte zwar wenig Anziehendes, aber es handelte sich doch um ein Ordinariat an einer Universität und das Institut war durch einen Neubau verhältnismäßig gut ausgestattet.