Ich bin bei einem Erkundigungsbesuch in Erlangen auch von den Kollegen sehr freundlich empfangen worden, und Volhard gab sich alle Mühe, mir die Vorteile der neuen Stellung klar zu machen.

Bevor man mich in München entließ, mußte ich natürlich einige Festlichkeiten über mich ergehen lassen. So veranstaltete die Chemische Gesellschaft, deren Präsident ich war, einen schlichten Abschiedsabend, für den Königs das früher erwähnte Guanolied dichtete. Aber auch die Studierenden wollten sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, einen Kommers abzuhalten. Nach den Erfahrungen gelegentlich des Rufes nach Aachen, wo ich von betrunkenen Chemikern beinahe Prügel erhalten hatte, war ich nicht sehr geneigt, mich dieser Möglichkeit nochmals auszusetzen und erst die Drohung, daß ich durch Ablehnung die chemische Jugend, mit der ich auf sehr gutem Fuße stand, vor den Kopf stoßen würde, machte mich williger. So fand denn wirklich ein Kommers auf einem Bierkeller statt, der für mich ohne unbequemen Zwischenfall verlief, weil ich mich frühzeitig empfahl. Aber am nächsten Morgen mußte ich doch erfahren, daß man einige junge Leute, die mit mir nach Erlangen gehen wollten, feierlich aus dem Lokal hinausgeworfen hatte.

Ich zog nun anfangs April an die fränkische Hochschule und der Zufall wollte, daß in Nürnberg in dasselbe Abteil des Schnellzuges, wo ich saß, Fräulein Agnes Gerlach, meine spätere Frau, mit ihrem Vater einstieg, und wir also zusammen in Erlangen ankamen.

Die Einquartierung in Erlangen war nicht ganz leicht. Zunächst fehlte es an einer passenden Wohnung, und auch die Gasthäuser der armen Stadt boten kein bequemes Unterkommen. Ich habe mich deshalb zuerst in dem geräumigen Sprechzimmer des chemischen Instituts niedergelassen, wo ein sehr brauchbarer Laboratoriumsdiener namens Griesinger für meine Sachen sorgte. Mit der Beköstigung war ich allerdings auf das Gasthaus angewiesen, wo ein größerer Kreis von Professoren und Privatdozenten sich zu einer Tischrunde vereinigt hatte. Da ich inzwischen aber zehn Jahre Gasthausleben hinter mir hatte, so fühlte ich das Bedürfnis, einen eigenen Haushalt zu beginnen. Zu dem Zweck hatte ich mir schon in München die Möbel bestellt. Um mich dabei vor Übervorteilung zu schützen, war meine Schwester Emma mit ihrer Tochter Hedwig eigens von Rheydt nach München gekommen und von Frau Baeyer, bei der sie Besuch machten, sofort als Logiergäste aufgenommen worden. Das Wohnungsprovisorium in Erlangen dauerte nicht allzu lange. Nach etwa zwei Monaten trafen alle Möbel ein und mit ihnen auch meine erste Haushälterin, eine Witwe aus Westfalen, die von meiner Schwester Bertha und meiner Mutter ausgesucht worden war. So zog ich denn in die erste mit einem selbständigen Haushalt eingerichtete Wohnung in eines der wenigen vornehmen Häuser Erlangens, die früher den Beamten des markgräflichen Hofes gedient hatten. Die Wohnung enthielt einen großen Saal mit Marmorfußboden und Stuckwerk im Rococostil. Er wird später noch bei der Besprechung meiner Arbeiten zu Ehren kommen; denn ich habe darin die Riechversuche mit Mercaptan ausgeführt.

Inzwischen hatten die Arbeiten im Laboratorium und die Vorlesungen begonnen. Zum Glück waren mir von München zwei prächtige junge Männer, Knorr und Reisenegger, gefolgt, die zwar noch nicht promoviert hatten, denen ich aber ohne Bedenken Assistentenstellen übertragen konnte. Wir sind rasch Freunde geworden, und da es mir zu langweilig war, allein zuhause zu essen, so habe ich diese beiden jungen Herren eingeladen, wenigstens mittags meine Tischgenossen zu sein. Sie haben das gerne getan, weil meine Haushälterin als Köchin Vortreffliches leistete und auch an gutem Wein kein Mangel herrschte.

Beide hatten ihre analytische Ausbildung unter meiner Leitung in München erhalten, und Knorr war auch schon mit der Anfertigung einer Dissertation über das Piperylhydrazin beschäftigt, als wir in Erlangen einzogen. Reisenegger hat bald nachher von mir als Thema für die Dissertation »Die Reaktion zwischen Phenylhydrazin und den Ketonen« erhalten. Beide wurden in Erlangen mit gutem Erfolg promoviert. Reisenegger ist noch einige Zeit als Assistent geblieben, ging aber dann in die Industrie und zwar zu Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. Er stammt aus Oberbayern, wenn ich mich recht erinnere, aus Murnau, wollte ursprünglich Offizier werden und hatte das Kadettenhaus in München absolviert. Infolge eines körperlichen Schadens war er aber zur Chemie übergegangen. Er ist in Höchst durch alle Stufen des technischen Chemikers bis zum Mitglied des Direktoriums hindurchgegangen und jetzt im reiferen Alter vor einigen Jahren als Professor der Technologie an der technischen Hochschule zu Charlottenburg der Nachfolger von Witt geworden.

Länger ist Ludwig Knorr bei mir geblieben, da er von vornherein sich für die akademische Laufbahn entschied. Er entstammt einer Münchener wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus dem bekannten Geschäft von Angelo Sabadini in der Kaufingerstraße und war schon in der Jugend nicht allein durch Klugheit, experimentelle Geschicklichkeit und Redegewandtheit, sondern auch durch besondere persönliche Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Nebenher huldigte er allem möglichen Sport, tanzte vorzüglich und spielte schon während der Münchener Zeit in der dortigen Gesellschaft z. B. auch im Hause Baeyers eine bedeutende Rolle. Unter anderem gelang es ihm trotz seiner Jugend und seiner noch unfertigen Laufbahn, das hübsche, viel umworbene Fräulein Elisabeth Piloty, Tochter des großen Historienmalers in München zu gewinnen. Diese wurde schon im Frühjahr 1884 seine Gattin. Das Ehepaar ist dann später mit mir nach Würzburg übergesiedelt, und da ich von ihnen bis heute viel herzliche Freundschaft erfahren habe, so werde ich später auf sie zurückkommen.

In Erlangen trafen wir im Laboratorium den Privatdozenten der Chemie Dr. Vongerichten, einen geborenen Pfälzer, der vorher eine Zeitlang im Baeyer'schen Laboratorium gearbeitet hatte und mir deshalb gut bekannt war. Es hat mich gefreut, ihm einen Platz in dem hübsch eingerichteten Privatlaboratorium überlassen zu können, wo er seine wichtigen Versuche über die Verwandlung des Morphins in Phenanthren ausführte und damit für die Chemie des Alkaloids eine neue Periode eröffnete. Auch zu ihm bin ich in ein recht freundschaftliches Verhältnis getreten. Aber nach etwa drei Semestern verließ er die Universität und trat gleichfalls in die chemische Fabrik von Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. ein, wo er zunächst im wissenschaftlichen Laboratorium Verwendung fand. Seine Anstellung hat sich für die Fabrik sehr gelohnt, denn sie ist dadurch indirekt in den Besitz des Antipyrinpatentes gelangt.

Studierende aus der früheren Zeit waren sehr wenig im Institut vorhanden, da Volhard, dem man allzu große Strenge in den Examinas nachsagte, nicht anziehend gewirkt hatte.

Die Abhaltung der großen Experimentalvorlesungen hat mir zuerst ziemlich viel Mühe gemacht; denn die zahlreichen Versuche, die dabei unentbehrlich sind, erfordern sehr genaue Vorübung, sowohl für den Professor wie für den Assistenten, und obschon das gute Buch von K. Heumann über Vorlesungsexperimente schon existierte, so habe ich es doch für nötig gehalten, noch ein besonderes derartiges Buch für meine Vorlesungen mit allen Einzelheiten anzulegen. Das ist dann mitgezogen nach Würzburg und Berlin und selbstverständlich im Laufe der Zeit immer reichhaltiger geworden. Auch im Laboratorium lag der ganze Unterricht auf meinen Schultern, da mir nur junge und wenig geübte Assistenten zur Verfügung standen. Dazu kamen noch die Prüfungen und die Fakultätsgeschäfte und außerdem selbstverständlich die eigenen Untersuchungen.