Leider waren die technischen Einrichtungen des Instituts, vor allen Dingen die Ventilation ungenügend und sowohl ich, wie meine Assistenten haben besonders bei den häufigen Arbeiten mit Chlorphosphor darunter sehr gelitten. Ich werde auf diese Ventilationsfrage bei der Besprechung des Würzburger und Berliner Neubaues ausführlich zurückkommen.
Im Laufe von einigen Semestern wurde der Besuch des Laboratoriums wieder befriedigend. In der analytischen Abteilung hatten sich ziemlich viele Apotheker, einige Mediziner und auch Chemiker eingefunden und die kleine organische Abteilung war schon nach zwei Semestern so überfüllt, daß ich einen außer Betrieb gesetzten Teil des alten Gebäudes wieder in Benutzung nehmen mußte.
Von den neu hinzugekommenen Chemikern verdienen drei besondere Erwähnung, Dr. Ernst Täuber, ein Schlesier, der mir als Privatassistent bei der Bearbeitung der Acetonbasen geholfen hat; dann Kužel, der zuletzt Unterrichtsassistent in der analytischen Abteilung war, und mit dem ich über die Hydrazine der Zimtsäure, das Indazol und Benzoylaceton gearbeitet habe; endlich Julius Tafel, der erst die Isomerie von Indazol und Isindazol untersuchte und in Würzburg an meinen Zuckerarbeiten teilnahm.
Täuber kam später an das technologische Institut zu Berlin und ist auch Mitglied des Patentamtes geworden. Kužel, ein sowohl körperlich wie geistig bevorzugter Mann, hat in der Fabrik von Meister Lucius & Brüning eine recht erfolgreiche Tätigkeit ausgeübt, ist aber später nach seiner Heimatstadt Wien zurückgekehrt und hat sich in der Elektrotechnik durch die Darstellung von Metallfäden aus kolloidalem Metall einen Namen gemacht.
Julius Tafel ist der akademischen Laufbahn treu geblieben. Er wurde in Würzburg Privatdozent und später als Nachfolger von Hantzsch ordentlicher Professor und Direktor des Instituts. Leider zwang ein Lungenleiden ihn frühzeitig, seine erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeiten, besonders die elektrolytische Reduktion organischer Verbindungen, aufzugeben und ausschließlich seiner Gesundheit zu leben.
Von sonstigen Mitarbeitern erwähne ich noch O. Bülow, den Vorlesungsassistenten Koch, der das Trimethylendiamin und die Synthese von Harnstoffen aus solchen Diaminen bearbeitete, ferner Elbers, der die ersten Hydrazinosäuren darstellte und Hess, der an der Synthese von Indolderivaten aus Hydrazin teilnahm, dann Hegel, einen Enkel des Philosophen, jetzt Mitglied des Patentamtes, Roese und endlich Antrick, z. Zt. Direktor der chemischen Fabrik auf Aktien vormals Schering Berlin. Ein gewisse Ausnahmestellung nahmen ein C. Paal und O. Hinsberg, weil sie über Thematas arbeiteten, die nicht von mir gestellt waren, aber dabei gerne theoretischen und experimentellen Rat und Hilfe von mir annahmen. Der erste hat damals seine interessanten Versuche über das Acetonyl-Aceton und seine Verwandlung in Furanderivate ausgeführt, ist später in Erlangen und dann auch in Leipzig als Nachfolger von E. Beckmann Professor für pharmazeutische und angewandte Chemie geworden. Hinsberg kam von Göttingen und hat in Erlangen die Chinoxaline entdeckt. Seine Publikation, die aus dem Erlanger Institut datiert war, hat mir einen Angriff von G. Körner in den Abhandlungen der römischen Akademie eingetragen. Körner behauptete dort, er habe das Chinoxalin vor Hinsberg dargestellt und mir bei einem Besuche in Mailand davon mündliche Mitteilung gemacht. Ich habe auf den Vorwurf Körners, der viel zu spät zu meiner Kenntnis kam, öffentlich nicht geantwortet, wohl aber habe ich an ihn privatim geschrieben und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß seine Klage durchaus unberechtigt sei. Ich selbst konnte mich in keiner Weise an eine solche Mitteilung Körners erinnern; aber selbst wenn diese wirklich geschehen ist, so hätte Körner mehrere Jahre Zeit gehabt, seine Beobachtungen zu publizieren. Nach einer so langen Frist aber auf eine angeblich private Äußerung hin, die sich in keiner Weise prüfen läßt, einen Prioritätsanspruch zu gründen und auch noch eine Anklage wegen Indiskretion gegen einen Fachgenossen zu erheben, ist eine sehr bedenkliche Art der Polemik, die gewiß kein vernünftiger Naturforscher anerkennen wird. Ich kann hier nur bezeugen, daß die Arbeit von Hinsberg auch nicht im geringsten durch die angebliche Körner'sche Beobachtung beeinflußt war.
Wenn ich noch zufüge, daß ich in Erlangen die Osazone der Zucker auffand und damit die Grundlage für meine weiteren Zuckerarbeiten schuf, daß ich ferner durch Behandlung der Methylharnsäuren mit Chlorphosphor die ersten Oxypurine erhielt, daß ferner L. Knorr das Antipyrin entdeckte, wobei er die schon von mir flüchtig beschriebene Reaktion zwischen Phenylhydrazin und Acetessigäther in sehr sinnreicher Weise benutzte, so wird man den Eindruck bekommen, daß wir fleißig bei der Arbeit waren. Nur die Abende blieben der Geselligkeit vorbehalten.
Die Stadt bot wenig, hier und da ein Konzert, das von musikliebenden Männern veranstaltet wurde. Wir hatten einmal bei solcher Gelegenheit das Vergnügen, Bülow mit seinem vortrefflichen Orchester in Erlangen zu hören. Dann gab es zuweilen auch eine Vorstellung in dem alten markgräflichen Theater, das jetzt der Stadt gehörte und wo eine Nürnberger Truppe zu gastieren pflegte. Wollte man mehr von diesen Genüssen haben, so mußte man nach dem nahe gelegenen Nürnberg fahren.
Die Enge der kleinen Stadt führte die Angehörigen der Universität zu innigem Zusammenschluß. Der Familienverkehr wurde eifrig gepflegt. Ich selber habe bei meinem Freunde Wilhelm Leube und seiner Gemahlin Natalie, einer Tochter des ausgezeichneten Chemikers Adolf Strecker, viel davon profitiert. Selbstverständlich verlangte Frau Leube von ihren Freunden auch, wenn es nötig war, tätige Hilfe bei geselligen Veranstaltungen, und so mußte ich bei einem Ball, den Leube als Prorektor der Universität gab, die Herstellung einer Riesenbowle übernehmen. Ich habe die Gelegenheit benutzt, um einen karnevalistischen Aufzug zu veranstalten, der auf eine Verherrlichung des Weines hinauslief. Die Hauptfigur war dabei der starke, blühende Diener des Instituts Griesinger, der als Küfermeister auftrat und die Bowle in einem stattlichen Faß auf geschmücktem Handwagen in den Ballsaal hineinfuhr. Auf dem Faß saß als Bacchus verkleidet ein hübscher zehnjähriger Knabe, der Sohn des Chirurgen Heinecke, und um das Faß verteilt saßen die drei Töchter Leubes als Nymphen. Beim Umzug der Gruppe stimmte die ganze Gesellschaft das bekannte Rheinweinlied an: »Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher .....« Die Bowle, die ich aus 150 Flaschen Wein komponiert hatte, fand Beifall und war in wenigen Stunden ausgetrunken.
Am häufigsten trafen wir Unverheirateten uns natürlich im Gasthaus, wo ein sehr behaglicher Ton herrschte.