Von den jungen Medizinern sind mir am nächsten getreten die beiden Assistenten Leubes Penzoldt und Fleischer. Mit dem ersten habe ich auch einige Versuche ausgeführt, besonders diejenigen über die Empfindlichkeit des Geruchsinns. Er ist jetzt ordentlicher Professor der inneren Medizin in Erlangen. Weniger glücklich hat sich das Schicksal von Fleischer gestaltet.
Unter den älteren Medizinern war Leube wohl die hervorragendste Persönlichkeit. Sein Ruf als Arzt bei Krankheiten des Verdauungstraktus führte zahlreiche Patienten, darunter manche interessante Menschen, in die Erlanger Klinik.
Gerne erinnere ich mich auch an die anderen Mediziner, den pathologischen Anatomen Zenker, den Physiologen Rosenthal, den Chirurgen Heinecke, den Frauenarzt Zweifel und vor allem an den Senior der Fakultät, den Anatom J. v. Gerlach, meinen späteren lieben Schwiegervater. Er spielte in der medizinischen Fakultät eine große Rolle nicht allein wegen seines wissenschaftlichen Ansehens und seiner Verdienste als Lehrer, sondern auch wegen seiner liebenswürdigen Persönlichkeit und seiner Bemühungen um das Wohl und Ansehen der Fakultät.
Uns Chemikern recht nahe stand der außerordentliche Professor der Pharmakologie Filehne, der die fieberstillende Wirkung des Antipyrins zuerst feststellte und seine Einführung in die praktische Medizin besorgte.
Von den Juristen ist Professor Marquardsen als Politiker in der Öffentlichkeit am bekanntesten geworden. Er gehörte viele Jahre sowohl zum Reichstag, wie zum bayerischen Landtag. Ich habe später wiederholt in Berlin die Ehre und das Vergnügen gehabt, den alten erfahrenen, klugen und lebenslustigen Herrn in meinem Hause zu sehen. Solange meine Frau lebte, brachte er auch zuweilen seine Familie mit, die in Erlangen mit Gerlachs sehr befreundet war. Der zweite Jurist, mit dem ich öfter in Berührung kam, war der Schwabe Hoelder, der später nach Leipzig gekommen ist.
Die Theologie war in Erlangen nur durch eine evangelische Fakultät vertreten, und diese betonte mit größter Entschiedenheit ihren rein lutherischen Charakter, so daß sie einem Vertreter der pfälzischen reformierten Gemeinden die Mitgliedschaft versagte. Die Fakultät genoß in der kirchlichen Welt einen guten Ruf. Zeugnis davon gab die große Anzahl junger Theologen aus Norddeutschland, die hier wenigstens einen Teil ihrer Studien absolvierten und gleichzeitig von der sehr billigen, aber auch sehr einfachen Lebensweise in der süddeutschen kleinen Stadt Nutzen zogen. Die Gewohnheit junger Theologen, sich frühzeitig zu verloben, wirkte anziehend auf heiratslustige Mädchen, und so war Erlangen das Refugium von mehr als 100 Pfarrerswitwen geworden, die hofften hier ihre Töchter an den Mann zu bringen. Um sich darüber lustig zu machen, hatte eine lose Verbindung von alten, etwas verbummelten Korpsstudenten, die glaubten in Erlangen leichter das Examen bestehen zu können, sich den Namen »Pfarrerstöchter« zugelegt.
Die philosophische Fakultät war im Gegensatz zu Würzburg und München nicht geteilt und ließ sich ohne sichtbares Widerstreben von ihrem Senior, dem Historiker Hegel, Sohn des Philosophen, in wichtigen Dingen gerne leiten. Von den Naturforschern erwähne ich den Physiker Lommel, einen verständigen und behaglich veranlagten Pfälzer, ferner den Botaniker Rees, der unter de Bary eine vortreffliche Arbeit über die Hefen ausgeführt hatte, aber in Erlangen sich auf die Lehrtätigkeit und auf gesellige Bemühungen beschränkte, dann den talentvollen und witzigen Zoologen Selenka, der später mit seiner Frau große Reisen auf Java ausführte, den sehr verdienten Mathematiker Noether, seinen äußerst komischen Spezialkollegen Jordan und endlich den Professor der Pharmazie und angewandten Chemie Albert Hilger. Dieser stand mir natürlich am nächsten, und wir haben auch zusammen ein chemisches Kolloquium eingerichtet. Hilger besaß damals den Ehrgeiz, sich mit rein chemischen Problemen zu befassen und hatte für den Zweck auch eine neue Auflage des bekannten Werkes von Husemann über Pflanzenstoffe herausgegeben. Da ich aber bald zu der Überzeugung kam, daß für diese Dinge seine Begabung und Ausbildung nicht ausreichten, so riet ich ihm, sich mehr auf praktische Dinge, namentlich auf die Nahrungsmittelanalysen zu werfen. Er hat das auch getan und besten Erfolg gehabt; denn seinen Bemühungen ist es wohl mit zuzuschreiben, daß in Bayern die Nahrungsmitteluntersuchung den Instituten für angewandte Chemie an den drei Landesuniversitäten übertragen wurde und daß dadurch die Kontrolle der Nahrungsmittel in Bayern viel früher und besser geordnet war, als in Norddeutschland, besonders in Preußen. Hilger war musikalisch und sorgte mit seiner klugen Frau, einer Holländerin, für die Pflege des musikalischen Lebens in Erlangen. Er ist später an die Universität München gekommen, wo er in der Nähe des Baeyer'schen Laboratoriums einen Neubau für pharmazeutische und angewandte Chemie errichtete.
Die Studenten spielten in Erlangen natürlich die Hauptrolle, weil ein erheblicher Teil der Einwohner von ihnen lebte. Auch das Verbindungswesen blühte in ungewöhnlicher Weise, und damit im Zusammenhang stand das Duellwesen, das trotz des gesetzlichen Verbots von jedermann als etwas Selbstverständliches und Nötiges angesehen wurde. Ja, ich selbst habe mich mit Penzoldt, Knorr und einigen anderen jungen Leuten noch an einem Kursus von Säbelfechten beteiligt, natürlich nur aus Freude an körperlicher Übung, während wir später zu unserer Überraschung hörten, daß es für Knorr eine Vorübung zu einer Säbelmensur war, die er mit Dr. Friedländer in München auszufechten hatte. Da ich außerdem wegen der Freude am Schwimmen die Universitätsbadeanstalt öfters besuchte, so widerfuhr mir die unerwartete Ehre, daß ich vom Senat zum Mitglied der Fecht- und Badekommission ernannt wurde und als solches tätigen Anteil an der Auswahl eines neuen Fechtmeisters nehmen konnte.
Im Jahre 1883 fand in der Direktion der Badischen Anilin- und Sodafabrik eine Personalveränderung statt. Vor allen Dingen wollte Dr. Heinrich Caro, der damalige Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums, in den Ruhestand bzw. Aufsichtsrat der Fabrik eintreten. Seinem Einfluß war es wohl zuzuschreiben, daß der Hauptaktionär der Fabrik und Vorsitzender des Aufsichtsrates Herr Sigl aus Stuttgart mir den Vorschlag machte, Nachfolger von Caro zu werden. Obschon diese Stellung materiell sehr viel mehr einbrachte, wie jede Professur in Deutschland, so war mir doch die akademische Tätigkeit mit der vollen Freiheit wissenschaftlicher Arbeit sympathischer. Ich lehnte deshalb ab, nahm aber eine Einladung zu mehrwöchentlichem Besuch der Fabrik gerne an, teils aus Interesse für die Industrie der Teerfarben, teils in der Hoffnung, mir Rohmaterialien für meine Untersuchungen in großer Menge bereiten zu können. So bin ich denn im August 1883 nach Ludwigshafen-Mannheim gezogen. Der 14-tägige Aufenthalt war eine glückliche Kombination von eifriger Arbeit und fröhlicher Unterhaltung. Zunächst wurde ich durch die ganze Fabrik geführt und in jeder Abteilung von dem betreffenden Leiter in vertraulicher, aber sehr weitgehender Weise über die Einzelheiten der Betriebe unterrichtet. Das war eine Begünstigung, die nur selten wissenschaftlichen Chemikern zuteil wird, und ich verdankte sie wohl dem Wunsche der Direktion, dauernd mit mir in Verbindung zu bleiben. Gleichzeitig begannen im technischen Laboratorium größere Versuche zur Methylierung von Harnsäure nach der Vorschrift, die ich dafür in Erlangen ausgearbeitet hatte.
Als Rohmaterial hatte ich mir mehrere Kilo Schlangenexcremente aus Amsterdam durch Vermittlung von Professor Forster verschafft. Auf meine Erkundigung, weshalb das Material so teuer sei, erhielt ich die überraschende Antwort, daß es in Holland für die Herstellung von medizinischen Geheimmitteln verwendet werde und deshalb einen richtigen Marktpreis besitze. Die Überwachung der Methylierungsversuche, die wohl 10 Tage in Anspruch nahmen, hatte mein früherer Privatassistent Dr. Boesler übernommen, so daß ich mich darum kaum zu kümmern brauchte. Anders war es mit einem zweiten Präparat, der Orthoaminozimtsäure, die ich aus einem in der Fabrik vorrätigen Material, der Orthonitrozimtsäure, durch Reduktion mit Eisenvitriol und Ammoniak nach Tiemann darstellte. Die Operation mußte in stark verdünnter Lösung vorgenommen werden und erforderte die Filtration eines dicken Schlammes von Eisenhydroxyd. Zu dem Zweck wurde mir eine richtige Betriebsapparatur der Azofarbenfabrik zur Verfügung gestellt. Bei dieser Arbeit, die ich selbst übernehmen mußte, war mir das strenge Rauchverbot innerhalb des Fabrikgebäudes recht schmerzlich, aber wenn der alte Engelhorn, Mitglied der Direktion, zum Plaudern mich besuchte, dann zündeten wir uns beide heimlich eine Zigarre an. Einmal erwischte uns dabei der Betriebsführer Dr. Burkhardt, ein alter Münchener Bekannter von mir. Es gab nun ein großes Donnerwetter und wir wurden mit unseren Zigarren rücksichtslos vor die Türe gesetzt.