Den Nachmittag benutzte ich entweder zu kleinen Ausflügen oder zur Ausübung der Hühnerjagd in der frucht- und wildreichen Umgebung von Ludwigshafen, wohin mich das Direktionsmitglied Dr. Karl Klemm in freundschaftlicher Weise mitnahm. Die Abende verbrachte ich regelmäßig im großen chemischen Kreise im Pfälzerhof zu Mannheim, der sich durch den Ausschank vortrefflichen Pfälzer Weines auszeichnete. Die Herren aus der Technik waren dankbar dafür, daß ich ihnen neben mancherlei Schnurren auch über die Fortschritte der Wissenschaft in breiterer Form als sie sonst es erfahren konnten, Auskunft gab, und es wurde scherzhaft der Vorschlag gemacht, mich dauernd als »Vortragenden Rat« der Fabrik anzugliedern. In der Tat machte mir zum Schluß meines Aufenthaltes das Direktorium den Vorschlag, gegen ein mittleres Jahresgehalt in ein Vertragsverhältnis zur Fabrik zu treten, wobei ich nur die Verpflichtung übernehmen sollte, bei Erfindungen auf dem Gebiete der Teerfarben und Heilmittel der Fabrik das Verkaufsrecht einzuräumen. Dasselbe Angebot richtete man an Victor Meyer und Adolf von Baeyer. Es ist aber nicht verwirklicht worden, weil bald nachher ein großer Personenwechsel in der Direktion der Fabrik stattfand.
Nach Erledigung meiner Arbeiten reiste ich von Mannheim nach Euskirchen, um meinem Vater bei der Hühnerjagd zu helfen. Hier hatte ich das Vergnügen, den Besuch von Victor Meyer zu empfangen. Er hatte etwa ½ Jahr vorher im Baeyer'schen Hause den Wunsch geäußert, auch die Jagd kennen zu lernen, da dieser Sport ihm bisher fremd geblieben sei. Daraufhin lud ich ihn ein, während der Herbstferien zu uns an den Niederrhein zu kommen. Seine Zusage löste er nun ein. Leider hatte er kurz vorher anstrengende Hochgebirgstouren im Gebiete des Bernina gemacht und kam nun direkt aus dieser frischen Höhe ziemlich abgehetzt nach der warmen Ebene. Infolgedessen reichten seine körperlichen Kräfte nicht mehr aus, mit Genuß an der immerhin etwas anstrengenden Hühnerjagd teilzunehmen. Während mein Vater und ich ohne Ermüdung 6 bis 8 Stunden durch die Kartoffeläcker stiefeln konnten, lag er gewöhnlich nach 2 Stunden ermüdet hinter einem Busche. Leichter und interessanter war ihm deshalb eine kleine Jagd, die ich für ihn im Flamersheimer Walde veranstaltete. Er hatte dabei das auffallende Glück, im Laufe von etwa 2 Stunden von einem Rehbock und 5 Wildsauen angelaufen zu werden. Allerdings fehlte ihm die Übung, um eins der Tiere zu erlegen. Bei der Rüstung des Mittagsmahles, das unser Förster besorgte, mußten sich alle Mitglieder des kleinen Kreises am Kartoffelschälen beteiligen mit der Maßgabe, daß jeder so viel zu schälen habe, als er beabsichtige zu essen. Über diese eigenartige Sitte hat Meyer besonders gelacht und dazu das Geständnis abgelegt, daß er bisher nie in seinem Leben eine Kartoffel geschält habe.
Der Tag war wenig anstrengend, und diese Art der Jagd hat ihm besser gefallen, als das Ablaufen des freien Feldes. Da er aber offenbar jetzt seine Erfahrungen auf der Jagd für ausreichend hielt, so schlug ich ihm einen Ausflug nach der vulkanischen Eifel vor. Er war damit gerne einverstanden, und wir sind nun teils zu Wagen, teils zu Fuß über Rheinbach nach dem Ahrthal, von dort abwärts an den Rhein und dann durch das landschaftlich hübsche und geologisch sehr interessante Brohlthal nach dem lieblichen Laacher See, einem der schönsten Maare der vulkanischen Eifel gereist. Das hat Meyer natürlich in hohem Grade interessiert, und um ihm noch eine der charakteristischen Kohlensäurequellen dieser Gegend zu zeigen, führte ich ihn am nächsten Tage nach Burgbrohl zu dem aus der Münchener Zeit mir wohl bekannten Vetter Dr. Hans Andreae, der hier nach einer stürmischen Studienzeit als Fabrikant und Familienvater gelandet war. Er erzeugte hauptsächlich reine Alkalibicarbonate und benutzte dafür die natürliche Kohlensäure, die als sogen. Mofette in mächtigem Gasstrom aus der Erde kam und für die Zwecke der Fabrik durch ein Metallrohr gefaßt war. Die Quelle dient jetzt zur Herstellung von flüssiger Kohlensäure, die seitdem ein bedeutender Handelsartikel geworden ist.
Selbstverständlich statteten wir auch dem am See gelegenen schönen Jesuitenkloster Marialaach unseren Besuch ab und kehrten dann, immer bei herrlichstem Wetter, wieder nach Euskirchen zurück, wo Meyer von meinem Vater, mit dem er sich rasch angefreundet hatte, Abschied nehmen wollte.
Inzwischen war von Wilhelm Königs eine Einladung an uns eingelaufen, ihn in Cöln zu besuchen, wo er Meyer die vielen Schönheiten der alten Handelsstadt zeigen wollte. Sie wurde angenommen. Auf der Fahrt empfing uns Königs schon in Kierberg bei Brühl mit der Einladung, Station in dem Landhaus seines Bruders, des Cölner Bankiers zu machen. Den Auftrag dazu hatte er von seiner Schwägerin, einer geistig sehr angeregten Frau, erhalten, weil sie die beiden Professoren kennen lernen wollte. Mit der Lebendigkeit der Rheinländerin wußte sie uns bei einem lustigen Frühstück ziemlich ausführlich über unsere wissenschaftlichen Ziele auszufragen. Sie belohnte uns dafür durch reichliche Bewirtung und durch das Vorzeigen ihrer eigenen Kunstwerke, einer Reihe von leidlich gemalten Ölbildern. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal meinen späteren Schüler Ernst Königs, der jetzt Privatdozent in Breslau ist, als Knaben gesehen.
Meyer und ich haben uns dann getrennt, und er ist über Cöln nach Berlin zum Besuch seiner Eltern gefahren.
Zuvor hatten wir in Euskirchen auf seinen Vorschlag Duzbrüderschaft geschlossen, und ich muß gestehen, daß er mir dauernd ein lieber Freund geblieben ist. Bei Meyer war körperliche Anmut mit ungewöhnlicher geistiger Begabung in glücklicher Weise vereinigt. Dazu kam eine natürliche Liebenswürdigkeit des Wesens und eine große Geschicklichkeit, sich der Umgebung anzupassen, so daß ihm die Sympathien der Menschen rasch zuteil wurden.
Sein Bruder Richard hat ihm eine ausführliche Lebensbeschreibung gewidmet und ein weiteres Denkmal durch die Herausgabe seines Briefwechsels gesetzt. Aber trotzdem erscheint es mir nicht allein gerechtfertigt, sondern wie eine Art von Freundespflicht, auch hier eine kurze Charakteristik von ihm zu geben. Er war ein rascher Denker und verfügte infolge seiner Belesenheit und seines ausgezeichneten Gedächtnisses über ebenso gründliche wie ausgedehnte Kenntnisse. Drum schossen bei ihm die Ideen wie ein frischer und unversiegbarer Sprudel hervor, ohne daß er dabei die gesunde Kritik verloren hätte. So erklären sich auch seine außerordentlichen Erfolge in der Experimentalchemie, wo schöpferische Phantasie mit nüchterner Auswahl der lösbaren Probleme und der einfachsten Versuchsbedingungen verbunden sein muß. Sehr interessant war es, ihn über Fachgenossen reden zu hören, deren Vorzüge er gerne anerkannte und deren Schwächen er mit Freimut, aber ohne jede Bosheit, mehr im humoristischen Sinne beleuchtete.
Nebenher steckte in ihm ein gutes Stück Künstler mit aufrichtiger Freude an Musik, Deklamation, Schauspiel und Dichtkunst im weitesten Sinne. Das alles brach bei ihm spontan und mit natürlicher Anmut von Zeit zu Zeit hervor, so daß es, chemisch gesprochen, wie eine Transmutation vom Naturforscher zum Künstler aussah. Leider war damals sein Nervensystem schon durch übermäßige Arbeit, vielleicht auch durch zu reichlichen Genuß der Lebensfreuden, erschüttert, so daß er 1 Jahr später in Zürich zusammenbrach und Urlaub nehmen mußte. Es war um dieselbe Zeit, als ich aus anderen Gründen die Laboratoriumstätigkeit aufgeben mußte. Glücklicherweise haben wir beide eine Art von Renaissance erlebt, die allerdings bei Meyer nur etwa 12 Jahre dauerte.
Im Oktober 83 trafen wir für kurze Zeit in München bei Baeyer zusammen und erfuhren hier die freudige Überraschung, daß uns Baeyer in einer behaglichen Plauderstunde gleichfalls die Duzbrüderschaft anbot. Wir beide verehrten in ihm den ausgezeichneten und lieben Lehrer und hatten nun das Recht erhalten, ihn in besonders trauter Weise »Freund« nennen zu dürfen. Soviel ich weiß, sind wir die einzigen Chemiker geblieben, die sich dieses Vorrechts rühmen durften.