In unserem Junggesellenkreise zu Erlangen gab es kein interessanteres Ereignis als die Verlobung einzelner Mitglieder. Im Winter 1883/84 erlebten wir das dreimal, bei Ludwig Knorr, Leo Gerlach und dem schon 40jährigen Mediziner Kieselbach. Sie wurden natürlich feierlich aus unserem Kreise entlassen und dafür haben wir an den Hochzeiten teilgenommen. Die erste von Leo Gerlach fand in den Osterferien 84 in Nürnberg statt, weil die Braut der dort altangesessenen Familie Seitz angehörte. Sie wurde mit dem großen, etwas steifen Pomp der alten Kunststadt abgehalten. Die zweite Hochzeit war in den äußeren Verhältnissen, besonders in der Zahl der Teilnehmer, bescheidener, aber mit feinem künstlerischen Geschmack hergerichtet. Sie fand statt in dem Hause des Direktors der Akademie der Künste Piloty zu München. Bei dem Festmahl war die Braut so gesetzt, daß das prächtige blonde Haar, welches dem Vater als Modell bei der Idealfigur der Thusnelda in dem bekannten Bild »Der Triumphzug des Germanikus« gedient hatte, allein von der Sonne beleuchtet und deshalb von einer Art Glorienschein umgeben war. Meine Nachbarinnen bei dieser Hochzeit waren die durch Schönheit ausgezeichnete Schwester der Braut Johanna, die spätere Frau von Hefner-Alteneck, und die gewandte redefertige Baroneß L. von Hornstein, die spätere zweite Frau von Lenbach.
Wegen meiner freundschaftlichen Beziehungen zu Knorr mußte ich eine Rede auf das Brautpaar halten und die Glückwünsche der jungen Erlanger Gesellschaft mit einem stattlichen Album von Photographien überbringen. Ich hatte mir die Rede natürlich vorher überlegt und eine Einleitung ausgedacht, die an die Namen Knorr und Piloty anknüpfte. Es war ein Schiffsvergleich, und nun wollte es der Zufall, daß gerade vor mir auf der Tafel ein prächtiges, in Silber gehaltenes Segelschiff stand, von dem ich jetzt natürlich ausging. Dadurch bekam die Rede einen ganz improvisierten Zug und am Schluß erklärte mir der Hochzeitsvater, dem seine Rede recht sauer geworden war, daß wir Professoren den Künstlern im Schwätzen doch über seien.
Von diesen beiden Hochzeiten kam ich mit einem Katarrh, der durch das 2jährige Arbeiten mit Chlorphosphor in dem schlecht ventilierten Privatlaboratorium vorbereitet und durch eine akute Erkältung verstärkt war, nach Hause zurück, reiste dann aber bald, ohne mich darum zu kümmern, zum Besuch meines Vaters und Schwagers nach Uerdingen. Hier habe ich mir wahrscheinlich auf der Jagd eine kleine Verletzung des Darms zugezogen, zu deren Beseitigung ich mich an den Chirurgen Professor Bardenheuer im Cölner Bürgerhospital wandte. Ich wurde dort operiert und mußte 14 Tage zu Bett liegen. Leider stellte sich ziemlich hohes Fieber ein und infolge dieser ungünstigen Umstände entwickelte sich mein Bronchialkatarrh zu einem tüchtigen Husten. Aus dem Spital entlassen, bin ich statt nach dem Süden törichterweise nach Euskirchen gegangen, habe dort an der Jagd teilgenommen und mich neuen Erkältungen ausgesetzt. Jetzt nutzte auch ein 14tägiger Aufenthalt in Wiesbaden, wo abends immer ziemlich stark gekneipt wurde, nichts und so hat der Katarrh allmählich eine chronische Form angenommen. Am meisten beschädigt waren Nase, Hals und Trachea, und über den Nasenkatarrh war ich besonders unglücklich, weil mein sonst so feiner Geruchssinn völlig aufgehoben war und ich fast ½ Jahr kein Geruchsempfinden gehabt habe. Daran mögen zum Teil auch die Riechversuche, auf die ich später zurückkommen werde, schuld gewesen sein. Trotz des Katarrhs habe ich im Sommer Vorlesungen und Praktikum in Erlangen abgehalten, weil ich glaubte, daß in den Herbstferien die Krankheit geheilt werden könnte. Aber ich hatte noch immer nicht die richtige Lebensweise angenommen, denn das Rauchen, dem ich leidenschaftlich ergeben war, konnte ich nicht lassen, und im Weintrinken habe ich auch vielleicht damals mehr geleistet als gut war. Zudem ließ ich mich im August von Fleischer und Penzoldt überreden, mit nach Pontresina im Engadin zu gehen. Die Reise dahin fing schon mit einem Wagenunglück an, das recht böse Folgen hätte haben können. Fleischer und ich hatten nämlich, um die überfüllte Post zu vermeiden, in Chur einen Privatwagen gemietet, ohne über die Eigenschaften der Pferde und des Kutschers uns zu unterrichten. Nach einigen Stunden leidlicher Fahrt begegneten wir einem italienischen Orgeldreher, der seinen Leierkasten mit einer buntgefärbten Decke überzogen hatte. Davor scheute das eine Pferd, der Kutscher verlor die Herrschaft über die Tiere, und wir stürzten, nachdem das schlechte Geländer durchbrochen war, von der Straße etwa 5 m bergab, glücklicherweise auf eine Wiese. Ich hatte das Unglück kommen sehen, war aufgestanden und wollte aus dem Wagen herausspringen. Es war aber zu spät und ich flog in weitem Bogen aus dem Gefährt heraus in die Wiese hinein. Ich bin niemals in meinem Leben vom Boden so rasch wieder aufgesprungen, weil ich fürchtete, daß der Wagen nachkommen würde. Der war aber inzwischen ganz umgeschlagen und stark beschädigt liegen geblieben. Auch Fleischer war herausgeflogen und hatte sich einen Arm ziemlich stark verstaucht. Merkwürdigerweise blieben die Schuldigen, d. h. der Kutscher und die Pferde, ganz unverletzt. Der Absturz war auf etwa 500 m Entfernung von den Gästen eines kleinen Schwefelbades Alvaneu beobachtet worden, und als wir dort einkehrten, um uns durch ein Mittagsmahl von dem Schrecken zu erholen, wollte die Tischgesellschaft es nicht glauben, daß Männer, die soeben einer wirklichen Lebensgefahr entgangen waren, Lust zum Essen haben könnten. Ich hatte nun die Freude am Wagenfahren verloren. Wir gaben deshalb unsere Koffer auf die Post und machten den Rest des Weges nach Pontresina zu Fuß. Hier bin ich nur einige Wochen geblieben, weil der Aufenthalt in der trockenen und abends kalten Luft, das Unternehmen verschiedener kleiner Gletschertouren und das abendliche stundenlange Verweilen in einer rauchigen Bierkneipe meinem Katarrh nur schädlich waren. Ich zog es deshalb vor, nach dem niedriger gelegenen Kurort Flims in Graubünden zu gehen, wo ich mit Freund Königs zusammentraf und einige vergnügte Wochen verbrachte. Hier habe ich auf eigentümliche Art den Präsidenten des Schweizer Schulrats Kappler kennen gelernt. In dem mit dem Hotel verbundenen Bierhause war nämlich allabendlich eine Gesellschaft von älteren Schweizer Herren versammelt, die sich mit dem in der Schweiz üblichen Kartenspiel »Jass« vergnügten. In diesem kleinen Kreise zeichnete sich durch Lebhaftigkeit, originelles Äußere und kräftige Witze ein alter Herr so sehr aus, daß wir uns nach seinem Namen erkundigten. Es war Herr Kappler, den alle jungen Dozenten der Naturwissenschaften in Deutschland dem Ruf nach kannten. Unsere Neugierde war dem alten Herrn verraten worden. Er hat sich dann auch erkundigt, und als wir am nächsten Tage bei Tisch saßen, schickte er den Kellner zu mir mit der Frage, ob ich der Otto oder der Emil wäre; denn er war über die jungen Naturforscher in Deutschland ausgezeichnet unterrichtet. Wir sind dann in persönliche Berührung gekommen, und er sprach sofort den Wunsch aus, daß ich die Professur der Chemie am Polytechnikum in Zürich übernehmen möchte, da Victor Meyer am Ende des nächsten Wintersemesters nach Göttingen übersiedeln werde. Als ich ihm erwiderte, daß ich augenblicklich leidend sei und erst meinen Katarrh kurieren müsse, wollte er mit Rücksicht auf mein gesundes Aussehen nichts davon wissen und wiederholte mehrere Wochen später das Angebot brieflich, nachdem er seinen Kollegen im Schulrat Bericht erstattet hatte. Der Ruf war sehr verlockend, da ein prächtiges neues Institut für Chemie gebaut werden sollte, wozu die Pläne von Victor Meyer und Lunge in Verbindung mit einem ausgezeichneten Baumeister schon fertiggestellt waren. Auch hätte es für mich einen Reiz gehabt, der Nachfolger Meyers zu werden, aber ich war doch zu unsicher, ob ich bei meinem Gesundheitszustand den Anstrengungen der Züricher Professur gewachsen sein würde, denn Meyer war doch zuletzt auch zusammengebrochen und hatte lebhafte Klage über das aufreibende Leben und Treiben in Zürich geführt. So lehnte ich denn wieder ab.
Auf der Rückreise von Flims drohte mir wieder die Gefahr eines Wagenunglücks, denn als Königs und ich von dort in einem Zweispänner nach Chur fuhren, stürzten unmittelbar vor dem Hotel auf dem glatten Pflaster beide Pferde zur Erde. Glücklicherweise blieben wir im Wagen unversehrt, aber meine Abneigung gegen Wagenfahrten ist durch den Vorfall noch verstärkt worden.
Den Rest der Ferien verbrachte ich in Südtirol, Brixen und Meran, wo aber infolge der Hitze und des Staubes der Bronchialkatarrh auch nicht völlig ausheilte. Die Folge davon war, daß ich bei einem kurzen Aufenthalt in München mir sofort einen neuen akuten Katarrh zuzog und kränker nach Erlangen zurückkehrte, als ich es im August verlassen hatte. Ich kam deshalb zu der Überzeugung, daß eine längere ernsthafte Kur nötig sei und nahm langen Urlaub, der mir vom Ministerium in München in der freundlichsten Weise gewährt wurde. Damit aber das Institut nicht ganz verwahrlost bleiben sollte, so schlug ich der Fakultät vor, meinen Vetter Otto Fischer, der in München Privatdozent der Chemie war, als provisorischen Vertreter für die Zeit der Krankheit anzunehmen. Das ist auch geschehen, und hat dann zur Folge gehabt, daß er ein Jahr später, als ich nach Würzburg übersiedelte, definitiv mein Nachfolger wurde. Der Vetter hat nicht allein meine Vorlesungen und die Leitung des Laboratoriums, sondern sogar die Wohnung einschließlich der Haushälterin für die Zeit meines Urlaubs übernommen. Ich bin noch bis Ende November in Erlangen geblieben, um ihn in alle Geschäfte einzuführen, und während dieser Zeit hatte ich das besondere Vergnügen, Herrn Kappler aus Zürich nochmals zu sehen. Nach meiner Ablehnung hatte er sich trotz seines hohen Alters und seiner schlechten Augen entschlossen, eine Rundfahrt durch Deutschland zu machen, um die jungen Dozenten der Chemie kennen zu lernen. Begleitet von seiner Tochter erschien er auch in Erlangen, um die Bekanntschaft meines Vetters zu machen und seine Vorlesungen zu besuchen. Ich lud ihn zu Tisch, und als wir vergnüglich getafelt hatten und er mich in guter Laune glaubte, machte er einen letzten Versuch, mich zu gewinnen. Er behauptete dabei, daß ich gar nicht so krank sei, er riskiere es ruhig mit mir und dann setzte er mit erstaunlicher Beredsamkeit die Vorzüge von Zürich auseinander, wobei er besonders die Annehmlichkeiten betonte, welche dort einem Junggesellen durch die Freiheit der Sitten geboten seien. Da er aber bald einsehen mußte, daß er mit mir kein Geschäft machen könne, so beschränkte er sich schließlich darauf, mir eine Reihe von interessanten Begebenheiten aus seinem Leben, vermischt mit köstlichen Schnurren, zu erzählen. Er war ein vortrefflich unterrichteter, sehr kluger Mann, mit allen guten Eigenschaften des Schweizers ausgestattet, der keine Mühe scheute, seinem geliebten Polytechnikum die bestmöglichen Lehrkräfte zuzuführen. Die große Blüte dieser Schule ist damals sicherlich zum erheblichen Teil das Werk von Kappler gewesen. Als ich ihm 4 Jahre später von Würzburg meine Verlobung anzeigte, schrieb er mir einen ebenso liebenswürdigen wie interessanten Brief. Das einzige, was ihm leid tue, sei, daß die Verlobung nicht in Zürich erfolgte. Dann kam eine lange Auseinandersetzung über die Bemühungen der Schweiz, auf dem weiten Gebiete des Unterrichts verhältnismäßig mehr zu leisten, als die europäischen Großstaaten, wo so viel geistige Kräfte durch die Politik und das Militär in Anspruch genommen seien.
Als er in Erlangen von mir Abschied nahm, sagte er: da ich nicht zu haben sei, so werde er sich jetzt um keinen fremden Rat mehr kümmern und einfach seiner Nase nachlaufen, um einen möglichst guten Nachfolger für Meyer zu gewinnen. Seine Wahl ist dann auf Hantzsch gefallen.
Anfangs Dezember verließ ich Erlangen, und da mir der dauernde Aufenthalt in den Kurorten zuwider geworden war, so ging ich zuerst zu meinem Schwager Arthur Dilthey in Rheydt, der ein behaglich eingerichtetes, mit Zentralheizung versehenes Haus besaß und mich ebenso liebenswürdig wie scherzhaft zur Kur in der Winterfrische zu Rheydt eingeladen hatte. Hier habe ich drei vergnügte Monate zugebracht. Der Tag wurde zu größeren Spaziergängen benutzt, und abends spielte ich, angeblich um die Stimme zu schonen, mit dem Schwager und August Fischer Skat. Dabei passierten aber so komische Dummheiten, daß wir aus dem Lachen nicht herauskamen, und da auch fleißig Wein getrunken wurde, so war es nicht gerade die Kur, die für die Heilung des Katarrhs nötig gewesen wäre. Aber er wurde auch nicht schlimmer und meine Gemütsverfassung hatte sich in dem lustigen rheinischen Kreise außerordentlich gebessert. Selbstverständlich kam ich auch mit meinen anderen Schwägern und den Schwestern häufig zusammen, und die alte Tante »Lisettchen« ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, den Neffen von Zeit zu Zeit einzuladen.
In der Weihnachtswoche kam es bei meinem Schwager zu einem kleinen Brand, der recht üble Folgen hätte haben können. Der in der trockenen Luft der Zentralheizung ganz ausgedörrte Christbaum wurde auf Wunsch der Kinder nochmals angezündet. Dabei fingen die harzreichen Nadeln Feuer und in kurzer Zeit war der ganze Baum am Brennen. Mir selbst war das kein ungewohntes Schauspiel, da man im Laboratorium ja öfters solche raschen Brände erlebt. Aber auf die Familie meines Schwagers, besonders auf die Kinder machte es einen ganz lähmenden Eindruck, und die Erzieherin der Kinder war so außer Fassung, daß sie direkt in das Feuer hineinlaufen wollte, um zu löschen. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie und die Kinder mit einiger Gewalt vor die Tür zu setzen, und dann das Kommando auszugeben: »Ruhig ausbrennen lassen.« Das war in einer halben Stunde geschehen, einige Vorhänge waren mitverbrannt, einige Bilder und Teppiche beschädigt. Dem Umgreifen des Feuers hatten wir mit ein paar Eimern Wasser gewehrt und die Sache war erledigt. Ich habe seitdem immer davor gewarnt, Christbäume in Häusern mit Zentralheizung nach mehrtägigem Stehen nochmals anzuzünden.
Bei der Weihnachtsbescherung passierte eine schnurrige Geschichte, die bezeichnend ist für den Kunstsinn der Kinder. Mein Schwager hatte als Geschenk einen Gipsabguß der Büste der Venus von Milo bekommen, die von den Kindern wegen der abgeschnittenen Glieder nicht sehr freundlich kritisiert wurde. Plötzlich erhebt die kleine Else die Frage: »Was hat die da für Buckel auf der Brust?«, worauf der noch jüngere sechsjährige Alfred ihr antwortete: »Wie dumm, Else, das sind doch Furunkel.«
Im Februar 1885 entschloß ich mich, das Frühjahr am Mittelmeer zu verleben, und mein Freund Victor Meyer, der inzwischen ebenfalls nervös erkrankt war und an heftiger Neuralgie litt, riet mir nach Ajaccio auf Corsica in den Schweizer Hof der Frau Dr. Müller zu gehen. Niemals ist mir ein besserer Rat bezüglich eines Kurortes erteilt worden. Die Reise ging über Paris und Marseille. Als ich in Paris abends einen kleinen Spaziergang auf dem Boulevard machte, verlor ich meine goldene Uhr und merkte es erst, als ich etwa 20 Schritte weiter gegangen war. Ich kehrte natürlich sofort um und hatte auch das Glück, die Uhr noch auf dem Boden zu finden, obschon eine ganze Reihe von Menschen die Stelle passiert hatten.