In Marseille kam ich mit einem großen Kreditbrief eines Cölner Bankhauses an, der auf eine ziemlich hohe Summe ausgestellt war, weil ich die Absicht hatte, an den Aufenthalt in Corsica eine Seereise nach Brasilien anzuschließen. Als ich mit diesem Brief in dem Geschäftshause, auf das es ausgestellt war, einige 1000 Frcs. abheben wollte, erklärte man mir, die Kasse enthielte so viel nicht. Es gab ein großes Gelächter, und ich mußte warten, bis das Geld von der Bank herbeigeschafft war. Marseille, das ich schon kannte, hat mir wegen seiner prächtigen Lage und der hübschen Hafenbauten immer von neuem sehr gefallen.

Die Seefahrt nach Ajaccio, die etwa 20 Stunden dauerte, ist mir noch in freundlicher Erinnerung. Die Franzosen waren bei der Tafel von ausgezeichneter Höflichkeit. Auf dem Schiff befanden sich auch eine Reihe von Sträflingen, die in Corsica eine längere Gefängnisstrafe abbüßen sollten. Sie unterhielten sich gegenseitig in der lauen, sternenklaren Nacht bei ganz ruhiger See mit Gesang und übermütigen Scherzen. Von dieser Fröhlichkeit wurde die ganze übrige Gesellschaft beeinflußt, und bei mir kam das angenehme Gefühl hinzu, daß die milde feuchte Luft des Mittelmeers für die erkrankten Schleimhäute meiner Atmungswege das richtige Kurmittel sei.

Früh morgens sahen wir schon die Schneeberge Corsicas winken und bei der Einfahrt in Ajaccio bot sich uns ein so prächtiger Anblick, wie ihn nicht viele Orte des Mittelmeeres gewähren.

Im Gasthof wurde man besonders freundlich empfangen, da der Besuch infolge der Choleraepidemie des vergangenen Sommers noch recht schwach war.

Corsica hat in den Monaten März und April so gute klimatische Verhältnisse, wie wenige Orte am Mittelmeer, sehr viel Sonne und mittags die kühle frische Seebrise, abends bei Sonnenuntergang nochmals eine kurze Periode der Abkühlung und dann gleichmäßige Temperatur bis tief in die Nacht hinein. Da man außerhalb der Stadt wohnte, blieb man auch von jedem Staub verschont, der an der Riviera die Menschen so stark belästigt; denn es gab in Corsica wohl Straßen, aber keine Fuhrwerke darauf. Unter diesen günstigen Bedingungen ist mein Bronchialkatarrh in 8 Wochen geheilt. Es blieb aber eine Neigung zu akuten Rückfällen, die mich noch einige Jahre nötigte, Erkältungen und auch die schädlichen Gase des Laboratoriums so weit wie möglich zu vermeiden. Erst nach 33 Jahren bin ich wieder von einem influenzaartigen Bronchialkatarrh überfallen worden, der nicht heilen wollte, und nach sechs Wochen zu einer Lungenentzündung führte. Diese doppelte Erkrankung war dann der Grund, im April und Mai 1918 zur Erholung sechs Wochen in Locarno am Lago Maggiore zuzubringen, und die unfreiwillige Muße habe ich benutzt, um den ersten Teil dieser Erinnerungen niederzuschreiben.

Corsica ist ein wildes Gebirgsland, dessen höchste Spitzen, der Monte d'Oro und Monte Rotondo, ewigen Schnee und sogar kleine Gletscher tragen. Der Hauptgebirgsstock besteht aus Granit, der hier durch den am Mittelmeer überwiegenden Kalk durchbrochen ist. Von der Wildheit der Natur ist etwas auf die Einwohner übergegangen; denn sie sind bekannt als kühne Krieger und rühmen sich gerne als die Landsleute von Napoleone Buonaparte. Seit Jahrhunderten üben sie die Blutrache, und noch zu meiner Zeit gab es ein Dorf in entlegener Gegend, das fast ausschließlich von solchen Mördern bewohnt war, die sich hierher geflüchtet hatten und der französischen Gendarmerie nicht selten bewaffneten Widerstand entgegensetzten. Die barbarischen Sitten des Landes sind in dem bekannten Buche von Gregorovius genau geschildert, und wer sie in anmutiger Schilderung kennen lernen will, der lese die vortreffliche Novelle von Prosper Merimée »Colomba«. Die Wahrung der Familienehre erschien den Corsen seit Jahrhunderten als erste Pflicht. Wir haben davon ein treffliches Beispiel miterlebt. In einem benachbarten Hotel hatte ein Rechtsanwalt aus Zürich versucht, ein corsisches Dienstmädchen zu gewinnen. Der Erfolg war negativ. Aber nach kurzer Zeit erschienen zwei Verwandte des Mädchens, Bauern aus der Umgegend, natürlich bis an die Zähne bewaffnet, und ersuchten den Rechtsanwalt um eine Unterredung. Dieser war klug genug, zu erklären, er habe dem Mädchen einen ehrlich gemeinten Heiratsantrag gemacht. Das wirkte beruhigend und die beiden Männer entfernten sich, nachdem sie noch den dringenden Rat erteilt hatten, er möge das Mädchen nicht weiter belästigen. Nach der Aussage von Sachverständigen würden diese Männer den Rechtsanwalt, falls er nicht eine der Familienehre genügende Erklärung abgegeben hätte, im Hotel niedergeschossen haben.

Geschossen wurde überhaupt in Corsica viel zu viel; denn die Jagd war frei und jeder erwachsene Mann hielt sich für verpflichtet, davon Nutzen zu ziehen. Bei weiteren Spaziergängen mußte man in der Tat einige Vorsicht gebrauchen, um nicht von leichtsinnigen Jägern angeschossen zu werden. Für die friedliche Arbeit scheinen die Corsen wenig geschaffen zu sein; denn die Landeskultur war durchweg vernachlässigt, und wo fleißige Arbeiter am Werk waren, konnte man sicher sein, daß es geworbene Italiener vom Festlande waren.

Da mein Katarrh geheilt war und mir die Nachricht zuging, daß durch den Tod von Kolbe demnächst eine Verschiebung der Professuren der Chemie stattfinden werde, so gab ich die Reise nach Südamerika auf und kehrte über die Schweiz nach Erlangen zurück. Auf der Durchreise habe ich in Genf Carl Graebe besucht, der mir das neue, mit großem Geldaufwand gebaute Universitätslaboratorium zeigte. Wir sind später noch öfter während der Ferien in der Schweiz oder im Schwarzwald zusammengetroffen, und ich werde noch mehr über diesen vortrefflichen Mann zu sagen haben.

Da mein Urlaub bis zum Herbst lief, so habe ich mich nur einige Wochen in Erlangen aufgehalten, um meinen Vetter Otto und die anderen Freunde zu begrüßen, und bin dann zum längeren Aufenthalt nach Badenweiler in den Schwarzwald gegangen. Auf der Hinreise machte ich kurze Rast in Frankfurt und besuchte die Höchster Farbwerke, den dort tätigen Freund Vongerichten und vor allem auch Herrn Dr. Lucius, Mitinhaber der Firma, der mir vorher einen Besuch in Erlangen abgestattet hatte. Ich wurde nicht allein in der Fabrik, sondern auch in der Familie Lucius auf das Freundlichste aufgenommen und bin mit dem Hausherrn bis in die Berliner Zeit hinein in Verkehr geblieben.

In Badenweiler mit seiner prächtigen Umgebung habe ich das Schlaraffenleben von Corsica etwa noch 5 Wochen fortgesetzt, bis eines Tages eine Depesche von dem Würzburger Professor Semper eintraf, der mich zu einer Unterredung nach Heidelberg einlud. Es war mir bereits bekannt, daß J. Wislicenus als Nachfolger von Kolbe nach Leipzig berufen war, und daß die Würzburger Professur für Chemie neu besetzt werden mußte. Daß man an mich denken würde, hielt ich für unwahrscheinlich, da ich wegen Krankheit mich in Urlaub befand und solche Dinge gerüchtweise immer stark übertrieben werden. In der Tat hatte auch die Fakultät in Würzburg auf mich verzichtet und O. Wallach dem Ministerium zu München vorgeschlagen. Ehe aber dort die Entscheidung fiel, hatte Fräulein Bertha Strecker aus München, die Schwester von Frau Leube, in Erlangen erfahren, daß ich wieder gesund sei und diese Nachricht nach Würzburg überbracht. Das veranlaßte Professor Semper, Mitglied der philosophischen Fakultät, die Möglichkeit meiner Berufung wieder in Erwägung zu ziehen, und zu dem Zweck die Zusammenkunft mit mir zu veranstalten. Sie fand statt im Hotel Schlieder zu Heidelberg, und, wie ich bald merkte, lief sie hinaus auf eine Prüfung meines Gesundheitszustandes, wozu sich offenbar Semper als Zoologe besonders geeignet hielt. Als später die Sache in Würzburg ruchbar wurde, erzählten sich die Leute dort, man habe mich von einem Tierarzt untersuchen lassen. Genug, Semper machte mir den Vorschlag, einen Spaziergang zum Schloß zu unternehmen. Obschon er viel älter war als ich, schlug er absichtlich einen raschen Schritt an, so daß er ganz atemlos oben ankam, während ich, an das Bergsteigen damals gewöhnt, mich bei dem Tempo sehr behaglich fühlte. Dann kam die zweite Probe, Semper schlug vor, eine Flasche Sekt zu trinken. Auch das war mir nicht unsympathisch, da der Genuß von Wein zu meinen Gewohnheiten gehörte. Der Erfolg dieses Frühstücks war dann auch, wie man erwarten konnte, eine leichte Betrunkenheit des älteren Herrn ohne Mitleidenschaft des jüngeren Kollegen. Das Examen war bestanden. Semper reiste nach Würzburg zurück, erklärte seinen Fakultätsgenossen, »der Fischer ist ein ganz starker, leistungsfähiger Mann, der uns alle überleben wird«, worin er auch recht behalten hat. Infolgedessen ging ein neuer Vorschlag der Fakultät nach München und etwa einem Monat später erhielt ich wirklich vom Ministerium den Ruf nach Würzburg. Um Wallach hat es mir leid getan, denn er war über den ersten Vorschlag der Fakultät unterrichtet. Aber ich konnte deshalb nicht zurücktreten, und da mir der Wechsel nach Würzburg außerordentlich sympathisch war, so nahm ich das Angebot des Ministeriums gerne an.