Zuvor hatte ich einen mehrwöchigen Aufenthalt in Homburg v. d. Höhe genommen, von dem mir zwei Ereignisse in Erinnerung geblieben sind.

Zunächst wieder ein Wagenunglück. Ich besuchte die mir von Lebzeiten ihres Gemahls her wohlbekannte Frau Dr. von Brüning, geb. Spindler aus Berlin auf ihrem prächtigen Landsitz bei Homburg und sie lud mich zu einer Wagenfahrt ein. Ich suchte das abzulehnen mit der Motivierung, daß das Wagenfahren für mich zu viele Gefahren bringe. Sie ließ diese Bedenken aber nicht gelten, weil Pferde und Kutscher bei ihr durch langjährige Dienste bewährt seien. Wie fuhren also in Begleitung ihres Sohnes nach der nahegelegenen Saalburg im Taunus. Als wir uns glücklich wieder auf dem Rückweg und auf der ebenen Landstraße befanden, stieß plötzlich der Kutscher einen Schrei aus und fiel bewußtlos vom Bock. Die Zügel schleiften natürlich an der Erde. Glücklicherweise trabten die alten Pferde ruhig weiter, bis der junge Brüning vom Wagen auf den Bock klettern und dort die Zügel fassen konnte. So ging die Sache ohne Schaden für uns vorüber. Der kranke Kutscher wurde nun in den Wagen gesetzt und nach Hause gefahren. Wir folgten zu Fuß und Frau von Brüning war doch etwas erschüttert durch das prompte Eintreffen meiner Unglücksprophezeiung. Sie hat daraus die Konsequenz gezogen, in Zukunft neben den Kutscher stets noch einen Diener auf dem Bock sitzen zu lassen.

Zufälligerweise hatte auch die Familie Meister in Homburg eine Sommerwohnung bezogen und auf meinen Besuch hin wurde ich zu einer Abendgesellschaft zugezogen, an der die Fürstin Bismarck und ihr Sohn Herbert teilnahmen. Es war mir natürlich sehr interessant, die nächsten Angehörigen des großen Reichskanzlers kennen zu lernen. Sie gaben sich als einfache natürliche Menschen. Besonders galt das von der Fürstin, die in fast burschikoser Weise von ihrer eigenen Person redete.

Frau Meister war die Schwester von Frau Lucius und beide waren wieder die Töchter eines Kunstmalers aus Frankfurt a. M., in dessen Haus Bismarck verkehrt hatte, als er preußischer Gesandter beim Bundesrat in Frankfurt war. Daher stammte die Freundschaft zwischen den beiden Damen und der Familie Bismarck, und das hatte mir die unerwartete Ehre eingetragen, mit der Fürstin und ihrem Sohn zusammenzutreffen.

Inzwischen war der Würzburger Ruf eingetroffen. Ich ging deshalb nach Erlangen, um den Umzug vorzubereiten und machte bald nachher einen Besuch bei J. Wislicenus in Würzburg, um mich bei ihm über die dortigen Verhältnisse, insbesondere auch über die Einrichtungen des Instituts zu unterrichten. Wir kannten uns schon von den Naturforscherversammlungen und von festlichen Veranstaltungen der Universitäten Würzburg und Erlangen.

Er war eine sympathische Persönlichkeit, von sehr würdiger äußerer Erscheinung und liebenswürdigem Wesen. In seiner kinderreichen Familie herrschte er wie ein Patriarch. Von seinen Schülern wurde er allgemein verehrt als wohlwollender Lehrer und vornehmer Charakter. Die Universität Würzburg hatte ihn zweimal zum Rektor gewählt, und als solcher hat er das 300jährige Jubiläumsfest der Hochschule in mustergültiger Weise geleitet. Sein Lebenswerk ist in einer von Beckmann verfaßten Biographie geschildert und niemand wird die Verdienste leugnen wollen, die Wislicenus durch seine Arbeiten über Milchsäure, die Acetessigester-Synthese und namentlich später durch die vielen Anregungen auf stereo-chemischem Gebiete erworben hat. Aber als Chemiker und Naturforscher repräsentierte er doch einen ganz anderen Typ wie Baeyer, Hofmann oder Liebig und Wöhler. Ihm kam es mehr darauf an, vorgefaßte theoretische Ansichten durch ein Experiment zu prüfen, als empirisch den Erscheinungen zu folgen und auf unerwartete Vorgänge zu fahnden. Untersuchungen, wo große experimentelle Schwierigkeiten zu überwinden waren, hätte er wahrscheinlich nicht anstellen können. Dem entsprach auch die ziemlich dürftige Einrichtung des Würzburger Instituts, das von Scherer 20 Jahre früher erbaut worden war, ohne an die Bedürfnisse unserer rasch fortschreitenden Wissenschaft zu denken. Das erste, was ich in Würzburg tat, war der Vorschlag, die ganz ungenügende Ventilation durch Anlage neuer Abzüge zu verbessern. Wislicenus hat mich dabei in liebenswürdigster Weise unterstützt und bei dem Verwaltungsdirektor der Universität, Professor Risch, der aus den Einkünften der Hochschule ziemlich große Mittel zur Verfügung hatte, meine Forderung warm befürwortet. Die Verhandlungen endigten denn auch mit einer Bewilligung von etwa 6000 Mk. Dafür verlangte Risch von mir das feierliche Versprechen, daß ich niemals mehr die Mittel der Universität in Anspruch nehmen würde. Ich gab dasselbe lachend mit der Bemerkung, daß ich es bei der nächsten Gelegenheit brechen würde. Das ist schon nach einigen Jahren geschehen, und ich muß zu Ehren des Kollegen Risch zufügen, daß er für meine Wünsche immer eine offene Hand gehabt hat. Die kleinen Neueinrichtungen im Institut wurden während der Ferien ausgeführt, so daß Ende Oktober alles für die Arbeit bereit war. Für die Anlage der Abzüge hatte ich ein sehr einfaches System ausgedacht. Tonröhren, wie man sie für Aborte verwendet, wurden an die Wände gelegt, mit eisernen Schellen befestigt, über Dach geführt und dort durch einen zweckmäßigen Aufsatz gegen die schädliche Wirkung des Windes geschützt. Unten, im Arbeitsraum war ein Kniestück eingesetzt, um das Herabfallen des Schmutzes aus den Röhren zu verhindern. Um diese untere Öffnung des Rohres wurde dann der eigentliche Abzug in Holz und Glas gebaut. Eine Lockflamme in dem Rohr besorgt den nötigen Luftzug. Diese einfache Form des Abzuges läßt sich in jedem Gebäude anbringen und ist deshalb höchst empfehlenswert, wo es sich darum handelt, provisorische Laboratorien in fertigen Häusern einzurichten.

Von Erlangen waren mit übergesiedelt J. Tafel und die Familie Knorr, die jetzt außer dem jungen Ehepaar noch einen Sohn zählte. Da sich für letztere keine passende Wohnung fand, so machte es mir ein Vergnügen, sie in die große Dienstwohnung des Instituts aufzunehmen, bis sie im Frühjahr ein Quartier außerhalb fand.

Die alten Assistenten des Instituts waren J. Wislicenus nach Leipzig gefolgt. Dagegen hatte er mir seinen Sohn Wilhelm zurückgelassen, dem ich gerne eine Assistentenstelle anvertraute, und der mir auch ein sehr lieber Freund geworden ist. Er konnte ebenfalls noch im Institut Quartier nehmen.

Knorr, der schon in Erlangen sich habilitiert hatte, wurde auf meinen Antrag ohne weiteres von der Würzburger Fakultät als Privatdozent übernommen und von mir mit der Leitung der analytischen Abteilung im Institut betraut. Für diese war der einzige große Arbeitssaal des Hauses reserviert, während die organische Abteilung sich mit einem kleinen Anbau und dem darunter befindlichen Keller begnügen mußte. Alles das war recht dürftig und auch recht unpraktisch angelegt. Der Hörsaal war ziemlich geräumig, weil man ihn von vornherein auf die große Zahl von Medizinern berechnet hatte, aber auch seine Einrichtung ließ viel zu wünschen übrig.

Mein Privatlaboratorium bestand aus einem einzigen einfachen Wohnzimmer, und als Raum für Wägungen und optische Untersuchungen mußten wir das danebenliegende Sprechzimmer benutzen. Trotzdem sind hier die experimentell recht schwierigen Zuckerarbeiten ausgeführt worden. Zunächst begann ich aber mit der Ausbildung der schon in Erlangen begonnenen Synthese von Indolderivaten aus Phenylhydrazonen. Daran nahmen auch die meisten Doktoranden teil, wodurch das Institut gleich in einen recht schlechten »Geruch« kam; denn der Hauptstänker, das Skatol, das wir in recht stattlichen Mengen darstellen konnten, wurde von den Praktikanten in die Gast- und Wohnhäuser der Stadt hineingetragen und gab zu mancherlei Klagen Anlaß. Von der Haftbarkeit seines Geruches habe ich selbst ein drastisches Beispiel erlebt. In den Osterferien 1886 unternahm ich nämlich eine zweite Reise nach Corsica und führte dabei die Lodenjoppe mit, die ich während des Winters im Laboratorium getragen hatte und die mir bei kleinen Bergtouren auf der Insel dienen sollte. Als mein Koffer an der französischen Grenze vor der Zollbehörde geöffnet wurde, verweigerte der Beamte mit einer Gebärde der Entrüstung die weitere Durchsicht und verlangte schleunige Schließung des Koffers; denn aus diesem war ein starker Skatolgeruch aufgestiegen und hatte offenbar bei dem Beamten den Eindruck hervorgerufen, daß in dem Koffer sehr stark mit Kot beschmutzte Wäsche enthalten sein müßte. Noch schlimmer ging es mir in dem Schweizer Hof in Ajaccio. Ich hatte dort ahnungslos meine Kleider im Zimmer aufgehängt. Aber nach einigen Tagen erschien die Wirtin und richtete an mich die ängstliche Frage: »Um Gotteswillen, was fangen Sie auf Ihrem Zimmer an, die Nachbarschaft beschwert sich über den schlechten Geruch, der von dort kommt?« Jetzt wußte ich sofort, wo die Schuld lag, und die fatale Joppe wurde nun 14 Tage ins Freie in die corsische Sonne gehängt. Als ich sie aber wieder einpackte und nach Deutschland zurückkehrte, war der Geruch zwar stark vermindert, aber noch keineswegs verschwunden.