In Würzburg hatte ich von vornherein das Glück, daß mir eine Reihe tüchtiger junger Doktoranden zuzogen. Ich erwähne zunächst A. Schlieper, Sohn des Kattundruckers Adolf Schlieper in Elberfeld, der 30 Jahre vorher durch seine Beobachtungen in der Harnsäuregruppe Adolf Baeyer Veranlassung gab, sich mit diesen Stoffen zu beschäftigen. Der Sohn ist sein Nachfolger geworden und steht, wenn ich nicht irre, noch an der Spitze des Geschäftes Baum & Co. Eine ebenso rühmliche Laufbahn hat C. Steche gemacht, der zur selben Zeit nach Würzburg kam. Er ist jetzt der Leiter der großen Riechstofffirma Heine & Co. in Leipzig. Dann Ahrheidt, später Beamter der Badischen Anilin- & Sodafabrik. Friedrich Ach aus Würzburg, ein ebenso begabter wie fleißiger Chemiker, der nebenher auch ein eifriger Corpsstudent war und mit dazu beitrug, daß seine Corpsbrüder die Vorlesungen nicht vernachlässigten. Er ist nach Beendigung der Studien in die Alkaloidfabrik von C. F. Böhringer & Söhne in Waldhof bei Mannheim eingetreten und hat dort als Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums großen Anteil an der technischen Ausarbeitung der Kaffeinsynthese genommen. Darüber werde ich aus der Berliner Zeit noch berichten. Leider ist er frühzeitig an Psoriasis und Nephritis zugrunde gegangen.
Ferner Jacob Meyer, der später selbständig das Tannigen entdeckte, jetzt seit einer Reihe von Jahren im Berliner Institut technische Probleme verschiedenster Art bearbeitet und mir bei der Verwaltung des Instituts eine wesentliche Hilfe leistet.
Im Sommer 86 wandte ich mich wieder den schon in Erlangen entdeckten Osazonen der Zucker zu und es gelang mir, mit Unterstützung von W. Wislicenus, der damals mein Privatassistent war, das Isoglucosamin zu gewinnen. Bald darauf, nachdem die Indolarbeiten abgeschlossen waren, begannen die Synthesen in der Zuckergruppe, die mich bis zum Ende der Würzburger Periode vorzugsweise beschäftigt haben. Die Zahl meiner Mitarbeiter ist hier so groß gewesen, daß ich sie nicht alle anführen kann, aber ich halte mich doch für verpflichtet, drei besonders zu nennen. Zuerst J. Tafel, der an der Oxydation der mehrwertigen Alkohole und der Verwandlung von Glycerose oder Acroleindibromid in den ersten synthetischen Zucker mit 6 Kohlenstoffatomen, die Acrose, teilgenommen hat. Das waren sehr mühsame und zum Teil auch recht gesundheitsschädliche Arbeiten.
Um genügende Mengen von Acrose in Form von Osazon zu gewinnen, haben wir einige Wochen zusammen in den Farbwerken Meister Lucius & Brüning zu Höchst a. M. mit den großen Hilfsmitteln der Fabrik Acrolein und sein Dibromid dargestellt. Das große Gefäß, aus dem das Acrolein destilliert wurde, befand sich im Freien, und die öfter wiederholte Operation wurde an windigen Tagen ausgeführt, um dem furchtbaren Geruch des Acroleins zu entgehen. Tafel ist einmal durch Versehen in eine Acroleinwolke hineingeraten und bekam ein so heftiges Nasenbluten, daß mir um seine Gesundheit bangte. Als etwas später die Schwierigkeiten bei der Zuckerarbeit sich immer mehr auftürmten und eine glückliche Lösung des Problems erst in weiter Ferne möglich schien, hat Tafel, der für die beabsichtigte wissenschaftliche Laufbahn auch selbständige Resultate nötig hatte, sich anderen Aufgaben zugewendet. An seine Stelle sind dann eine Reihe von anderen Herren getreten, unter denen ich besonders Josef Hirschberger, jetzt in Brooklyn, und Heller, jetzt in Leipzig, nennen muß. Bei der speziellen Synthese von kohlenstoffreichen Zuckern durch das Blausäure-Verfahren haben besonders der Engländer Passmore, der jetzt angesehener Handelschemiker in London ist, und Lorenz Ach aus Würzburg, von dem später noch die Rede sein wird, teilgenommen.
Unabhängig von mir waren die älteren Assistenten mit eigenen Problemen beschäftigt. Knorr hatte in Erlangen schon den großen praktischen Erfolg mit dem Antipyrin gehabt und wissenschaftlich nicht allein die Pyrazole, sondern auch die eleganten Synthesen von Pyrrolderivaten aus 1,4-Diketonen entdeckt. Diese Funde sind in Würzburg in weitestem Maße ausgenutzt worden. Dazu gesellte sich die Synthese des Morpholins, von dem der Entdecker annahm, daß es den Stickstoffring des Morphins enthalte.
Einen ebenso glücklichen Griff machte Wilhelm Wislicenus mit der Ausdehnung der Acetessigestersynthese auf andere Ester, z. B. den Oxalester. Wäre ihm L. Claisen nicht mit gleichzeitigen Beobachtungen in die Quere gekommen, so hätte er damals sicherlich das ganze große Gebiet der Kondensation von Estern untereinander oder mit Ketonen und Aldehyden erobert. Eine andere sehr niedliche Beobachtung von ihm war die Bildung von Natriumazid aus Stickoxydul und Natriumamid. Um dieselbe Zeit fand Tafel die Reduktion der Hydrazone zu Aminen mit Natriumamalgam und er hätte diese Reaktion sicherlich auch auf die Oxime ausgedehnt, wenn nicht Goldschmidt alsbald nach Tafels Publikation solche Versuche rasch angestellt und veröffentlicht hätte.
Von den Würzburgern Schülern verdient noch besonders Erwähnung Oscar Piloty. Nachdem er im Münchener Verbandsexamen keinen Erfolg gehabt hatte, kam er in etwas gedrückter Stimmung nach Würzburg, fand aber rasch das Selbstvertrauen wieder, als er bei seiner Doktorarbeit über die kohlenstoffreichen Zucker aus Rhamnose sein experimentelles Geschick beweisen konnte. Er hat dann auch mit Erfolg promoviert und nachher an der recht schwierigen Verwandlung der Zuckersäure in Glucuronsäure teilgenommen. Er durfte jetzt auch Baeyers einzige Tochter Eugenie, mit der er schon längst einig war, heiraten. Das junge Paar kam nach Würzburg und dem Ehemann passierte dabei das Unglück, daß er auf der Hochzeitsreise die militärische Kontrollversammlung vergaß und dafür mit einer kleinen militärischen Freiheitsstrafe belegt wurde. Zu meiner großen Freude entschloß er sich, mit mir nach Berlin überzusiedeln, um dort fast 7 Jahre als Assistent und später als selbständiger Leiter der analytischen Abteilung zu wirken. Als sich aber eine Gelegenheit bot, eine Professur an dem Münchener Laboratorium zu erhalten, zog die alte Sehnsucht nach der bayerischen Heimat sowohl ihn wie die Gemahlin unwiderstehlich dorthin, obschon er ein Vierteljahr später an dem neuen Berliner Institut die gleiche Stellung, vielleicht unter noch besseren Bedingungen, hätte haben können.
Die schönen wissenschaftlichen Leistungen Pilotys, die von einem anderen Fachgenossen in einem ausführlichen Nekrolog geschildert werden sollen, haben mein ursprüngliches Urteil über seine experimentelle Begabung durchaus bestätigt, und ich habe mich darüber um so mehr gefreut, als sein Schwiegervater diese Meinung anfangs nicht teilen wollte.
Zu Anfang des unseligen Krieges hatte Piloty das wehrpflichtige Alter schon überschritten. Trotzdem meldete er sich aus patriotischer Begeisterung als Freiwilliger, und ich konnte noch durch eine Empfehlung an die bayerische Militärbehörde seine Beförderung zum Leutnant d. R. erleichtern. An der Spitze einer Maschinengewehrabteilung ist er in der Sommeschlacht gefallen, tief bedauert nicht allein von der Familie, sondern auch von Freunden und Fachgenossen, die von ihm noch manche schöne wissenschaftliche Leistung erwarteten.
Im letzten Jahr der Würzburger Periode kam auch ein junger Däne Dr. Fogh dorthin, um eine thermochemische Arbeit, hauptsächlich über die Verbindungen der Zuckergruppe, auszuführen. Er hatte sich zuvor bei M. Berthelot in Paris mit den thermochemischen Methoden bekannt gemacht und auch eine Reihe von Instrumenten von dort mitgebracht. Nur die Verbrennungsbombe fehlte ihm, aber in den Ferien konnte er nach Paris reisen und dort die kalorischen Verbrennungsversuche ausführen. Die Arbeit ist in den »Comptes rendus« erschienen. Dr. Fogh ist ebenfalls mit mir nach Berlin gegangen und dort eine Zeitlang Assistent in der anorganischen Abteilung gewesen. Aber aus Gesundheitsrücksichten mußte er bald Urlaub nehmen und ist schließlich nach Kopenhagen zurückgekehrt, von wo er mir nur noch eine Verlobungsanzeige geschickt hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.